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Ärgerthema Fahrzeugbreite

Warum nicht mal eine Nummer kleiner?

Kia, Tiefgarage Foto: Hans-Dieter Seufert 23 Bilder

Unsere Autos legen stetig zu - vor allem ihre Breite sorgt im Alltag oft für Frust. Wir sagen Ihnen, was hinter dem Trend steckt und wie Sie sich vor Ärger schützen können.

15.04.2012 Stefan Cerchez

Christophorus fährt heute eine Sonderschicht: Der Schutzpatron der Autofahrer beaufsichtigt meine Parkversuche in der Redaktionstiefgarage. Zwar bekomme ich den Kia Optima im zweiten Anlauf ordentlich zwischen Säule und Stellplatznachbar zentriert, aber nur, um festzustellen, dass besagte Säule nun auf der Fahrerseite den Weg zum Ausgang versperrt. Also bleibt mir nur die Wahl zwischen Notausstieg auf der Beifahrerseite oder einem weiteren Versuch im morgendlichen Parkplatz-Bingo. Ich entscheide mich dafür, den Kia nochmal neu in die Lücke zu zirkeln, klappe die Spiegel an und gehe auf der rechten Seite fast auf Tuchfühlung mit dem benachbarten Audi, dessen Fahrer mich beim Ausparken vermutlich verfluchen wird - geschafft!

Aber wer oder was steckt eigentlich hinter meiner Park-Misere? Sind unsere Parkplätze zu schmal oder unsere Autos zu breit? Fakt ist: In den letzten 30 Jahren sind fast alle Modelle nicht nur in die Länge, sondern auch in die Breite gegangen. Ein Ford Mondeo beispielsweise hat sich allein von 1993 bis 2007 von 1,75 auf 1,89 Meter verbreitert, der Golf als der Deutschen liebstes Automobil plusterte sich zwischen 1974 und heute um sage und schreibe 17 Zentimeter in der Horizontalen auf.

Fahrzeugbreite ist stets ohne Spiegel gemessen

Straßen- und Wegebau haben mit diesem Wachstum allerdings nicht ganz Schritt gehalten. Die "Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen" (RASt) oder die "Richtlinien für die Anlage von Autobahnen" (RAA) orientieren sich zwar an der zulässigen Maximalbreite für Busse und Brummis (2,55 Meter) und addieren beispielsweise in der Stadt noch einen Bewegungsspielraum von 25 Zentimeter pro Seite, was einen für Pkw durchaus erträglichen Bewegungsraum von mindestens 3,05 Meter pro Fahrbahn ergibt.

Allerdings holen uns Autofahrer zwei Tatsachen unsanft in die Realität zurück: Erstens ist die angegebene Fahrzeugbreite laut Zulassungsbescheinigung stets ohne Spiegel gemessen, und zweitens sind wir längst nicht mehr nur auf Normstraßen unterwegs. Spätestens an der ersten Autobahnbaustelle werden Modelle mit einer tatsächlichen Gesamtbreite von über zwei Meter üblicherweise auf die rechte Spur verbannt. Laut einer Stichprobe des ADAC betrifft dies zwei Drittel aller in Deutschland angebotenen Neuwagen, denn für die Spiegel kann man locker nochmal 30 Zentimeter auf die Werksangabe draufrechnen. Selbst vermeintlich schmale Klein- und Kompaktwagen wie Renault Clio, Ford Focus, Opel Astra, Toyota Auris oder VW Golf übertreffen mit Außenspiegeln die Zwei-Meter-Breitenmarke.

