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100 Jahre Audi

Spätheimkehrer - Der letzte Horch

Horch 830 BL Foto: Frank Herzog 20 Bilder

Fast fünf Jahrzehnte galt der Horch von Auto Union-Direktor Richard Bruhn als verschollen. Auf dem Chassis eines Vorkriegs-830 BL entstand die große Ponton-Limousine 1953 als Einzelstück. Jetzt soll er in den Auslieferungszustand von 1953 zurückrestauriert werden.

20.09.2009 Alf Cremers Powered by

Sein Blick ist leer. Aus tiefen Scheinwerferhöhlen stiert er anklagend in die Runde, als fordere er Entschädigung für das Siechtum der letzten vierzig Jahre. Er wirkt verbraucht, vom Tode gezeichnet, fühlt sich in der kühlen, selbstbewussten Glas-und-Granit-Welt des Audi-Forums verloren wie ein Obdachloser vor einer Cartier-Boutique.

Mysterious german car: Der Weg des letzten Horch in die USA
 
Über und über mit Flugrost überzogen wirkt er wie eine Titanic des Kontinents. Seltsam konserviert, die Scheiben bis auf die Scheinwerfergläser noch alle heil, aber dennoch dem Verfall preisgegeben.
 
Der Dachhimmel hat sich längst in Staub verflüchtigt, doch die drei Fondleuchten sitzen noch an Ort und Stelle - als wäre all die Jahre nichts gewesen. Nur die geflügelte Weltkugel, das stolze Familienemblem, haben sie ihm genommen, wie wenn man einem Offizier die Schulterklappen abreißt. Aber er kommt nicht aus Sibirien, sondern aus Texas, war nie in Kriegsgefangenschaft, sondern wanderte einst aus. Unfreiwillig in den nicht immer sanften Händen eines heimkehrenden US-Soldaten, verschlug es den letzten Horch, den Ex-Dienstwagen des Auto Union-Direktors Dr. Richard Bruhn, in die USA.
 
Damals trug er das Kennzeichen: 7C 72725-US. Forces in Germany, 1957. Kaum ging Bruhn in den Ruhestand, schon veräußerte man pietätlos sein Auto. Vielleicht musste er aber als späteres Aufsichtsratsmitglied auch Mercedes fahren, schließlich war Daimler-Benz 1957 kurz davor, die Auto Union zu übernehmen.
 
Tradition passte nicht in die Zeit des Wirtschaftswunders und des Vergessens. Horch war gestern. Wusste der GI, dass sich hinter dem Einzelstück, das aussieht wie ein Mercedes 300, das Vermächtnis einer großen Automarke verbarg? Wohl kaum, denn 1967 landete der herrschaftliche 3,8-Liter-V8 wegen eines Getriebedefekts auf einem texanischen Autofriedhof. Der Schrotthändler rief seinen autoverrückten Kumpel an, es war Al Wilson.
 
Der Texaner aus San Angelo zahlte 500 Dollar und bewahrte damit den Horch vor dem Schlachten, stellte ihn zu den anderen waidwunden Schlitten auf seiner Koppel. In den späten Siebzigern erwachte plötzlich Al Wilsons Interesse an dem "mysterious german car".
 
Ralf Hornung holt den letzten Horch zurück nach Deutschland
 
Er machte es fahrbereit, schrieb Briefe an Audi, an den VEB Sachsenring, sandte Fotos an den Automobil-Chronisten Werner Oswald und an dem Dresdner Horch-Experten Dr. Peter Kirchberg. Die Resonanz war schwach. Das Getriebezahnrad im Horch brach erneut, Wilson stellte ihn für immer ab, die Sache geriet in Vergessenheit.
 
In San Angelo auf dem dürren buschgesäumten Wüstengrundstück seines ebenso barmherzigen wie erbarmungslosen Retters Al Wilson vegetierte der Horch dahin. Dort, wo sein tiefschwarzer Nitrolack und seine grobgewirkten Tweedpolster langsam in der Sonne verbrannten, entdeckte ihn im Frühjahr 2007 Ralf Hornung von der Audi Tradition. Der entscheidende Tipp an den Audi-Scout, der seltene Vierringe-Autos ankauft und kostspielige Restaurierungen vergibt, kam diesmal von den Söhnen Al Wilsons.
 
Hornung machte ein sehr diskretes Angebot, rasch schlug der 78-jährige Wilson mit den Worten "This car belongs to Germany" ein. Der Bruhn-Horch kehrte ein paar Monate später im Container zurück nach Ingolstadt. Sechs Wochen stand er letzten Sommer im museum mobile, so wie er war. Perfekt inszeniert zwischen Sand, Säulenkaktus und einer Handvoll rostigem Eisen, die von einem abgerauchten Ford A stammen könnte.
 
