Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Abenteuer für echte Männer

Ein Tag im Dampf

Einmal selbst so ein zischendes und fauchendes Dampf-Ungeheuer fahren: Malte Jürgens erfüllte sich den Traum vom Lokführer.

26.01.2014 Malte Jürgens

Beim Dampflokfahren gibt es Vorschriften, deren strenges Einhalten sich höchst vergnüglich ausnimmt, etwa die Sache mit der Pfeife. Vor jedem Losfahren, heißt es da, ist die Funktion der Dampfpfeife zu überprüfen. Furchtlos den rußigen Schieber gezogen, und schon heult meine 99.14 ihre Botschaft über den Bahnhof von Benndorf: Gleich geht’s lo-ho-hos.

Dann ein Blick auf die Heusinger-Steuerung. Der Zeiger am Spindelrad signalisiert nicht nur "vorwärts", sondern auch "100 Prozent Füllung" der beiden Druckzylinder, das passt. Ein Blick zum Heizer, wegen des Vieraugen-Prinzips.

Er wacht mit öl- und kohleschwarzen Händen über die Feuerluke, behält die Batterie der Manometer im Auge, fühlt beim Zwischenstopp nach der Temperatur der Achslager und verteilt die Kohle auf dem 1,6 Quadratmeter großen Rost so, dass es keine kalten Nester gibt.

Kompletten Artikel kaufen
Reportage Abenteuer für echte Männer So werden Träume wahr
auto motor und sport 01/2014
Sie erhalten den kompletten Artikel (inkl. PDF, 8 Seiten)

Dampflok fährt bis zu 30 km/h schnell

Der Heizer, werter Lokführer, ist dein Buddy, dein zweites Ich, mit dem musst du dich verstehen, ohne Worte. Um seiner Rede Nachdruck zu verleihen, hat der Ausbilder noch ein knallhartes Beispiel parat. Die letzte Kesselexplosion in einer DDR-Dampflok ereignete sich 1977 bei Bitterfeld, der Lokführer war 35 Jahre alt, der Heizer 63, man verstand sich nicht, auch nicht, als ein Manometer plötzlich verrücktspielte. Der soziale Druck im Führerstand sprengte schließlich den Kessel, sozusagen.

Mein Buddy blickt mich an, nickt, alles okay, endlich kann es losgehen. Jetzt also den gewaltigen Fahrhebel linker Hand vorsichtig ein wenig nach außen gedrückt, bis ein vernehmliches Klack-Klack aus den Tiefen des Lokomotivenleibes davon kündet, dass die Arbeit aufgenommen wird. Die Knorr-Luftdruckbremse mit dem kleineren Hebel rechts oben lösen, ein wenig mehr Dampf, und schon setzt sich der kleine Zug seidenweich in Bewegung.

Die Schmalspur-Lok aus dem Karl-Marx-Werk in Babelsberg wiegt mit Wasser und Kohle gut ihre 39 Tonnen, dazu kommt die Handvoll Wägelchen, die wir hinter uns herziehen. Eine Gangschaltung gibt es nicht, die Höchstgeschwindigkeit beträgt 30 km/h, und zum Glück steigt die Strecke nach Hettstedt im Verhältnis von 1:45 an.

Die Lust bergauf

"Die Königsdisziplin des Dampflokfahrens", belehrt mich die sicherheitshalber auf dem Führerstand mitreisende ausgebildete Lokführerin, "ist das Bergauffahren. Mehr Dampf geben, die Schwerkraft überwinden, dieses unbeirrbare, von dir kontrollierte Stampfen in die Höhe, das ist ein unvergleichliches Maschinenerlebnis, so als wäre man mit Robert Stephenson und seiner ‚Rocket‘ gerade zum ersten Mal auf die Strecke gegangen." Das könnte dann beispielsweise 1829 gewesen sein, als Mister Stephenson seine Dampflok im Rennen von Rainhill antreten ließ, den Wettbewerb gewann und damit als Vater der Dampf-Eisenbahn in die Geschichte der Verkehrsmittel einging.

Der Kindertraum, solch einen Berg aus Stahl und Feuer selbst einmal zu steuern, ist damit schon fast 200 Jahre alt. In dieser Zeit hat er aber von seiner Faszination nicht einen Funken eingebüßt.

Dem sehnsüchtigen Ziehen in der Männerseele beim Anblick einer unter Dampf stehenden Lokomotive kann dabei abgeholfen werden. Verschiedene Eisenbahn-Vereine in Deutschland bieten eine Do-it-yourself-Dampflokfahrt an, natürlich gegen einen entsprechenden Obolus. Unser Testlauf fand im Südharz statt, beim Mansfelder Bergwerksbahn-Verein.

Dampflok heißt Schwarzarbeit

Im Bahnhof von Klostermansfeld/Benndorf warten einige Loks der Baureihe 99 auf den Einsatz. Früher zum Transport des kupferhaltigen Mansfelder Schiefers benutzt, als Verbindung zwischen Gruben und Hüttenwerken, zur Beförderung der Kumpel und zur Fahrt auf die surrealen Abraumhalden, können heute Dampflok-Liebhaber den Fahrhebel einer der 99 selbst bedienen.

Geboten werden drei Programme. Im Schnupperkurs teilen sich zwei Amateur-Lokführer die 20-Kilometer-Fahrt von Benndorf nach Hettstedt und zurück. In Siersleben wird gewechselt, jeder der beiden darf die halbe Strecke bergauf fahren, danach die halbe wieder zurück. Der Tag im Dampf kostet in dieser Variante 499 Euro, inklusive Theorie-Kurs und Rangierübungen. Die Alleinfahrt im Silber-Kurs kostet 879, die zweifache Alleinfahrt im Rhenium-Programm 1.748 Euro.

Wir beschließen den Tag im Dampf mit sauber geschrubbten Händen im Eislebener "Graf von Mansfeld". Die Bedienung dort duftete nach Öl und Steinkohle, und die Betten waren weich. Oder war es genau andersherum? Ich erinnere mich nur noch an einen dunklen Traum, in dem es um Kulissensteine, Schieberschubstangen, Voreilhebel und Gegenkurbeln ging.

So wird man Lokomotivführer für einen Tag

Anbieter: Mansfelder Bergwerksbahn e. V.
Kontakt: www.bergwerksbahn.de
Ort: Klostermansfeld/Benndorf
Kosten: 499 bis 1.748 Euro
Tipp: Derbe Kleidung, kräftige Schuhe und Handwaschpaste mitbringen. Gute Unterkunft z. B. im "Graf von Mansfeld" (Eisleben).

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Autokredit berechnen
Anzeige
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden