Zornigen Drachen widerspricht man nicht. Man darf ihnen lauschen, sie respektieren oder mit ihnen zur Mille Miglia antreten. Reizen sollte man sie allerdings weniger - andernfalls könnte es sich zutragen, dass sie ihren Kritikern mit einem glühendheißen Auspuffrohr ein schwelendes Loch in die teure Brioni-Hose sengen.
Der Vergleich mit den geschuppten und Feuer spuckenden Fabeltieren drängt sich einfach auf, sobald im Tipo S 10 SS die Zündung eingeschaltet wird, der erste Gang hineinrutscht und die drei kräftigsten Zuschauer der morgendlichen Startzeremonie beim Anschieben so richtig in Schwung kommen. Ruckartig stellt die Mehrscheiben-Trockenkupplung den Kraftschluss her, und der 3,6-Liter-Motor springt an, noch bevor die Kurbelwelle ihre erste volle Drehung absolviert hat.
Krieg verhindert den Einsatz des Alfa Romeo Tipo S 10 SS bei der Mille Miglia 1941
Mit dem zunehmend geschmeidiger werdenden Rundlauf stellt sich ein brüllendes Fauchen ein. Es schlägt den Zeugen des ersten Roll-outs in die alarmierten Ohren wie der Tobsuchtsanfall des Drachenkönigs, wenn er bemerkt, dass die fangfrischen Jungfrauen mal wieder alle durchgebrannt sind. Zudem soll ein Bad im Drachenblut ja unverwundbar machen.
Und genau so hätten sich die Alfa-Piloten in den rennrot lackierten Mille-Miglia-Roadstern vermutlich gefühlt, wäre es tatsächlich 1941 noch einmal gegen den Vorjahressieger BMW mit den silberfarbenen 328-Coupés gegangen. Doch der Krieg vernichtete auch diesen Teil der Kultur: 1941 musste sich die Welt um Wichtigeres kümmern als um ein Autorennen von Brescia nach Brescia.
Auf die Alfa-Romeo-Zwölfzylinder von Colombo senkte sich der Schatten des Vergessens. Nur der Schweizer Rennfahrer Willy Daetwyler fuhr nach dem Krieg einen der übrig gebliebenen 412 in Wettbewerben; sehr erfolgreich übrigens. Der Daetwyler-Spider befindet sich heute in den USA; die übrigen Reste des Projekts S 10, darunter ein kompletter Motor, verschwanden auf geheimnisvolle Weise. Vor Jahren tauchte jedoch bei einem italienischen Sammler der zweite Motor plötzlich wieder auf. Sein Zustand war nahezu perfekt.
Alfa Romeo-Team: Gioacchino Colombo und Enzo Ferrari
Bohrung und Hub betragen 68 x 82 Millimeter, der Gesamthubraum 3.560 Kubikzentimeter. Für die geplante Hubraumbeschränkung der Mille Miglia 1941 wollte Colombo eine Drei-Liter-Version mit 62 Millimeter Bohrung auflegen. Die mehr als zwei Meter lange Triplex-Kette zum Steuern der Nockenwellen und zum Antrieb der Wasserpumpe erwies sich als funktionstüchtig, was zu dem Schluss führte: Viel gelaufen war dieser rare Alfa-Antrieb offensichtlich noch nicht.
Die Entstehungsgeschichte des Motors kann dabei nicht erzählt werden ohne einen Seitenblick auf die von Kündigungen und Intrigen durchsetzte Zeit bei Alfa kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. 1936 schnürt der legendäre Konstrukteur Vittorio Jano sein Bündel, was seinen Assistenten Gioacchino Colombo an die Spitze der Motorenentwicklung befördert. Partner auf der motorsportlichen Seite ist Enzo Ferrari, der ja mit der Scuderia Ferrari die Einsätze der Werksrennwagen von Alfa Romeo leitet.
Der Zwölfzylinder-Fan Ferrari sieht im ersten zivilen Colombo-V12 ein Aggregat mit großem Potenzial, steht jedoch seinerseits unter Druck: Im März 1937 wurde Alfa Corse gegründet, der neue werkseigene Rennstall. Ferrari wird zwar als Chef bestellt, verstrickt sich jedoch rasch in Auseinandersetzungen mit dem spanischen Konstrukteur Wilfredo Pelayo Ricart.
Im Herbst 1939 wirft Ferrari bei Alfa die Brocken hin, und die Mille Miglia 1940 sieht sein erstes eigenes Auto am Start, den Autoaviocostructione Tipo 815. Nach dem Krieg kommen Ferrari und Colombo erneut zusammen - der Ingenieur hat sich von Alfa getrennt und entwirft den ersten 1,5-Liter-V12 für Ferrari, gewissermaßen eine Bonsai-Version seines Zwölfenders von 1937, mit 125 Kubikzentimeter Hubraum pro Zylinder.
Mehr zu dem engagierten Projekt, einen Alfa Romeo Tipo S10 SS aus der Taufe zu heben, lesen Sie auf unserer Schwesterseite www.motor-klassik.de.
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