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24h-Rennen Nürburgring 2008

Kiesbettschüpper am Brünnchen

Foto: Gregor Messer 75 Bilder

Besonders zur größten Motorsport-Veranstaltung am Nürburgring, dem 24h-Rennen zieht es Fans aus aller Welt an die Grüne Hölle. Auch zum Streckenabschnitt Brünnche, wo die Fahrzeuge nicht im Mittelpunkt stehen.

25.05.2008 Gregor Messer Powered by

Es herrscht die typische 24-Stunden-Atmosphäre, wie sie es nicht in Le Mans, nicht in Daytona, sondern nur auf der Nordschleife geben kann. Das weite Areal des Brünnchens ist komplett zugeparkt. Teils mit normalen PKW, teils mit Kleinlastwagen, teils mit ausrangierten Bussen, Traktoren, Quads, ja sogar Bobby-Cars. Es gibt nichts, was die Fans nicht zu ihrem Motorsport-Höhepunkt des Jahres anschleppen. Komplette Wohnzimmer-Garnituren sind keine Seltenheit, nicht nur im Brünnchen, sondern an allen Zuschauerplätzen rund um die über 20 Kilometer lange Nordschleife. "Wir haben sogar unser eigenes Dixie-Klo aufstellen lassen. Machen wir jedes Jahr so", sagt Ubo stolz. Keiner hier weiß, wie der 39-Jährige richtig heißt, aber egal, er gilt mit seinen Freunden im Brünnchen mittlerweile als Institution. "Seit zwölf Jahren kommen wir hierher." Immer wieder zum 24 Stunden-Rennen, immer wieder ins Brünnchen.

Kein Leben ohne das 24 Stunden-Rennen

Ein Leben ohne das 24 Stunden-Rennen und ohne die Nordschleife? Für Ubo nicht vorstellbar. Zu siebt haben Ubo und seine Kumpels einen Club gegründet. Schon sein Name weist auf bierselige Verschworenheit: Die Ringflipper-Kiesbettschüpper. "Wir hatten uns mal ein Auto extra für die Nordschleife zusammengeschraubt", erzählt der Karosseriebauer, "einen Golf I, aber mit G60-Motor und super Fahrwerk. 700 Runden sind wir damit in nur einer Saison im Touristikverkehr gefahren. Jahreskarte, verstehst Du?" Aber irgendwann wurde Ubos Golf von einem Opel ins Kiesbett geschuppst. Daher der lustige Name: Kiesbettschüpper. "Wenn wir neue Leute in unseren Verein aufnehmen, machen wir immer ein Casting, wie im Fernsehen", erklärt Ubo. Dann müssen die Aspiranten irgendetwas aufführen. Einen Sketch, etwas singen, "Hauptsache, sie blamieren sich."

Bierkistenrennen gehört zum ungeschriebenen Zeitplan

Das letzte Mal, als Ubo mit einem fahrbaren Untersatz auf der Nordschleife fuhr, war beim 24 Stunden-Rennen vor vier Jahren und nahm ein böses Ende. "Hier", sagt er und krempelt seinen linken Ärmel hoch und deutet auf eine lange Narbe, "komplizierter Trümmerbruch. Ist beim Bierkistenrennen passiert." Das Bierkistenrennen gehört zum ungeschriebenen Zeitplan der 24 Stunden. Dann rücken die Fans am Donnerstagabend mit umgebauten Bobby-Cars auf die Nordschleife aus, was eigentlich verboten ist. Aber keinen juckt das wirklich.

Die große Mehrzahl der 24 Stunden-Pilgerer lebt frei nach Goethes Faust: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein. Und kein Spaß scheint derb genug, um nicht vor dem heiter bis lustigem Publikum aufgeführt zu werden. Ganz vorne am Zaun torkelt ein als König Verkleideter auf seiner selbst gezimmerten Tribüne. Mit einer Fliegenklatsche als Zepter lallt er gegen den hochtourigen Lärm der Motoren und die dumpfen Bässe der Heavy Metal-Musik aus Dutzenden umliegender Boxen: "Ich bin der König von Nürburg zu Brünnchen." Gummipuppen aus dem Beate Uhse-Shop, die die Piloten frech vom Fangzaun zuwinken, zählen ebenso zum Repertoire wie selbst kreierte Rituale. "Wir hatten mal was, das hieß Quad-Bobby", erzählt Ubo, "da hatten wir einen Schlitten hinter dem Quad angebunden und haben den ganzen Tag die Leute drauf durch eine Riesenschlammpfütze gezogen. Das ging soweit, dass wir uns mit der Feuerwehr angefreundet hatten, die unsre Pfütze noch mal mit Wasser gefüllt haben. Da war einer, der stand nur noch in seiner Schiesser-Feinripp-Unterwäsche vor uns, der wollte unbedingt durch die Pfütze gezogen werden. Na ja", lacht Ubo, "ich hab’ dem dann doch ’nen Helm aufgesetzt. Wäre ja sonst zu gefährlich geworden."

Beim 24 Stunden-Rennen schläft man nicht

Auch Peter aus Troisdorf zieht es Jahr für Jahr ins Brünnchen. Peter ist Bäckermeister und ist frühes Aufstehen gewohnt. "Die Nacht gehört mir", sagt er, "aber heute Nacht sowieso. Beim 24 Stunden-Rennen schläft man nicht." Wie alle seine Freunde, Bekannten und Unbekannten, die um das prasselnde Lagerfeuer sitzen, hat auch Peter die obligatorische Bierflasche in der Hand. Ubo trinkt derweil Rotwein, dies allerdings aus einem randvollen Bierkrug. Seine Fahne kann mit den allseits im auffrischenden Abendwind flatternden Audi-, Opel-, BMW- und Deutschlandfahnen locker mithalten. Zum Glück wird hier keiner mehr heute Abend Auto fahren. "Das versteht keiner", meint Peter philosophisch, "aber wir sagen immer: Das hier ist heiliger Boden." "Das ist doch das Schönste überhaupt", wirft Ubo ein, "ich weiß genau: hier treffe ich alle diese lieben Säcke wieder. Darauf freue ich mich das ganze Jahr."

Peter trägt ein T-Shirt, dass er hier am Ring geschenkt bekommen hat. Es passt durchaus zum Vulgären, zu dem sich hier anscheinend jeder willentlich bekennt. Auf dem orangen Hemdchen wirbt ein Online-Striptease-Unternehmen. "Aber die Mädels, die hier im Zelt rumtanzen, waren alle nix. Zuviel Cellulitis. Die vom letzten Jahr waren besser."

Das Rennen interessiert nicht

Das Rennen scheint die Wenigsten zu interessieren. Was zählt ist die Gemeinschaft. "Das Rennen ist zwar wichtig, aber die Freunde hier sind wichtiger", sagt Josef, genannt Jüppi, 54 Jahre alt und Konditormeister aus Sinzig. Früher sagte man: Mach dir schöne Stündchen, geh’ ins Brünnchen. Die meisten bleiben fast eine Woche und genießen das Leben in Dreck, Staub und oftmals Schlamm. "Wir waren clever. Wir haben am Montag schon aufgebaut, sind aber erst seit Mittwoch hier. Die vier, fünf Tage hier, das ist meine Auszeit. Und meine Frau, die gönnt mir das", sagt Jüppi. Wie alle wird er morgen Mittag völlig übermüdet sein Zeug zusammenpacken. Aber schon ab Montag wird er es kaum abwarten können, im nächsten Jahr wieder ins Brünnchen zurück zu kehren.

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