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100 Jahre Rallye Monte Carlo

Walter Röhrl und die Königin der Rallyes

Ralley Monte Carlo, Walter Röhrl Foto: Michael Orth, McKlein 39 Bilder

In 100 Jahren Rallye Monte Carlo wurde viel über große Siege geredet. Reden wir jetzt mal über großen Sport. Walter Röhrl erinnert sich an die beste Rallye seines Lebens, bei der er nicht mal aufs Treppchen kam.

21.01.2011 Markus Stier Powered by

Die Rallye Monte Carlo wird in diesem Jahr 100 Jahre alt, und jetzt reden alle wieder über die großen Siege. Und auch wenn der Franzose Sébastien Loeb in diesem Jahrtausend den Rekord von fünf Gesamtsiegen aufgestellt hat und zuvor der Finne Tommi Mäkinen vier Mal in Folge die Königin der Rallyes gewann, drehen sich die Geschichten am Kaminfeuer irgendwann unweigerlich um Röhrl und Munari.

Röhrl und die Monte: Vier Siege mit vier verschiedenen Marken

Sandro Munari machte bei der Rallye Monte Carlo mit einem Lancia Fulvia 1972 auf sich aufmerksam, räumte aber erst richtig mit dem Lancia Stratos ab. Diese rotweißgrüne Einheit holte von 1975 bis 1977 die Siege zwei bis vier bei der Rallye Monte Carlo. Röhrl gewann 1980 im Fiat 131 Abarth, 1982 im Opel Ascona 400, 1983 im Lancia 037 und 1984 im Audi Quattro die Rallye Monte Carlo, also auf vier verschiedenen Autos, sozusagen das bessere Torverhältnis.

In den Statistiken liest es sich so leicht, aber es war immer schwer, die Rallye Monte Carlo zu gewinnen. Die engen Bergsträßchen in der Ardèche und den Seealpen mit ihren unberechenbaren Straßenverhältnissen forderten unfassbare Konzentration und noch unfassbar mehr Intuition. Egal, was die Eisspione vor ein paar Stunden noch im Aufschrieb des Beifahrers notiert hatten: Wenn die Hinterräder am Start erst losscharrten, wurde neu gemischt. Hinter jeder Ecke auf der Rallye Monte Carlo-Strecke konnte eine Eisplatte lauern, und dann ging es ent weder in eine solide Felswand oder gegen ein marodes Mäuerchen, hinter dem nicht selten ein Abgrund von 100 Metern lauerte.

Die Monte-Männer konnten das alles irgendwie ausblenden. "Wenn ich entschieden hatte, ich fahre die Kurve voll, hatte ich nie die geringsten Zweifel, dann gab es keine Angst und keine Bedenken", sagt Walter Röhrl. Die Sache mit dem Siegen wird natürlich ungemein erleichtert, wenn man das richtige Auto zur richtigen Zeit hat. Munari wäre kaum die Legende geworden, wäre er nicht das Lieblingskind von Lancia-Sportchef Cesare Fiorio gewesen und hätte er nicht im bei weitem überlegensten Auto seiner Zeit gesessen. Röhrl hätte in den heckgetrieben Ascona und 037 bei der Rallye Monte Carlo nie gewonnen, wenn nennenswert Schnee gelegen hätte.

1976 - Röhrl im Kadett: "Der heimliche Sieger"

Und so sind erste Plätze in den Annalen der Rallye Monte Carlo eine Sache, größte Leistungen eine andere. Da stand nun also Sandro Munari mit 9.22 Minuten Vorsprung im Hafen von Monte Carlo, und als man ihm in diesem Januar 1976 gratulierte, war die Diva aus Cavarzere sich nicht zu schade, einem anderen ein kleines Denkmal zu setzen: "Der heimliche Sieger ist Röhrl", verriet er leise. Er war möglicherweise die beste Rallye seines Lebens, denn Röhrl fuhr einen kleinen Opel Kadett. Opel, das war schon immer das Auto der kleinen Leute, und so trat man unverdrossen gegen Lancias Rohrrahmen-Raumschiff mit Ferrari-V6 und 300 PS hinter den Sitzen an. 500 dieser handverlesenen Raketen gab es auf der Welt.

