Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

2000 km durch Deutschland

Spiel ohne Grenzen

2000 km durch Deutschland Foto: Hardy Mutschler 69 Bilder

Der traditionelle Oldtimer-Marathon suchte im 20. Jahr neue Ziele. So führte das Roadbook auch durch die Nachbarländer Österreich, Schweiz und die Niederlande. Das sorgte für spannungsgeladene Abwechslung im Routenplan.

16.10.2009 Alf Cremers Powered by

Es gibt keine Panne. Nicht einmal Ölnachfüllen ist auf den 2199 Kilometern wirklich nötig. Der halbe Liter Shell 100 X in Richtung Maximum ist eher ein goldgelbes Placebo für das gute Gewissen des Fahrers. Eine fürsorgliche Geste an den treuen Kameraden Opel Commodore C, der sich die 2.000 km im meteorologisch sehr durchwachsenen Juli mit traumwandlerischer Mühelosigkeit aus dem Hosenrohr seines gusseisernen Sechszylinders schüttelt.

Der Psalm der 2000er-Kandidaten: Ich fahre, also bin ich
 
Wäre er ein Mensch, würden wir ihm jeden Abend ein Bier ausgegeben. Sparsame 11,8 Liter Super genehmigt sich der späte Opel Commodore 2.5 E im Schnitt. Mit rund 25.000 Kilometern auf dem Tacho entspricht der silberne 82er Plüsch-Berlina einem gepflegten Jahreswagen. Automatik, Servolenkung und Schiebedach gestalten die Tour gerade bei dem wechselhaften Wetter entspannt. Da darf die Beifahrerin - sogar über längere Etappen -, ans Steuer. Und der Berichterstatter hat nebendran erstmals viele Erfolgserlebnisse bei der schlüssigen Interpretation des bisweilen etwas kniffligen Roadbooks zu verzeichnen.
 
Ansonsten gilt: Sonne lacht, Golde-Dach auf, Regenschauer, Deckel wieder zugekurbelt, die Seitenfenster gehen sogar elektrisch. An ihnen zieht die teilweise bezaubernde Landschaft wortlos vorbei wie in einem kreativen Autorenfilm. Die Bilder sprechen für sich: Donautal, Allgäu, Vorarlberg, Bodensee, Thurgau, Appenzell, Schwarzwald, Schwäbische Alb. Das ist die Ausbeute von nur drei Tagen. Ich fahre, also bin ich - der Psalm der 2000er-Kandidaten gilt einmal mehr.
 
In dieser kommoden Sechszylinder- Hängematte hat man schon ein schlechtes Gewissen, wenn man bei strömendem Regen das verdecklose Hanomag Rekord Cabriolet oder die bildschöne Norton Commando 850 passiert. Abo-Teilnehmer Hans und Margot Cramer trotzen tapfer den Elementen, sonst sind sie immer mit ihrer Horex Regina 350 dabei. Leider sind die 2000 km nicht mehr das, was sie einmal waren. Auch der treue Fan, der Einmaligkeit und Atmosphäre der Deutschland-Tour über alle Maßen schätzt, muss zugeben, dass ein Fading unverkennbar ist.
 
Erlebniswert hoch trotz schwindender Teilnehmerzahlen und weniger Kirmes
 
Wir sind erst in Ulm zugestiegen. Der Start in Hannover war immerhin - so erfahren wir - ein furioser Auftakt für die Veranstalter Lars Döhmann und Horst-Dieter Görg. Doch die Euphorie schwindet. Nur noch knapp über siebzig Autos im Starterfeld, Tagesetappenfahrer inklusive. Viele der ohnehin reduzierten Durchfahrtskontrollen am Rande der Innenstädte statt mittendrin. Selbst auf den Marktplätzen im Schatten der Rathäuser, Brunnen und Kathedralen stellt sich nicht mehr der Jubel von einst ein - keine Kirmes mehr wie im Osten.
 
Die schönen fotogenen Konvoi-Fahrten von fünf, sechs Autos in Folge, sie werden auf einmal zur nur dürftig beklatschten Seltenheit. Aber der Geist ist geblieben. "Nächstes Jahr geht es wieder aufwärts, dann ist die Rezession hoffentlich überstanden, der Osten ist wieder mit dabei, und wir gehen nach Norden an die Küste", gibt sich Horst- Dieter Görg zuversichtlich. Er hält es für möglich, dass Start und Ziel wiedervereinigt werden - entweder in Düsseldorf oder lieber in Hannover.
 
Der Erlebniswert der 2000 km ist immer noch enorm hoch. Die Dichte der täglichen Eindrücke führt auch ohne Diesel zur spontanen Selbstzündung, die Emotionen freisetzt. Die Einsamkeit des Langstreckenfahrens, das Bad in der Marktplatz-Menge, ein Episoden-Road-Movie, im Zeitraffer erlebt. Diesmal fehlt dem Commodore- Team der Leidensfaktor, der die Erinnerung vergoldet. Die Parole "alles easy" passt nicht zu den 2000 km. Nur wer sich quält, mit Pleiten, Pech und Pannen, hat später das Gefühl, etwas geleistet zu haben.
 