Polizei kontrolliert gezielt Breiten-Verstöße an Baustellen

Bei der Autobahnpolizei ist das Problem bekannt. "Nach unserer Auffassung sind die Fahrspuren im Baustellenbereich oft unzureichend", sagt Verkehrsreferent Bernhard Gutacker von der Polizeidirektion Böblingen. "Hier müssten die Baurechtsbehören reagieren und die tatsächlichen Straßenbreiten anpassen." Während die Autobahnpolizei im Raum Stuttgart bislang noch keine gezielten Kontrollen auf Breiten-Verstöße im Baustellenbereich durchgeführt hat, sind die Kollegen in Nordrhein-Westfalen schon weiter: Bereits seit Sommer 2010 kontrolliert beispielsweise die Polizei Dortmund gezielt die Breite. Ergebnis: Tausende Verwarnungen und entsprechend viele verblüffte Autofahrer. Daher fordern die Autoclubs ACE und ADAC eine Freigabe der linken Spur in Baustellen - wo möglich - bis zu einer effektiven Breite von 2,10 Meter.

Eine positive Botschaft hierzu kommt von VDA-Präsident Matthias Wissmann: "Es gibt Pläne von Bund und Ländern, die Richtlinien zu überarbeiten. Ich rechne hier mit einer Entspannung der Situation."

ADAC fordert "angemessene" Stellplatzbreite

Kummer gibt es aber auch im ruhenden Verkehr. Denn auf Parkplätzen und vor allem in Tiefgaragen macht sich besonders bemerkbar, wie sich unsere Autos in den vergangenen Jahrzehnten vergrößert haben. Kein Wunder, denn die Garagenverordnungen der Länder sehen nur eine Minimalbreite von 2,30 Meter pro Stellplatz vor. Dass hier bei Nettobreiten knapp unter zwei Meter nicht mehr viel Platz für problemloses Aussteigen bleibt, dürfte klar sein. Der ADAC fordert daher eine "angemessene" Stellplatzbreite von rund 2,50 Metern. Es müssen ja nicht gleich 3,50 Meter sein wie auf den ersten XXL-Parkplätzen am Stuttgarter Flughafen. Dort stehen im Parkhaus P5 60 extragroße Stellflächen zur Verfügung - bis auf Weiteres sogar zum selben Tarif wie die herkömmlichen Parkplätze.

Immerhin machen sich auch die Autohersteller Gedanken: Neben aufwendigen Ansätzen wie neuen Türkonzepten oder aktiven Einparkassistenten können selbst Kleinigkeiten wie automatisierte Klappspiegel oder Kantenschoner viel dazu beitragen, dass wir trotz breiterer Karosserien künftig weniger Bagatellschäden zu beklagen haben. Schutzpatron Christophorus und die Kasko-Versicherer würden es der Industrie danken.

Im Grunde haben wir das Problem unseren kontinuierlich gewachsenen Ansprüchen zu verdanken: Weder beim Thema Sicherheit (Stichwort Seitenaufprallschutz) noch beim Platzangebot (Freiheit für die Ellenbogen!) wollen wir Abstriche machen. Das Ergebnis: Die Autos wachsen stetig in die Breite. Dieses Rad lässt sich nur schwerlich zurückdrehen.

Über zwei Meter sind auf der linken Spur tabu

Extragroße Parkplätze wären zwar wünschenswert, werden aber kaum zum Nulltarif umgesetzt werden. Also müssen wir uns die tatsächliche Breite unserer Autos bewusst machen. Oft reicht dazu ein Blick in die Betriebsanleitung. Gibt die keine Antwort, hilft der Blick auf die Hersteller-Homepage im Internet - oder der Griff zum Maßband. Liegt der ermittelte Wert von Spiegel zu Spiegel über zwei Meter, ist die linke Spur in Baustellen meist tabu und auf Parkplätzen oder in Tiefgaragen erhöhte Konzentration gefordert. Vor dem nächsten Autokauf ebenso: Denn die Hersteller müssen spüren, dass es eine Nachfrage nach intelligenten Raumkonzepten und cleveren Detaillösungen gibt. Zwar bietet nicht jedes Fabrikat Kameras oder Schiebetüren an - aber fast immer eine schlankere Alternative.

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