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24h-Rennen Le Mans-Hintergrundbericht

Die Verfehlungen des LeMans Veranstalters ACO

24h Rennen LeMans 2009 Foto: Audi 61 Bilder

Der Le-Mans-Veranstalter ACO steht bei Teams, Piloten und Herstellern seit mehreren Jahren für seine teilweise strittigen Entscheidungen in der Kritik. Wie berechtigt sind die Vorwürfe?

08.07.2009 Powered by

Der Automobile Club de l’Ouest ACO sorgte im Vorfeld der 77. Ausgabe des 24h-Rennens von Le Mans mit seinen Entscheidungen wieder einmal für saftige Schlagzeilen - aber diesmal in der französischen Presse. Peugeot lancierte noch bevor sich das erste Rad in Le Mans drehte einen Protest gegen den deutschen Konkurrenten Audi wegen dessen Front-Aerodynamik. Der Protest richtete sich dabei weniger gegen Audi als viel mehr gegen den Veranstalter und Reglementgeber ACO, der die zumindest strittige Reglementauslegung von Audi absegnet hatte. Die französische Presse überschlug sich fortan mit Kritik am ACO, nach dem Motto: Ein französischer Hersteller wird vom französischen Rennveranstalter ACO benachteiligt - und das auch noch zugunsten des deutschen Dauersiegers Audi.

Die Geschichte begann im Jahr 2006

Doch der Peugeot-Protest war nur die letzte Episode in einer langen Reihe von kritikwürdigen ACO-Entscheidungen. Die Geschichte vermeintlicher Verfehlungen begann im Jahr 2006 mit der Ankündigung, ab 2010 nur noch geschlossene Coupés in der LMP1-Klasse zulassen zu wollen, um dem Fan eine einfachere Unterscheidung mit den offenen LMP2-Rennwagen zu ermöglichen. Ein Jahr später wurden diese Pläne durch eine weitere Ankündigung bekräftigt. Nun sollten die LMP1-Rennwagen wieder echte Zweisitzer werden und sich in ihrer Optik enger an die Straßenfahrzeuge anlehnen.

Hersteller haben beim Gipfeltreffen revoltiert

Im Herbst 2007 war von alldem freilich keine Rede mehr. Die Hersteller hatten bei einem gemeinsamen Gipfeltreffen in Paris dagegen revoltiert, Neueinsteiger Peugeot drohte sogar mit dem sofortigen Rückzug aus Le Mans. Der große Verlierer war Corvette. Der amerikanische Sportwagenhersteller hatte seine LMP1-Studie fertig konstruiert. "Wir glaubten, die neue Formel sei die perfekte Lösung für die Zukunft", so Corvette-Sportchef Doug Fehan. "Das Umfallen des ACO hat uns eine Stange Geld gekostet. Ich verstehe bis heute nicht, was damals passierte. Die anderen Hersteller saßen zwei Jahre in allen Meetings an einem Tisch, um dieses LMP1-Evo-Konzept mitzuentwickeln. Dann kam ein Meeting ein Paris - und auf einmal hatten sich alle um 180 Grad gedreht."

Seither stehen fast alle Entscheidungen des ACO unter besonderer Beobachtung der Hersteller und Teams. Der letzte Fall stammt aus den Wochen vor dem diesjährigen Rennen in Le Mans: Der ACO verfügte auf Druck der LMP1-Teams mit Ottomotor Restriktionen für die Diesel-LMP1 von Peugeot und Audi. Diese mussten jetzt mit einem um 30 Kilo höheren Mindestgewicht antreten. Die Werksteams von Audi und Peugeot mussten auf Grund der kurzfristigen Regeländerung mehrere Ausdauertests über 30 Stunden anberaumen, um die zusätzliche Belastung für die mechanischen Bauteile wie Aufhängung oder Bremsen zu verifizieren. „Die Entscheidung kam viel zu spät, die Auswirkungen waren immens - daher war das völlig verantwortungslos vom ACO“, kritisiert Peugeot-Technikdirektor Bruno Famin. Audi kritisierte die ACO-Entscheidung ebenfalls lautstark. Der ACO verkaufte die Maßnahme seinerseits als vollen Erfolg: "Die Aston Martin-LMP1 mit Saugmotor lagen im Zeittraining nur drei Sekunden hinter der großen Mehrzahl der Diesel-LMP1", erklärte ACO-Generaldirektor Rémy Brouard stolz.

Reglement-Änderung stößt auf Unverständnis

Eine weitere kritikwürdige Entscheidung betraf das Thema Klimaanlage. Bis vergangenes Jahr galt die Regel, dass die Innenraumtemperatur der geschlossenen Autos nicht mehr als zwölf Grad über der Umgebungstemperatur liegen dürfe. Der Peugeot 908 konnte durch ein ausgeklügeltes Durchlüftungssystem des Innenraums die Vorgabe problemlos erfüllen. Im September 2008 verfügte der ACO nach langen Diskussionen bindend, die Temperatur dürfe in den geschlossen LMP1-Wagen und in den GT-Klassen nicht über 32 Grad ansteigen.

"Ich weiß bis heute nicht, wie der ACO auf diesen Wert kommen konnte", so Peugeot-Technikdirektor Bruno Famin. Der Peugeot 908 war nie auf die Integration einer Klimaanlage ausgelegt, der Umbau ein kostenintensiver Albtraum. So musste der Kompressor für den Antrieb der Klimaanlage am Getriebe angeflanscht werden, was die Gewichtsbalance verschlechterte. Obendrein sind die Drehzahlsprünge im Getriebe eine hohe Belastung für den Kompressorantrieb. "Ein leichter Auffahrunfall im Heck des 908 - und wir hätten sofort ein massives Leck", beklagt Famin die kompromissbehaftete Lösung.

