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24h-Rennen Daytona 2013

800-Pfund-Gorillas im Oval-Tempel

24h Daytona, Siegerehrung, Konfettiregen Foto: Dole 11 Bilder

Hersteller buhlten beim 24h-Rennen in Daytona 2013 um die Gunst des neuen Machthabers im US-Sportwagensport. Dabei wurden zahlreiche Geschenke verteilt - auf und neben der Rennstrecke.

04.04.2013 Marcus Schurig Powered by

Daytona war schon immer das Tor zur Welt für die Grandam-Serie. Der Glanz des großen Frühjahrsklassikers versprühte zwar nicht die Magie alter Tage, aber es war in den vergangenen Jahren immer so, dass Journalisten, Fahrer und einige Herstellervertreter aus Europa anreisten, um nachzusehen, ob es die Grandam noch gibt und wie es ihr so geht. Für den Rest der Saison ließ sich dann kaum noch jemand blicken.

Pilgerreise zum Oval-Tempel

Es steht zu vermuten, dass sich dies in der Saison 2013 ändert. Denn Grandam hat die ALMS gekauft, ab 2014 schwingt der Sportwagenableger des NASCAR-Imperiums den großen Taktstock im amerikanischen Langstreckensport. Das wissen alle. Und deswegen kamen alle nach Daytona und versuchten, die neuen Herren gütig zu stimmen. Nie war das Fahrerlager in den letzten zehn Jahren voller, und nie waren mehr Hochkaräter im Oval-Tempel versammelt.

Früher beließen es die Hersteller bei Händeschütteln, 2013 fuhren sie ihre Präsenz hoch. An jeder Ecke fanden sich Ausstellungsstände der Hersteller mit funkelnden Neuwagen und adretten Hostessen - egal ob BMW, Ferrari oder Audi. Der Volkswagenkonzern trommelte besonders laut, gleich drei Reisegruppen wurden von VW, Porsche und Audi nach Daytona geschleust.
 
Die Bosse der Motorsportabteilungen kamen im Schlepptau: Jost Capito (VW), Hartmut Kristen (Porsche) und Wolfgang Ullrich (Audi). Wie hoch das Bedürfnis war, mit der Grandam zu flirten, belegte der Auftritt des VW-Motorsportkoordinators Wolfgang Dürheimer, der eigens für das Dinner mit Grandam-Gottvater Jim France am Donnerstagabend nach Daytona einflog - 16 Stunden im Flugzeug für fünf Stunden Aufenthalt. Sogar die hohen Herren des elitären Le-Mans-Veranstalters ACO reisten an, wenngleich ohne präzise Vorstellung, was sie erwartete. Sie stellten immerhin fest, dass die Fahrerlager-Kleiderordnung der Grandam mit blauen Blazern wenig anzufangen weiß.

Autos wie Schildkrötenpanzer mit vier Rädern

Die Gäste kamen nicht mit leeren Händen: Audi wertete den Daytona-Einsatz in der GT-Klasse mit großer Werksunterstützung auf und kokettierte ganz öffentlich mit dem Bau eines Daytona Prototypen samt V8-Motor. Ford will das Gleiche tun, und sogar die Ästheten von Ferrari erwägen den Eintritt in die Topklasse, deren Autos an einen Schildkrötenpanzer mit vier Rädern erinnern: „Wenn unsere Gegner in die DP-Klasse einsteigen sollten, kommen wir unter Umständen auch nicht daran vorbei“, orakelte ein rotgewandeter Herr aus dem berühmten Maranello mit rahmengenähten Lederschuhen.
 
Die Grandam wurde von den vielen Liebesbekundungen fast erdrückt, gleichzeitig sonnten sich die Macher im neuen Glanz: „Das war das erfolgreichste Daytona-Rennwochenende seit Einführung der Grandam-Serie im Jahr 2000“, freute sich ein hochrangiger Manager der International Speedway Corporation. Und legte nach: „Gute Stimmung und gute Geschäfte - die Zukunft kann kommen.“

Grandam als Bühne für Werkssport

So sei es denn. Bot der Sport, was die VIP-Dichte im Fahrerlager versprach? Es ging ja um viel, Grandam wollte sich als seriöser Partner präsentieren. Ein zweischneidiges Schwert, denn zu viel Hersteller-Einfluss war in der Vergangenheit stets verpönt: Die Grandam wünschte den Einfluss der Werke auf die Lieferung von Motoren zu beschränken. Wer zu dick auftrug, wurde gnadenlos abgestraft, beispielsweise Porsche mit dem Penske-Einsatz in der Prototypenklasse anno 2009. Grandam wollte nie eine Bühne für Werkssport sein, sondern favorisierte Team- oder bestenfalls Kundensport. Auch das wird sich wohl ändern.
 