Der letzte Horch soll auferstehen aus seinen Ruinen
 
Jetzt wird er restauriert, so wie er war, als ihn die Auto Union-Belegschaft ihrem Chef Dr. Richard Bruhn am 25. Juni 1953 zu seinem 67. Geburtstag überreichte. Jetzt hatte der Auto Union-Direktor seinen standesgemäßen Dienstwagen, musste nicht länger im DKW F 91, im DKW Sonderklasse 3 = 6, zwischen den Werken Ingolstadt und Düsseldorf pendeln.
 
Eine angenehme Atmosphäre, V8 statt Dreizylinder, 92 statt 34 PS. Chauffeur, Trennscheibe, Leseleuchten im Fond, Dauertempo 120 im Autobahn-Ferngang - so lässt es sich reisen. Der Bruhn-Horch entstand auf dem Kastenprofilrahmen einer Vorkriegs-Pullman-Limousine vom Typ 830 BL, Baujahr 1939. In nur fünf Monaten entstand über einer eigens angefertigten, millimetergenauen Holzlehre eine sanft angedeutete Ponton-Form mit fließenden Linien. Nur wenige Teile der Karosserie wurden noch in traditioneller Gemischtbauweise gefertigt, bei der Holz mit Stahlblech umhüllt wurde.
 
Die attraktive Hülle schien wie eine Synthese aus Adenauer-Mercedes und großem DKW 3 = 6, der 1953 schon auf dem Reißbrett entstand. Der Automobil- Chronist Werner Oswald vermutete in seiner Horch-Chronik von 1979 den Ravensburger Karossier Spohn als Blechlieferant für den Bruhn-Horch. Aber Zeitzeuge Erwin Appel (83), Karosseriebauer, weiß es besser, er war dabei. "Alles wurde bei uns in Ingolstadt in Handarbeit über der Holzform gedengelt. Für einen Kotflügel brauchten wir eine Woche. Schade, dass es ein Einzelstück blieb."
 
Moderne Konstruktion, aufwendige Technik
 
Für Ralf Hornung ist der Wagen trotz kostspieliger Restaurierung ein Glücksfall, weil er fast völlig komplett erhalten blieb: "Sogar die Radkappen sind noch dran und das Horch-Emblem auf der Kofferraumklappe. Auch so wichtige Teile wie die Instrumente müssen nicht rekonstruiert, sondern nur sorgfältig aufgearbeitet werden." Auch firmenhistorisch betrachtet ist der Bruhn-Horch wichtig. Er zeigt, dass die Horch-Geschichte nicht nur im Osten mit dem Sachsenring P 240, sondern auch im Westen noch ein Stück weiter ging. Bis der repräsentative Audi V8 von 1988 die Horch-Lücke wieder schloss.
 
Auch Anfang der Fünfziger verdient die aufwendige Technik des Horch 830 BL noch das Prädikat modern. Das gilt für Motor und Fahrwerk mit komfortabler und sturzkonstanter De Dion-Doppelgelenkachse gleichermaßen. Der sehr flach bauende V8-Motor mit der zentralen kettengetriebenen Nockenwelle und den liegend angeordneten Ventilen im gusseisernen Zylinderkopf wurde für die "kleine" Baureihe 830 und 930 Anfang der Dreißiger von Werner Strobel konstruiert. Sie konnten weit günstiger produziert werden als die großen Königswellen-Reihenachtzylinder, für die Horch stand.
 
Es gab den kleinen V8 in vier Varianten vom fast quadratischen 3,0 bis zum deutlich langhubigen 3,8-Liter, Hubraum (78 x 100 mm). Die beiden größeren Varianten wurden von zwei Solex-Flachstrom-Vergasern alimentiert. Im Bruhn-Horch fallen 92 PS bei lässigen 3.600/min an, da genügen auch drei Kurbelwellenlager. Das Vierganggetriebe von ZF besitzt einen zuschaltbaren 1:0,714 untersetzten Autobahn- Ferngang. Trotzdem braucht der Horch bei der geringen Verdichtung von 6,1:1 rund 20 Liter, Tankinhalt 75 Liter.
 
Für die 580 Kilometer lange Strecke von der Motorrad- und Schnelllaster-Hochburg Ingolstadt bis hin zum PKW-Standort Düsseldorf hätte es Direktor Bruhn damals nicht gereicht.

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