Also statt der säuselnden Velours-Hängematte doch lieber den brachialen ungezähmten Hispano Suiza H6 von Heidi Hetzer? Die Rallye-Amazone aus Berlin, Frau ohne Alter, nimmt gern schweres Gerät mit ins Starterfeld der 2000 km. Selbst abgeplant wirkt der archaische 6,6-Liter-Sechszylinder-Phaeton eindrucksvoll. Seine Geräuschkulisse mit sonorem Auspuffton und heulendem, geradverzahntem Getriebe erinnert an einen schweren Militär-Lastwagen, und genau so wird er sich auch fahren. Immerhin schafft Heidi Hetzer mit diesem Ungetüm den dritten Platz in der Gesamtwertung, hinter dem grazilen Porsche 356 A im Competition-Look von Alessandro Galli und Claudia Faccenda.
 
Erfrischend anders - die Teilnehmerautos
 
Auf Platz eins landen Michael Heinrich und Nicole Labotzke im 42er Cadillac V8-Monster. Abgesehen von den überall gern gesehenen Stern-Ikonen 300 SL, 190 SL, Ponton-Cabriolet, Pagode, Adenauer, Große Flosse und Flachkühler-Cabriolet fallen auch ein paar interessante Großserien-Autos im Starterfeld auf. Etwa die Citroën ID 19 Ambulance in unrestauriertem Originalzustand, der schwarze Gangster-Kapitän von Opel-Händlerin Corin Sweegers aus Tilburg oder der trotz US-Barock der Fünfziger stilistisch so unerhört harmonische 57er Chevrolet Bel-Air Coupé.
 
Als erfrischend anders unter Pagoden, Porsche 365ern und 911ern werden auch der 64er Ford Thunderbird von Klaus Puhst empfunden oder das Lancia Fulvia Coupé von Lindner-Hotelier Stefan Leicher aus Düsseldorf. Noch Wochen später läuft die Tour wie ein Nachspann im Kopf ab. Wie die schnellen Schnitte eines Videoclips reiht sich noch ungeordnet Banales an Sensationelles. Das Rolls-Royce-Museum in Dornbirn in seiner zufälligen Anti-Inszenierung, die Autos sprechen schließlich für sich.
 
Die Bodensee-Fahrt mit dem prächtig restaurierten Luxus-Raddampfer Hohentwiel, die Sonderprüfung auf dem Rundkurs des Schweizer Verkehrssicherheits-Zentrums Betzholz, die uns überraschend zum zweiten Tagessieger macht. Das Läuten der Kuhglocken in Appenzell, das morbide Areal der Junghans-Uhrenfabrik in Schramberg, dessen Werkskantine im unvergleichlichen Sechziger-Jahre-Flair uns mit solider Hausmannskost bewirtet. Oder der C-Klasse-Fahrer, der in Ludwigsburg die Scheibe runterlässt und begeistert ruft: "So einen C-Commodore hatte ich auch mal, 12 Jahre lang, ich habe ewig keinen mehr gesehen".
 
Abstecher nach Holland in die weiße Stadt
 
Die schmale gewundene Straße zwischen Bittelbronn und Grünmettstetten wird unvergesslich - der Commodore in gestrecktem Galopp zwischen zwei 911ern und dem Ferrari 308 GTS von Karsten Höhns. Keineswegs abgeschlagen, sondern kraft seiner 130 PS und des narrensicheren Fahrwerks, in Wählhebel-Position zwei munter hochdrehend, gibt er sich kampfeslustig. Bis sich eine lange Gerade vor die Senator-Front wirft und die bunte Sportwagen-Meute röhrend vorbeizieht. In solchen Momenten sind wir gerne Opel und bedauern, dass der Commodore von heute Chevrolet Epica heißt: Reihensechszylinder, dezent-gefälliges Design, value for money wie einst die Opel-Limousinen der oberen Mittelklasse.
 
Ein weiter Sprung nach vorn über Odenwald, Mittleres Rheintal, Voreifel katapultiert uns in der Rückblende bis ins Aachener Revier. Stolberg zieht vorbei mit Burg und unerwartet romantischer Altstadt, die Dalli-Werke - ein Stück lebendige Industriearchitektur, frühes 20. Jahrhundert, immer noch unter Dampf. Dann kurz vorm Ziel noch langsam nach Holland, die Maas-Schleife um Roermond entlang. Städte, Dörfer und Straßen so blitzsauber arrangiert wie eine Modellbahn. Der Höhepunkt heißt Thorn, die weiße Stadt. Die Grenzüberschreitung gefällt, die 2000 km nach Holland haben sich gelohnt. Und wir sind Opel, immer noch.
 

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk