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24h-Rennen Nürburgring 2008

Nebel-Rasseln

Foto: BR Foto, Gargolov, Urner 16 Bilder

Wann ist eine Rennsportveranstaltung wirklich bedeutungsvoll? Wenn die Topteams im Vorfeld Nebelgranaten zünden, um die eigenen Stärken zu kaschieren – und gleichzeitig die Gegner stark reden.

06.05.2008 Marcus Schurig Powered by

Man kann den phänomenalen Erfolg des 24h-Rennens am Nürburgring in eine Zahl gießen: 279 - das ist übrigens Rekord. So viele Teams haben eine Nennung beim Veranstalter ADAC Nordrhein für die 36. Ausgabe des 24h-Rennens deponiert. Fristgerecht, wohl gemerkt. Der Begriff der Überbuchung löst bei den meisten Zeitgenossen in aller Regel Aversionen aus. Wer bleibt schon gern in der Abfertigungshalle zurück, während sich andere auf die Reise machen?

Beim 24h-Rennen am Nürburgring ist die Überbuchung nichts weiter als ein großes Kompliment für das Kultrennen. Es wollen einfach viel mehr Teams beim Langstreckenklassiker starten, als Platz da ist. Somit müssen 49 Teams über die Klinge springen, weil das Streckenabnahmeprotokoll nur 230 Autos im Training und 220 Wagen im Rennen erlaubt - der Erfolg des 24h- Rennens hat also auch eine grausame Seite. Wer bei der Frage nach möglichen 24h-Siegkandidaten in die Kristallkugel blicken will, muss nur zur Langstreckenmeisterschaft gehen, die übers Jahr sozusagen zehn kleine 24h-Rennen veranstaltet und somit das Formbarometer stellt.

Porsche gegen Viper

Demnach gestaltet sich die Gefechtslage für die Marathon-Ausgabe 2008übersichtlich: Porsche gegen Viper, genauer: viele Porsche gegen eineViper. Wir erinnern uns: Vergangenes Jahr siegte das Manthey-Auto vorder Zakspeed-Viper. Und beim ersten VLN-Rennen der Saison 2008 siegtedas Manthey-Auto, die Zakspeed-Viper fiel auf Platz zwei liegend dreiRunden vor Schluss aus. Die aktuelle Ausgangslage scheint also auf denersten Blick unverändert zu sein. Doch es sind zwei Einflussgrößen zuberücksichtigen: Zum einen gelten für die Siegkandidaten aus den großen24h-Special- Klassen SP7 (bis vier Liter Hubraum) und SP8 (bis 6,2Liter Hubraum) neue Aerodynamik-Spielregeln: Die bananenartig nachhinten gebogenen Heckflügel gehören ebenso der Vergangenheit an wie dieschaufelartig nach vorn überstehenden Frontsplitter. Fast alleTop-Teams bekunden bei der Anpassung an das neue Aero-Reglement nochAbstimmungsprobleme. Zweitens gibt es nüchtern betrachtet zwei höchsthilfreiche Voraussetzungen für einen Erfolg beim 24h-Rennen - eingewisses Maß an Werksunterstützung sowie die berühmtenEntwicklungsreifen von Michelin.

Unter diesem Betrachtungswinkel rücken drei Teams besonders insFadenkreuz: das gelb-grüne Manthey-Mobil, das neue Hisaq-Porsche-Teamund die Zakspeed-Viper. Als Topfavorit unter den Porsche-Mannschaftenmuss Manthey Racing gelten: Manthey hat die meiste Erfahrung mit demModell 997 GT3 RSR, vor allem beim kritischen ThemaHinterachskinematik. Manthey genießt die volle Rückendeckung vom Werk.Manthey entwickelte ein spezielles Aero-Kit mit geändertem Heckflügel,und nur Manthey hat die Achsteile des Elfers auf die Erfordernisse derNordschleife penibel angepasst. Ein dritter Sieg in Folge beim24h-Rennen wäre also keine Überraschung.