Erste Anzeichen waren schon zu sehen: 2012 hob Grandam eine Technikkommission aus der Taufe, um die allgegenwärtige Leistungsanpassung (Balance of Performance) zu professionalisieren. Das Fazit nach dem 24h-Rennen in Daytona: In der GT-Klasse ging die Rechnung der neuen Kommission unter der Leitung von Richard Buck und dem Ex-FIA-Mann Gabriele Cadringher auf - in der Prototypenklasse eher nicht.
 
Der Gesamtsieger stand eigentlich schon nach einer Rennstunde fest, unter der Voraussetzung, dass Auto und Team ohne technische Probleme oder Unfälle durchkommen würden: Chip Ganassi hatte zwei Riley Mk XXVI mit BMW-Motoren aufgeboten, die sich als völlig unbezwingbar erwiesen. Scott Pruett hatte im hohen Alter von 52 Jahren - Respekt dafür übrigens - den 01-Wagen auf die Pole Position gestellt, Teamkollege Scott Dixon mit der Startnummer 02 stand neben ihm in der vordersten Startreihe.

800-Pfund-Gorillas im Daytona-Käfig

Schon in der ersten Rennstunde machte Pruett ernst, riss immer wieder große Lücken zum Feld auf und stieß die Konkurrenz in tiefe Depression. „Die Ganassi-Autos sind die 800-Pfund-Gorillas im Daytona-Käfig“, grummelte ein Chevy-Werkspilot. Um die Sache am Sonntag noch einmal zu veranschaulichen, fuhr Ganassi-Pilot Pruett nach der 14. Gelbphase von Platz sechs flugs auf Platz eins und dann 20 Sekunden weg von der staunenden Meute - der Sieg war unangefochten.
 
Das Fazit: Dem besten Chevrolet DP auf Platz zwei fehlten bei den 250 schnellsten Rennrunden sieben Zehntel auf Ganassi, beim Ford-Riley auf Platz drei waren es deren neun. Bricht man die Rechnung auf die schnellsten 25 Runden der jeweiligen Fahrer herunter, so distanzierte Juan-Pablo Montoya im Sieger-Wagen die direkten Gegner um fast eine Sekunde.
 
Ob diese Darbietungen das Vertrauen der illustren Gästeschar in die Leistungsanpassungen durch die Grandam erhöhte? Wohl kaum. Die verbalen Gefechte nach dem Rennen - wir kennen das aus den Vorjahren - legten den Finger in die Wunde. Chip Ganassi wollte die Medien glauben machen, harte Arbeit an der mechanischen Traktion des Riley habe dazu geführt, dass man den Gurney am Heckflügel flacher stellen konnte als die Konkurrenz - was die guten Topspeedwerte erkläre. Dem zweitplatzierten Max Angelelli aus der Corvette DP von Wayne Taylor verschlug es ob dieser Aussage fast die Sprache: „Bitte was? Wir sind doch keine Anfänger!“

BMW-Torpedo versenkte Chevrolet

Jedenfalls setzt Grandam die Einstufungen jedes Jahr neu fest. Vergangenes Jahr war man bei BMW stinksauer, weil die Ford-Motoren krass überlegen waren. Dieses Jahr siegte BMW, und Chevrolet war stinksauer. Grandam sah den Torpedo sogar kommen, als man am Freitag nach dem Qualifying den Corvette-Motoren noch einen größeren Restriktor verpasste, der fünf PS brachte. Doch die Last-Minute-Aktion genügte nicht, weil man Chevrolet zuvor im Januar erst 20 Pferde ausgespannt hatte. Wenn wir an dieser Stelle raten dürfen, so lautet die Prognose für 2014: Corvette wird gewinnen. Hält jemand dagegen?
 
Fairerweise sollte man gleich hinzufügen, dass die nicht minder komplexe Einstufungsarie in der GT-Klasse, wo die technische Spezifikation der Fahrzeuge viel unterschiedlicher ausfällt als in der DP-Kategorie, recht gut gelungen war. In Summe rangelten je zwei Fahrzeuge von drei Marken bis zum bitteren Ende um den Lorbeerkranz und - noch wichtiger - die Rolex-Siegeruhren.

Audi Daytona-Doppelsieg in der GT-Klasse

Audi fuhr am Ende einen so nicht erwarteten Doppelsieg in der GT-Klasse ein, doch die Einstufung hat das Rennen nicht entschieden. Die Rundenzeitenanalyse der Top-Wagen von Audi, Ferrari und Porsche legt vielmehr nahe, dass die klassischen Tugenden im Langstreckensport - Team- und Fahrerqualität, Strategie, guter Reifenverschleiß und Güte der Boxenstopps - den Ausschlag gaben.
 
