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Akrobat Krön

Porträt Günter Krön

Foto: 8 Bilder

Ihm gelang bisher 16 Mal das Kunststück, 180 Oldtimer ohne große Pannen auf eine 2000 Kilometer lange Reise zu schicken. Der Mann ohne Nerven hat vor allem eines, Benzin im Blut. Sein Herz schlägt für Vorkriegsautos.

14.01.2007 Alf Cremers Powered by

Sein Auto brachte ihn auf die Idee. Dieser niedliche Fiat 508 Balilla Coppa d’Oro, Baujahr 1934, hatte es faustdick hinter den Kotflügeln. Der Bilderbuch-Roadster, dem die Fiat-Stilisten eine kesse Flosse ins rundliche Bootsheck modellierten, schaffte 1934 den spektakulären Seriensieg bei einer legendären Motorsport-Veranstaltung. Sechs der schönen kleinen Biester fuhren in Baden-Baden nach einem 2196 Kilometer langen Marathon als Erste durchs Ziel, und das mit nur 36 PS aus 1000 Kubik.

Günter Krön wusste davon noch nichts, als er sich 1977 einen Traum erfüllte und den schmucken Roadster von einem italienischen Sammler kaufte: "Meine Oldtimerfreunde schenkten mir nach und nach Bücher, Zeitschriften und Prospekte über den Balilla. Irgendwann entdeckte ich das originale Fiat-Werbeplakat mit dem Gruppensieg der 2000-Kilometer-Fahrt 1934 als Werbemotiv – da klingelte es bei mir", lächelt der stämmige Mann wissend.

Es war die Idee seines Lebens, die alte Zuverlässigkeitsfahrt "2000 Kilometer durch Deutschland" wieder aufleben zu lassen, quasi als Krönung aller nationalen Oldtimer- Rallyes – länger, härter, schöner. Aber nicht so gnadenlos wie die Uraufführung in den Jahren 1933 und 1934. Schöne Hotels, gehobene Gastronomie, ein Tross von kompetenten Helfern, der Geborgenheit vermittelt, und das Fahren auf landschaftlich reizvollen Nebenstrecken gehören zur Krönschen Philosophie der neuen 2000 km.

45 unerschrockene Oldtimer-Freunde

Der Start des Revivals schien ideal, die Zeitläufte kamen Krön wie gerufen. Schon ein Jahr nach seiner 2000-Kilometer-Premiere 1989, die er mit 45 unerschrockenen Oldtimer-Freunden als Generalprobe für den Ernstfall Wiedervereinigung inszenierte, wurde ein Traum Wirklichkeit. "Berlin und die Fahrt durchs Brandenburger Tor gehörten schon 1933/34 dazu und sorgten nun für ein erhebendes Gefühl", erinnert sich Krön und schildert in Anekdoten, wie die Organe der DDR mit der Klassiker-Karawane umgingen: "Es war eine Mischung aus Unsicherheit und Respekt, viele behandelten es wie eine hoheitliche Aufgabe."

Krön, Jahrgang 1941, im Zivilberuf Innenarchitekt und für den Vertrieb von Dekostoffen bei der Samtweberei Christoph Andreae in Viersen tätig, hat sich die 2000 Kilometer verdient und erarbeitet. Schließlich ist er ein Vollblut-Enthusiast und lebte das Oldtimer-Hobby bereits, als Vorkriegsautos achtlos weggeworfen wurden. Sein erstes Auto kaufte er 1959 für 100 Mark, es war ein 39er Fiat Topolino.

Schon damals saß seine spätere Frau Helga auf dem Beifahrersitz. Als leitender Angestellter bei Andreae kam Krön früh in den Genuss eines Firmenwagens. "Meist waren es Audi 100,auch mal ein Citroën CX. Sie erlaubten es mir, dem Oldtimer-Hobby zu frönen. Vorkriegsautos mit Familienbezug sollten es sein.

Mein Vater hatte einen Opel P4, deshalb kaufte ich 1975 einen 1,8-Liter, Baujahr 1931. Darin sind unsere Kinder groß geworden, den würden wir niemals hergeben", sagt er. Im Alltag bewegt er einen Audi A8 4.2 Quattro. "Wer viel fährt, braucht viel Auto." Drei Mal fuhr er mit dem Balilla bei der Mille Miglia mit und lernte dabei.

Die ein oder andere Spargelfahrt

Das langjährige ASC-Mitglied Krön sammelte schon vor der Ära der 2000 Kilometer lokale Erfahrungen mit Oldtimer-Rallyes. Rund um den Grenzlandring hieß eine, die andere, zehn Mal in Folge, Rund um Viersen. Hinzu kam die eine oder andere Spargelfahrt, Frauen erwünscht.

Trotz dieser Fingerübungen ist der organisatorische und bürokratische Aufwand der deutschen Mille Miglia enorm. Dazu gehören das Akquirieren von Sponsoren und das Führen eines etwa 60-köpfigen Helferteams, das den Konvoi tatkräftig begleitet. Der AvD ist wohl Kröns treuester und wichtigster Partner. Die Begleitwagen leisten Pannenhilfe, und ihrer Besatzung gelingt es fast immer, die Havaristen wieder flott zu machen.

Im Dauerregen nicht die Nerven verloren

Ein Jahr lang laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Im April wird die Strecke das erste Mal abgefahren, im Mai der Katalog gedruckt, im Juni das Roadbook, um so aktuell wie möglich zu sein. Für die alljährliche heiße Juliwoche betet Günter Krön für gutes Wetter, doch auch im Dauerregen von 2002 verlor er nicht die Nerven. Seine 2000 Kilometer sind inzwischen ein Nationalheiligtum der Oldtimerszene.

Zirkus Krön nennt man seine Karawane liebevoll. Als Dompteur hat er bislang nur drei Mal die rote Karte gezeigt und Teilnehmer von der Straße verwiesen.

Einmal fand die Mittagspause in einem Berliner Lokal in einer Sackgasse statt. Manche hatten es beim Start so eilig, dass sie statt zum Wendehammer vorzufahren, panikartig umdrehten und dabei Jägerzäune und Vorgärten platt walzten. Doch da hallte es plötzlich aus dem Megafon des Fahrtleiters: "Der Nächste, der das macht, kann sich bei mir seinen Scheck abholen." Autorität schafft Vertrauen, so ist das eben bei Günter Krön.

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