Olaf Manthey tritt bei solchen Aussagen auf die Euphoriebremse: "DerWettbewerb ist schärfer geworden, weil die große SP8-Klasse bis 6,2Liter Hubraum für die neue Saison 50 Kilo ausladen durfte. Die haben also einen Vorteil von 2,4 Liter Hubraum - wiegen aber nur 50 Kilo mehr. Natürlich verbraucht die Viper mehr Sprit als der Porsche, aber Zakspeed wird das durch schnellere Rundenzeiten egalisieren. Die Rechnung ist simpel, ich kenne das aus unserer Turbo-Zeit: Wenn man zwei Runden pro Stint weniger fahren kann, muss man im Schnitt vier bis sechs Sekunden pro Runde schneller fahren. Zudem werden wir unseren Reichweitenvorteil nicht immer ausspielen können, weil es Situationen gibt, wo wir früher reinkommen müssen, zum Beispiel wegen der Reifen oder bei einsetzendem Regen."

Manthey hat Platzhirsch-Status

Marcel Tiemann, der den Manthey-Elfer zusammen mit Timo Bernhard, Romain Dumas und Marc Lieb pilotieren wird, fasst die Auswirkungen der Reglementsänderungen aus Fahrersicht zusammen: "Wir haben an der Hinterachse mehr Abtrieb verloren als an der Vorderachse. Dadurch wurde die Hinterachse nervöser und reagiert besonders beim vollen Einfedern aggressiver mit Snap-Oversteer. Außerdem müssen wir jetzt sehr hart pushen, weil uns die Viper dichter auf die Pelle gerückt ist."
Dennoch wird man beim Buchmacher wenig Geld verdienen, wenn man auf Manthey setzt - zu deutlich ist ihr Platzhirsch- Status.

Sollte dennoch etwas Unplanmäßiges passieren, stehen weitere Porsche-Topteams parat, um die Weissacher Flagge hochzuhalten. Das Hisaq-Team beispielsweise, das eigentlich in der FIA GT-Meisterschaft antreten wollte und nach dem kurzfristigen Absprung eines Sponsors mit Schützenhilfe des Werks auf das Einsatzgebiet Nordschleife umgepolt wurde. Die Voraussetzungen sind gut: Ein neuer 997 RSR, Baujahr 2008, dazu der Aero-Kit von Manthey und vier Fahrer, die es können – Frank Stippler, Richard Westbrook, Emmanuel Collard und Marino Franchitti. Mit einem zweiten Platz beim ersten VLN-Rennen hinter dem Manthey-Team konnte man den Co-Favoriten-Status gleich beim allerersten Auftritt am Nürburgring untermauern.

Land-Motorsport gehandicapt

Das erfolgreichste VLN-Team der letzten drei Jahre, Land- Motorsport, war bei den vergangenen 24h-Rennen nie vom Glück geküsst. Auch 2008 wird kein einfaches Jahr. Denn Johannes Stuck zerstörte den flammneuen 997 beim ersten VLN-Rennen so nachhaltig, dass das gesamte Programm in Verzug geraten ist. "Der Heckaufprall hat den Motor und das Getriebe ins Fahrzeug geschoben", sagt Marc Basseng. "Damit geht uns Abstimmungszeit flöten, weil das Team die nächsten zwei Wochen damit beschäftigt sein wird, die Schäden zu beheben." Positiv ist immerhin, dass Stuck mit guten Zeiten für Aufsehen sorgte. Und auch die Fahrerauswahl für den 24h-Marathon ist laut Radio Fahrerlager erste Wahl: Johannes Stuck und Marc Basseng werden angeblich von Lucas Luhr und Mike Rockenfeller unterstützt.

