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Abwrackprämie

ZDK-Chef korrigiert Absatzprognose nach oben

Foto: ZDK 10 Bilder

Robert Rademacher, Präsident des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK), spricht im Interview mit auto-motor-und-sport.de über den Erfolg der Umweltprämie und korrigiert seine Prognose für die Neuzulassungen im Gesamtjahr 2009 nach oben. Allerdings klagt er auch über Insolvenzen und andere Probleme im deutschen Automobilhandel.

25.02.2009 Harald Hamprecht, Jens Katemann

Wie bewerten Sie den Erfolg der Umweltprämie für den Handel?
Rademacher:
Es hat noch nie eine staatliche Förderung gegeben, die einen so positiven Effekt gehabt hat wie die Umweltprämie.

Bislang wurden aber erst wenige Anträge beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) eingereicht. Wie viele Anträge auf Umweltprämie liegen denn im Handel derzeit vor?
Rademacher:
Die bislang noch relativ recht niedrige Zahl an eingegangenen Anträgen beim BAFA spiegelt die Situation nicht richtig wider. Bei vielen Händlern biegen sich die Schreibtische mit noch nicht vollständigen oder abgeschickten Anträgen. Nach Rückmeldungen aus den Betrieben und den Markenverbänden gehen wir derzeit von über 220.000 Kaufverträgen aus, die in den nächsten Tagen und Wochen als Anträge an die BAFA gesendet werden.

Sie haben gefordert, dass Antragsstellern auf die Prämie die Gewährung bis zum Stichtag 31. Juli 2009 garantiert werden sollte. Doch dann könnte der Topf aber schon lange leer sein. Mit wie vielen Anträgen rechnen Sie insgesamt?
Rademacher:
Es gibt 8,8 Millionen Halter von Altfahrzeugen, die theoretisch in den Genuss der Prämie kommen könnten. Nach einer von uns in Auftrag gegebenen, repräsentativen Forsa-Umfrage wollen sie rund eine Million Autofahrer in Anspruch nehmen. Selbst wenn es nicht alle tatsächlich tun, könnte der Topf vor dem Termin leer sein. Ich will mit dem neuen Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg das Gespräch suchen, um vielleicht noch einen kleinen Zuschlag zu den 1,5 Milliarden Euro zu bekommen, damit im Sinne eines Vertrauensschutzes auch die Käufer so genannter Bestellautos mit mehrmonatiger Lieferzeit eine Sicherheit haben. Die Lösung des Kaufvertragsdatums ist gut.

Welches Neuzulassungsplus erwartet der Autohandel nach Einführung der Umweltprämie für das Jahr?
Rademacher:
Wir können die Prognose von 2,8 Millionen Neuzulassungen, die wir im Dezember für das Jahr 2009 abgegeben haben, mit Sicherheit nach oben revidieren. Ich gehe davon aus, dass "gut drei Millionen" Neuzulassungen in diesem Jahr erreichbar sind.

Und wie sieht es bei Umsatz und Rendite aus?
Rademacher:
Nach vorläufigen Zahlen haben Handel und Service das Jahr 2008 mit rund 128 Milliarden Euro und einem Minus von etwa 1,5 Milliarden Euro beim Umsatz beendet. Die Umsatzrendite lag bei rund 0,3 Prozent im Handel. 2009 erwarten wir dank der Umweltprämie beim Handelsumsatz mit neuen und gebrauchten Pkw ein Plus von bis zu zwei Milliarden Euro und bei der Rendite gibt es mit kaufmännischer Disziplin die Chance, die 0,5-Prozent-Marke zu überschreiten. Zu einer besseren Rendite werden wir aber nur kommen, wenn wir auch zu anderen Formen der Zusammenarbeit mit den Herstellern kommen.

Welche Veränderung im Verhältnis Handel zu Hersteller würden Sie sich wünschen?
Rademacher:
Ein ganz wichtiger Punkt ist die Frage, in welcher Form das Risiko getragen wird, wenn nach dem Auslauf von Leasing-Verträgen die kalkulierten Restwerte beim Wiederverkauf von Fahrzeugen nicht erreicht werden. In den USA trägt der Hersteller das Risiko allein, in Deutschland liegt es bis dato überwiegend beim Händler. Wir fordern, dass auch hier zu Lande der Hersteller den Verlust übernimmt.