Audi hatte nach der letzten und 16. Gelbphase ihre besten Reiter ins Finale geschickt, und die Burschen lieferten: René Rast setzte ebenso wie der spätere Sieger Filipe Albuquerque auf die Karte Speed, denn in beiden Teams war man sich klar: Finale kreuzten sich verschiedene Strategien. Der dritte, ebenfalls noch im Siegkampf verwickelte Audi, verlegte sich aufs Benzinsparen in der Hoffnung auf eine letzte Gelbphase - und verhungerte mit Spritmangel. Der bestplatzierte Porsche mit Richard Lietz wählte die gleiche Taktik, musste in der letzten Rennrunde zum Splash&Dash in die Box abbiegen - und verlor alle Chancen auf den letzten Podestplatz.
 
Das Finale entschied Audi dank markeninterner Strategie und Kompromisslosigkeit bei der Fahrerbesetzung für sich. Die R8 Grandam waren gleichmäßiger mit Top-Piloten besetzt als bei den Gegnern, wo immer auch (langsamere) Privatfahrer am Lenkrad wirbelten. Die Strategie am Ende des Rennens war bei Audi perfekter getimt und gesplittet und auch besser koordiniert, während man sich bei Porsche und Ferrari nicht des Eindrucks erwehren konnte, als ob jedes einzelne Team sein Ding durchzieht - und man am Ende schaut, wo man herauskommt. Dazu hatte Audi drei Autos in der Führungsrunde, die Gegner nur zwei.

Audi verschob die Messlatte im GT-Sport

Und die standen sich oft selbst im Weg, als beispielsweise die beiden Top-Ferrari mit den Startnummern 63 und 69 am Sonntag miteinander kollidierten und so wertvolle Zeit vertrödelten. Audi verschob die Messlatte im GT-Sport - man kann durchaus die These aufstellen, dass die Gegner darauf keine Antwort hatten.
 
Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist noch der Auftritt von Mazda. Die Japaner setzten erstmals Diesel-Triebwerke in der GT-Klasse ein. Es handelte sich dabei um jene Motoren, die später auch in der LMP2-Klasse zum Einsatz kommen sollen, und die über 400 Stunden auf dem Prüfstand getestet wurden. Doch nach einer Rennstunde standen alle drei Werkswagen in der Box: Durch Vibrationen lösten sich Schrauben in der Hochdruck-Einpritzanlage, woraufhin die Zylinder absoffen.
 
Besonders hoffnungsfroh waren die Japaner eh nicht ins Rennen gegangen: Man hatte für jede Stunde, die die Motoren im Rennen halten sollten, eine Flasche Champagner kaltgestellt. Auf die zugegebenermaßen hinterlistige Frage, wie viele Flaschen man denn gekühlt habe, kam die entwaffnende Antwort: eine.


Die besten Sprüche aus Daytona
Die meisten Zitate im Rennsport kann man heute nicht verwenden, weil sie politisch nicht korrekt sind. Außer, man lässt die Namen einfach weg ...
 
„Es war ein echter Misttag, denn ich habe das Safety-Car während einer Gelbphase überholt.“
Frage an einen Fahrer: „Können wir jetzt reden?“ Antwort: „Nicht jetzt, ich habe einen Job zu erledigen.“ Darauf der Teamkollege: „Das ist die australische Formulierung für: Hau ab, du Depp!“
„Mit den Hoosier-Reifen fährt sich unser GT-Auto präzise wie ein Omnibus.“
„Die völlig unsinnigen und total verspäteten Entscheidungen von Grandam bezüglich der Balance of Performance haben uns im letzten Jahr den Titel gekostet.“
„Unser Motor wiegt so viel wie vier Elefanten, aber die Grandam glaubt, wir seien überlegen.“
„Die Rolex-Uhr für den Gesamtsieg beim 24h-Rennen in Daytona interessiert mich einen feuchten Kehricht, denn ich werde von TAG Heuer gesponsert.“
„Nach wenigen Runden habe ich die Jägermeister von gestern Abend doch recht deutlich gespürt.“
„Ich musste meinen Sportchef fragen, ob ich in Daytona antreten darf. Der hat mich nur gefragt: Willst du so einen Mistkäfer fahren?“
„Die europäischen Fahrer kommen nur wegen der Rolex-Siegeruhr. Die kann man auf Ebay für 50.000 Euro verkaufen.“

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