Opel kam mit dem feschen C-Coupé - in der Gruppe 2 mit dicken Backen auf "verbesserter Tourenwagen" getrimmt, stramme 185 PS an das anfällige Kardanmittellager sendend, Topspeed 168 km/h. Der Lancia schaffte 195. "Gegen die Stratos saßen wir in einem Kinderwagen", sagt Röhrl. Es ist in etwa so, als hätte man damals gegen Goliath nicht David, sondern Florian Silbereisen antreten lassen.

Die Geschichte mit den unterschiedlichen Einheitsreifen

Immerhin, Opel bekommt von Pirelli wie die Werks-Lancia die besten Reifen, die zu haben sind. Um das ewige Reifenroulette und die gewaltige Anzahl verschiedenster Gummis für jeden Belag einzudämmen und den Privatiers eine Chance zu geben, ist nur noch ein Reifen einer Marke mit einem einzigen Profil erlaubt. Und von diesem ist zuvor ein Foto als Muster bei den technischen Kommissaren abzuliefern. Der Schuss geht daneben: Pirelli entwickelte den legendären P7, der zwar in Maß und Profil immer gleich aussah, doch in teuren Kleinserien in verschiedensten Mischungen für alle Temperaturen zur Verfügung stand - dazu noch mit Spikes in unterschiedlicher Anzahl. Die heftigsten Gummis dieser Art waren Racing-Pneus mit 1200 Nägeln.

"Die Dinger waren so schwer, dass du immer dachtest, die Handbremse sei angezogen", sagt Röhrl. "Auf Asphalt fühlte es sich an, als hättest du zwei platte Reifen." Aber der P7 war der Gummi, den man bei dieser Rallye Monte Carlo haben musste. Es lag reichlich Schnee. Wo keiner lag, schippten die Zuschauer welchen auf die Straße. Wo es trocken war, kippten sie Wasser auf die kalte Fahrbahn.

Michelle Mouton - die schnellste Frau aller Zeiten

Es gab noch andere Helden derRallye Monte Carlo: Ebenso wie Röhrl bezeichnet der Franzose Guy Fréquelin diese 76er Rallye Monte Carlo als seine größte fahrerische Leistung. Für 45.000 französische Franc hatte er sich einen Porsche 911 gemietet, mit dem er zeitweilig Munari vor der Nase herumtanzte. Fréquelin und sein Elfer wären wohl die Einzigen gewesen, die den Lancia in die Suppe hätten spucken können, aber plötzlich gab es Ärger mit dem Getriebe. Am Ende wurde der Franzose unscheinbarer Siebter.

Und dann war da noch Frau Mouton. Michèle Mouton, die schnellste Frau aller Zeiten, war noch ein junges Ding, ihre Alpine A110 dagegen schon ein alter Koffer. Sie wurde Elfte der Rallye Monte Carlo und gewann das, worauf sie nicht den geringsten Wert legte: die Damenwertung. Sechs Jahre später sollte sie um die Weltmeisterschaft fahren und Röhrls ärgste Widersacherin sein.

Hinten Spikes, vorne Racing-Reifen - und "der Jochen hat Angst gekriegt"

Doch in diesem Jahr gab es am Ende nur die Stratos-Phalanx und den Röhrl. Munari war weit enteilt, bis er leichte Getriebeprobleme bekam. Waldegaard rückte ihm auf die Pelle, doch Sportchef Fiorio verhängte Stallorder. Mit einem Respektabstand von fünf Minuten folgte Darniche, er hatte keine P7-Reifen.