Kurzfristige Absage des offiziellen Testtages

Eine weitere heiß diskutierte ACO-Entscheidung war die Absage des offiziellen Testtages, der seit 1993 im Le-Mans-Kalender verankert ist. Zwar sparte die Absage den Teams Geld, dennoch sahen die meisten Wettbewerber die Sache kritisch, weil viel Abstimmungszeit verloren ging und zudem die Arbeit mit den Reifen zu kurz kam. Denn im September 2008 führte der ACO zudem die Regel ein, laut der nur noch zwei Mechaniker mit einem Schlagschrauber zeitgleich am Auto arbeiten dürfen. Die Maßnahme sollte Reifenstopps bestrafen und so die Reifenhersteller dazu animieren, härtere Mischungen einzuführen - und das sollte wiederum die Rundenzeiten in Le Mans auf ein akzeptables Maß begrenzen.

Theoretisch wurde der gewünschte Effekt erreicht: Die Reifenmischungen wurden so angepasst, dass sich die Teams einige Stopps sparten. Doch zusätzlich hatte der ACO über den Winter die Aerodynamikregeln massiv geändert und den Abtrieb stark reduziert, alles mit dem Ziel, die Topautos auf der 13,6 Kilometer langen Piste in Le Mans einzubremsen. "Da waren dann letztlich zu viele Bälle zeitgleich in der Luft", klagte Peugeot-Teammanager Serge Saulnier. "Und obendrein kam als Krönung die Absage des Testtages. Was dazu führte, dass wir mit unseren Daten im Wald standen und die Folgen der Regeländerungen schwer abschätzen konnten."

Risiko durch fehlende Reifentests

Die amerikanischen Teams aus der ALMS dagegen begrüßten die Absage des Testtages: "Das hat uns einen Haufen Geld gespart", so Corvette-Sportchef Doug Fehan. "Ich würde die Einsparung auf mehrere hunderttausend Dollar beziffern." Die Reifenhersteller wiederum bewerteten obige Absage überwiegend kritisch, und zwar unter dem Aspekt der Sicherheit: Die Kombination aus weniger Abtrieb und Mehrfach-Stints der Reifen, und das alles ohne ausreichende Tests, war ein nahezu unkalkulierbares Risiko.

Dunlop-Chefingenieur Matthew Simpson: "Le Mans kann man nicht simulieren. Die Autos fahren überdurchschnittlich lange mit Volllast und Höchstgeschwindigkeit, gleichzeitig muss die Performance in den Kurven stimmen, weshalb man ein gewisses Maß an negativem Sturz fahren muss. Der negative Sturz erzeugt eine enorme Belastung auf der Innenflanke des Reifens bei Topspeed. Man muss also einen Kompromiss zwischen gutem Handling und der Strukturfestigkeit des Reifens finden." Simpson schiebt nach: "Wir als Reifenhersteller sind keine großen Fans von Regeländerungen. Wenn dann auch noch die Testmöglichkeiten limitiert werden, muss man beunruhigt sein." Bei einer Entscheidung lag der ACO so weit daneben, dass er sie prompt wieder zurücknehmen musste. Im September vergangenen Jahres hatte der Veranstalter angekündigt, den Einsatz von Reifenwärmern für 2009 zu verbieten. Sofort brach ein Sturm der Entrüstung los, besonders bei den Fahrern. Immerhin ließ sich der ACO schnell bekehren: "Wir haben zusammen mit Michelin dem ACO unseren Standpunkt erklärt", so Dunlop-Ingenieur Simpson, "und nach 15 Minuten war die Angelegenheit geklärt. Der ACO hat die Regel zurückgenommen. Wenn man gute Argumente hat, dann hören die Verantwortlichen des ACO auch zu."

Reifenwärmboxen mit Solarenergie

ACO-Generalmanager Rémy Brouard hat eine Erklärung für den Vorschlag, die sogenannten Reifenwärmeboxen zu verbieten: "In den Boxen lagert viel Benzin. In diesem Umfeld sind die Reifenwärmboxen eine Gefahrenquelle, weil sie teilweise mit offener Flamme und Gas betrieben werden. Wir wollen jetzt 2010 oder 2011 dazu kommen, diese Reifenwärmboxen nicht mehr traditionell mit Gas oder Benzin zu betreiben, sondern zum Beispiel mit Solarenergie."

Entscheidungen aus guten Gründen zu revidieren, ist die eine Sache, Entscheidungen kurzfristig über den Haufen zu werfen, eine andere. Kurz vor dem 24h-Rennen änderte der ACO eine Regel, nach der die Teams Zeittraining und Rennen mit demselben Motor hätten bestreiten müssen. Einige Teams hatten geklagt, ihre Motoren würden nur wenig mehr als 24 Stunden Laufzeit vertragen oder sie hätten bereits in der Le Mans Serie mehr als einen Motorwechsel zu verkraften gehabt. Daher änderte der ACO die Bestimmung - und zwar in der Woche vor dem Rennen. Der ACO hatte die Regel eingeführt, um die Anzahl der Motoren pro Team über die komplette Saison zu reduzieren. Warum man mit einer solchen Neuregelung ausgerechnet bei einem 24-Stunden-Rennen beginnen muss, bleibt das Geheimnis der Franzosen.

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