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Abschied vom VW Golf Cabriolet

Tschüss, Erdbeerkörbchen!

VW Golf Cabriolet, Impression Foto: Archiv 15 Bilder

Jörn Thomas ist empört. Auch wenn er nie eines besaß, mit ihm sympathisiert hat er immer. Und jetzt wird es eingestellt. Ein Nachruf auf das Volkswagen Golf Cabriolet.

05.08.2016 Jörn Thomas 1 Kommentar

Es war an einem Sonntag, so gegen Viertel nach fünf. Den Käsekuchen gerade verdrückt, der Cappuccino dampft auf dem Couchtisch. Dann der Schock – auto motor und sport 10/2016, Seite 26, in einem Nebensatz: „... nach dem Ende des Golf Cabrio im Mai ...“ Wie jetzt? Das Ende? Im Mai? Da gondeln jede Menge krumme Gurken durch die Welt, täglich kommen neue dazu, und dann stellen sie eines der vernünftigsten Autos ein?

VW Golf Cabrio seit 2011 Bügelfrei

Sollte ich mich so geirrt haben, damals an diesem Februarmorgen 2011 in Osnabrück? Ich durfte für auto motor und sport das noch lacknasse Golf VI Cabrio auf dem Firmengelände von Karmann als Erster fahren. Der offene Golf nach der Zäsur zwischen der Einstellung des – sagen wir mal, bodenständigen – offenen Typs III mit Bügel und der Wiederauferstehung in Form des Bügelfreien mit der flachen Frontscheibe.

VW Golf Cabriolet, ImpressionFoto: Archiv
Der offene Golf war stets eine coole Socke, ein Demokrat, seit 1979. Ein Golf, nur eben offen.

Und wie immer waren beim Golf Cabrio auch diesmal Frauen im Spiel. In Osnabrück eine dunkelblonde aus dem VW-Fundus. Das Cabrio sollte ja attraktiv wirken. Mann fährt, Frau attraktiert. So ist das seit der Steinzeit und natürlich an diesem saukalten Februarvormittag. An dem man zum Vergleich auch in ein Golf-eins-Cabrio stieg. Im Gegensatz zum Neuen mit der schräg stehenden Scheibe und den flüssigen Linien kam der Opa regelrecht fossil rüber, ziemlich klein überdies. Das Armaturenbrett wie mit der Axt behauen, die knallharten Kunststoffe lakritzglänzend und pflegeleicht. Trotzdem, vergiss das Erdbeerkörbchen-Gequatsche, der offene Golf war stets eine coole Socke, ein Demokrat, seit 1979. Ein Golf, nur eben offen. Mit vier Sitzen, ordentlich Platz und, hallo, strammen 70 PS bei 910 Kilo.

Sporteln? Ging auch

Sporteln ging, mit dem GLI (110 PS, 940 Kilogramm) wurde es dann dynamisch. Es waren schöne Zeiten, glaubt man zeitgenössischen Prospekten (mühselig aus dem Ständer des VAG-Händlers erbeten, nicht aus dem Netz runtergeladen). Dort bricht ein Pärchen im diamantsilbernen GLS nach Nizza auf. Das gestreifte Hemd offen (also das des Typen), die Radzierblenden verchromt, die Fotos unscharf. Photoshop war genauso weit entfernt wie Abgas-Skandale. Fallstromvergaser kannten keine Prüfstandserkennung.

Der Wohlstand krabbelte in die Siedlungen der Vororte, die bleierne Zeit verflog. Der Mittelstand ging zum Tennis, Reihenhaussiedler gönnten sich was, nahmen als Zweitwagen statt des zugelöteten gern auch den Golf mit Verdeck. Fünflagig, mit dicker Zwischenschicht. Es sollte ja gemütlich bleiben. Vor dem Kauf tagte die ganze Familie um den Couchtisch, Verdeck, Lack und Polsterfarben aussuchen, die durchsichtigen Folien hin- und herblättern.

VW Golf Cabrio bis zuletzt mit Stoffdach

Hin und her, da kommt die Persenning ins Visier. Die musste beim Typ eins immer drauf, der Prospekt euphemisiert das Gefrickel mit „click, click“, wir ollen Fahrensleute erinnern eher die Blutblasen und geschredderte Fingernägel – aber egal. Meistens blieb die Verdeckschutzplane eh zusammengekrumpelt im Kofferraum. Wir genossen den kleinen Luxus des offenen Flanierens, wenn auch nur auf der B 3 südwestlich von Hildesheim. Unverwüstlich das Ganze, damals wie heute. Und gar nicht popperhaft. Na ja, wir hingen beim Revival ja auch irgendwo zwischen Backsteinbauten und dem Stacheldrahtzaun zum Osnabrücker Bahndamm. Also nix mit Föhnwelle und Pullunder in Pöseldorf oder Mittelmeerbrise an der Croisette.

VW Golf Cabriolet, ImpressionFoto: Archiv
Gib mir Meer! 2011 kam das Cabrio zurück. Schick wie nie. 2016 ist endgültig Schluss.

Fakt ist: Der Neue kam sympathisch rüber, es fiel leicht, ihm eine große Zukunft zu versprechen, den bisherigen 684.000 Stück noch einige hinzuzufügen. Zumal er sich dem Blechklappdach-Gewurschtel vieler Klassenkameraden elegant entzog.
Am Ende waren es wohl dennoch nicht genug, trotz der Rundumbetüdelung seiner Insassen, auf die sich der Alte noch nicht so verstand. Man pries noch die kleinen Raffinessen wie beleuchtete Zigarettenanzünder und Ascher. Klar, in den 80ern durfte man drinnen und draußen noch unbehelligt rauchen. Und erst der „elegante Teppich“, das Dreistufengebläse und das Top-Radio mit Kassette, die anderen grundsätzlich mit Anschluss für Tonband. Toll, oder? Ob jemals einer sein Tonbandgerät ins Cabrio implantiert hat?

Egal, auf mich wirkte das Golf I Cabrio zu seiner Zeit wie eine Mischung aus Rolls Royce Corniche und Sportwagen. Speziell mit dem 1,8- Liter und 98 PS war es gar nicht so langsam. Lachen Sie ruhig, so war es. Und eines konnten eh alle Generationen dieses offenen Volkswagen: den Alltag versüßen. Versüßen, gutes Stichwort, ich glaube, da ist noch ein Stück Käsekuchen. Das hilft über die erste Trauer hinweg.

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helmi1966 1. November 2016, 16:27 Uhr
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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