Dahinter tobte Röhrl. Wenn er etwas Gutes über diesen Kadett sagen will, dann lobt er seine unerschütterliche Gutmütigkeit in allen Lebenslagen. Nur bergab auf vereister Fahrbahn war es manchmal ein bisschen heikel. "Da musst du ein ganz genaues Gefühl haben, wo die Grenze ist. Die Anspannung macht viele Fahrer langsamer." Röhrl lässt bei Puget-Theniers hinten Spikes aufziehen, weil er sonst den Berg nicht rauf käme. Vorn fährt er Racing.

Wimmernd kämpft sich der Opel bergauf, drinnen würde sich der Röhrl schon vor Freude die Hände reiben, wenn er sie nicht am Lenkrad bräuchte. Denn gleich geht es wieder bergab. Da wird er's den anderen zeigen. Minutenrückstände auf den Passhöhen lässt er bis ins Tal auf Sekunden zusammenschnurren. "Du musst nur auf den Grip warten, darfst nichts Hastiges tun", schreibt Röhrl in seinen Memoiren.

Natürlich setzt auf trockenem Asphalt die Hinterachse mit den Nagelreifen ständig zum Überholen an. Beifahrer Jochen Berger, seit drei Jahren ein Team mit Röhrl, hat eine Eingebung. Es könnte doch in der Zukunft auch Spaß machen, sich mehr organisatorischen Aufgaben zu widmen. "Der Jochen hat Angst gekriegt", sagt Röhrl. Er selbst agiert absolut furchtlos. Das Grauen kam nur manchmal beim Training: "Da schaute ich in den Abgrund und dachte: uuiih." Mit dem Kadett ist er 1976 im Ziel nicht nur bester Nicht-Stratos, er hat auch eine Rallye ohne einen einzigen Fehler hinter sich - die Perfektion, die er immer gesucht hat.

Der Skandal von 1987

Viele Jahre hat er betont, diese 76er Monte sei sein Meisterstück gewesen. Heute hebt er auch die 87er Ausgabe auf diesen Sockel. Audi entschied sich nach dem Verbot der über 500 PS starken Gruppe- B-Boliden, 1987 mit dem seriennahen 200 Quattro anzutreten. 230 PS bei 1.430 Kilo, dazu die lächerlich großen Ausmaße der Limousine. Auf der anderen Seite mal wieder Lancia und Fiorio. Schon vor der Rallye ging die Geschichte um, statt der erforderlichen Stückzahl von 5.000 hätten nur 3.500 Delta HF die Bänder in Turin verlassen. Obendrein klafften in der Stoßstange zusätzliche Löcher für den Ladeluftkühler, ein eklatanter Regelverstoß und auch noch für jeden Laien sichtbar.

Die Delta von Massimo Biasion und Juha Kankkunen hatten 280 PS bei 1.280 Kilo und fuhren auf und davon. Röhrl rang mal wieder alle Übrigen nieder, kam als Dritter ins Ziel und war bester Laune. Mazda-Teamchef Achim Warmbold hatte schon vor dem Start einen Protest gegen Lancia angekündigt. "Ich war sicher, das wird mein fünfter Monte-Sieg", zeigte sich Röhrl zufrieden. Dann traten die Kommissare zusammen "Da saßen sechs Italiener und ein Franzose", erinnert sich Röhrl. Das Ergebnis lautete 6 : 1 Stimmen gegen die Disqualifikation.

Bei Röhrl brennt das Feuer noch heute: "Hätte doch Audi vom Ur-Quattro noch 1.500 gebaut, hätten wir mit dem in der Gruppe A fahren können. Da hätten die Italiener in all den Jahren mit ihren Integrale nichts gewonnen." Wer weiß, vielleicht hätte es so am Ende gar fünf oder sechs Röhrl-Siege gegeben. Aber möglicherweise würde das am Ende nicht viel ändern. Vielleicht säße er dann trotzdem in seiner holzvertäfelten Stube, würde sich auf die Schenkel hauen und sagen: "'76 mit dem Kadett im Schnee bergab. Das war's."

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