Können Sie Beispiele nennen, um wieviel Prozent die kalkulierten Restwerte von Premium-Modellen nach drei Jahren Leasing derzeit von den Marktpreisen abweichen und welchen Verlust der Händler in Euro pro Auto zu tragen hat?
Rademacher:
Statt des prognostizierten Restwertes von 52 Prozent erreicht derzeit ein BMW 320d, je nach Ausstattung, häufig nur noch rund 42 Prozent. Bei Audi z. B. liegen kalkulierte Restwerte und aktuelle Marktwerte nicht selten um 15 Prozent auseinander. Die Verluste können in solchen Fällen von über 10.000 Euro pro Fahrzeug liegen.

Ein weiteres Ärgerthema sind die Direktgeschäfte der Hersteller. Wie haben Sie sich entwickelt, und was wäre ein vernünftiger prozentualer Anteil am Gesamtmarktvolumen?
Rademacher:
In Deutschland werden rund 30 Prozent aller neu verkauften Autos am Handel vorbei auf die Straße gebracht. Wir müssen wieder zu einem Anteil von zehn Prozent zurück. Der Kuchen ist in den vergangenen Jahren sowieso viel kleiner geworden. Da kann es nicht sein, dass sich die Hersteller davon auch noch ein immer größeres Stück selbst abschneiden.

Spürt der Handel eine Entlastung durch die Produktionskürzungen der Hersteller?
Rademacher:
Ja, das war aber auch notwendig. Denn vor den Produktionsstopps waren die Höfe voll. Der Handel war der Parkplatz für die Überproduktion. Dank Umweltprämie haben wir in den Modellsegmenten von der Kompaktklasse abwärts kleine Lieferengpässe.

Wird nun auch der Druck, hohe Rabatte geben zu müssen, geringer?
Rademacher:
Mehr Rabatt, als der Handel in der jüngeren Vergangenheit bereits gegeben hat ist angesichts einer Rendite, die gegen Null tendiert, sicher nicht möglich. Einem nackten Mann kann man bekanntlich nicht mehr in die Tasche greifen. Ausnahmen wird es möglicherweise bei einigen Jahreswagen oder Re-Importen geben. Aber im Durchschnitt sind wir am Boden des Fasses angelangt. Bei den von der Umweltprämie erfassten Modellsegmenten ist das Rabattvolumen nach vorläufigen Zahlen um ein Drittel auf rund acht Punkte gesunken.

Wird das Werkstattgeschäft durch die Verschrottung von Altfahrzeugen 2009 leiden? Welchen Umsatz hat die Branche 2008 mit dem Service gemacht, und womit rechnen Sie 2009?
Rademacher:
Bei den Markenwerkstätten rechnen wir nicht mit spürbaren negativen Auswirkungen im Werkstattgeschäft durch die Umweltprämie. Bei freien Werkstätten sieht die Sache anders aus. Aber auch sie profitieren mittelfristig, denn durch die Umweltprämie erreichen wir Kundengruppen, die wir bisher nie gesehen haben. Insgesamt hat die Branche 2008 nach ersten Berechnungen einen Service-Umsatz von fast 29 Milliarden Euro (plus 4,3 Prozent) gemacht. In diesem Jahr rechnen wir mit einem stabilen Geschäftsverlauf für Wartung und Reparatur.

Sie hatten zum Jahresende mit einem Verlust von 30.000 Arbeitsplätzen in der Branche gerechnet. Ist das nun auch Makulatur?
Rademacher:
Die Stimmung ist durch die Umweltprämie in den Betrieben äußerst positiv. Das wird so lange anhalten, wie die Prämie Wirkung erzielt. Es wird aber auch ein Leben danach geben. In diesem Jahr wird es sicher etwas glimpflicher abgehen als erwartet. Das ändert aber nichts daran, dass wir unabhängig von Wirtschafts- und Finanzkrise im Kraftfahrzeuggewerbe wegen der seit Jahren niedrigeren Neuzulassungen einen Schrumpfungsprozess bewältigen zu haben. Diese Strukturanpassung kann die Umweltprämie nur herauszögern, aber nicht verhindern. Die Prämie ist ein zeitlich befristeter operativer Segen, sie ist keine strukturelle Lösung.

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