Dazu stehen vier weitere RSR-Mobile wie zum Beispiel der Alzen-997 mit Christian Menzel, Christian Abt, Jürgen Alzen und Markus Gedlich oder der Paragon-Elfer von Klaus Frers in der Nennliste. Der Unterschied zu den Top-Teams liegt vor allem beim Reifen. Hisaq und Manthey fahren mit Michelin-Entwicklungsreifen, die weder für Geld noch für gute Worte zu bekommen sind. Allein diese Gummis sind für bis zu acht Sekunden pro Runde gut - und zwar über jede einzelne Runde im Stint. Wer kann Porsche in die Suppe spucken? Nach der Papierform nur die Zakspeed-Viper: Die Werksunterstützung von Dodge, die Michelin-Entwicklungsreifen, die panzerartige Zuverlässigkeit der Viper und die exzellente Fahrerpaarung - Tom Coronel, Duncan Huisman, Sascha Bert und Christophe Bouchut - setzen hohe Erwartungen.

In der Langstreckenmeisterschaft ließ Zakspeed bereits die Muskeln spielen, als man im ersten Rennen munter auf Platz zwei mitgeigte. Das Viper-Chassis wurde für 2008 von Grund auf überholt, die Aerodynamik den neuen Regeln angepasst und 50 Kilo Gewicht ausgeladen. Was beim ersten VLN-Rennen noch nicht debütierte, war der neue Motor. Teamchef Peter Zakowski hofft, dass die neue V8-Wumme aus dem Chrysler-Konzernverbund der fehlende Baustein sein wird, um Porsche bei Leistung und Verbrauch unter Druck zu setzen.


Aston Martin nur Außenseiter

Der Rest vom Schützenfest hat vage, kaum kalkulierbare Außenseiterchancen: Aston Martin kommt nach der geschiedenen Ehe mit Phoenix Racing nun doch wieder mit dem GT3-Modell DBRS9 auf die Nordschleife zurück. Der Fahrerkader lässt vermuten, dass man nicht nur wegen der Show antritt: Stefan Mücke, Tomas Enge und Robert Lechner gehören in die Güteklasse 1A. Radio Fahrerlager vermeldet zudem, dass das Werksteam Prodrive am Einsatz direkt beteiligt sein soll. Der fette Sechs-Liter-V12- Motor des DBRS9 klingt zwar toll, ist jedoch beim Verbrauch gegenüber den Porsche-Rennwagen eher im Nachteil.

Der Verbrauch ist auch das größte Sorgenkind bei Lamborghini – Teamchef Nicolas Raeder bringt heuer zwei baugleiche Gallardo an den Start. Doch der Saisonstart ging gleich gründlich in die Hose: Das Topauto für Hermann Tilke, Dirk Adorf und Patrick Simon verunfallte schon beim Rollout schwer. Beim ersten Lauf zur Langstreckenmeisterschaft ließ man trotzdem mit der drittbesten Trainingszeit aufhorchen. Doch der durstige V10- Motor reduziert die Möglichkeiten, den Porsche in die Wade zu beißen.

Hybrid-Apollo als Exot

Um den ehemaligen Nürburgring-Platzhirsch BMW ist es zurzeit eher ruhig bestellt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass BMW 2009 gern mit dem jüngst vorgestellten GT2-M3 antreten würde. 2008 ist also ein Übergangsjahr, in dem vielleicht das Schubert- Team mit seinem Z4 für Claudia Hürtgen, Stian Sorlie und Jörg Viebahn für einen Achtungserfolg sorgen könnte. Und dann wären da noch die wahren Exoten des Starterfeldes, über deren Einsatz sich vor allem die Fans freuen dürften: Zu nennen ist hier der geplante Start des Sportwagenherstellers Apollo, der mit einer Hybrid-Version für Heinz-Harald Frentzen und Dirk Müller zum Nürburgring reisen will. Auch sport auto sorgt mit dem weltweit ersten Einsatz eines professionell vorbereiteten Audi R8-Rennwagens für einen ernst zu nehmenden Farbtupfer im 24h-Feld 2008.

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