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Allgäu-Orient-Rallye 2012

Team 96 unterwegs: Tag 1 bis 5

Foto: Taxi to Baku 12 Bilder

Samstag, 28. April 2012, 9.00 Uhr: Wir bringen unsere drei alten Daimler mit den Kennzeichen S-TB 961, S-TB 962 und S-TB 963 in Oberstaufen in Stellung, um als Team 96 von 111 über die improvisierte Startrampe zur Allgäu-Orient-Rallye zu starten.

04.05.2012 Michael Rassinger Powered by

Oberstaufen ist voller alter Autos, beklebt mit Sponsorenaufklebern, auf den Dächern Ersatzreifen und Benzinkanister. Entweder ein mindestens zwanzig Jahre altes Auto oder weniger wert als 1.111,11 Euro – so lautet die Regel für eines der letzten Automobil-Abenteuer dieser Welt.

Drei Stunden später sind wir an der Reihe, die Rallye über Nebenstraßen von Oberstaufen nach Baku beginnt. Im dreißig Kilometer entfernten Missen müssen wir sechs Flaschen Bier abholen. Aufgabe bis Istanbul ist es, vier dieser Flaschen auf dem Weg gegen lokales Bier bei Einheimischen zu tauschen. Zwei der Flaschen müssen einem Bürgermeister oder Polzisten geschenkt werden, doppelte Punktzahl gibt es, wenn der Gesetzesvertreter die Flasche trinkt. Euphorisch und unter großem Gehupe geht es los (wie sich später herausstellt, mit einem Schnitt von fünfzig Kilometern pro Stunde), über Kempten, Bad Tölz und Schliersee über die Alpen.

Ein erstes Team mit Problemen treffen wir bereits nach den ersten 200 km – Benzinpumpe kaputt, helfen können wir hier nicht wirklich. Einsam ziehen 961, 962 und 963 die Passstrassen hoch und runter, bis wir nach 500 Kilometern in Admont/Österreich die erste Schlafstelle finden. Maximal 11,11 Euro dürfen pro Person und Nacht im Schnitt ausgegeben werden. Unser Hotel besteht daher aus unseren Kombis, die mit Isomatten ausgekleidet werden. Auf einem verlassenen Platz eines leerstehenden Gebäudes wird geparkt, der sich morgens um vier aber als Omnibusparkplatz von Admont entpuppt. Unser nächstes Ziel ist das 800 Kilometer entfernte Petresti in Rumänien. Daher geht es in aller Frühe um 5 Uhr weiter, denn es wird ein langer Autotag werden.

Einem befreundeten Team aus Blaubeuren mit dem unaussprechlichen Namen „D'Bäsawäga“ (Nummer 83) haben wir versprochen, Hilfsgüter für ein Waisenheim mitzunehmen. Das erste Bier tauschen wir auf dem Strassegg-Pass mit dem Hüttenwirt. Seine „Ham end eggs“ (Schinken endet im Ei, O-Ton Karte) sind bescheiden, dafür verabschiedet er uns mit einem Akkordeon-Ständchen. Wir lassen die Alpen und Österreich hinter uns und gelangen schließlich nach Ungarn. Mit einem Grenzfoto beweisen wir den Grenzübertritt, die nächste Pause bringt uns zum Balaton.

Am Tag zwei geht es über Landstraßen nach Petresti/Rumänien. Die rumänische E 68 ist ein echtes Kapitel für sich, ein Lastwagen nach dem anderen bringt Güter zu uns nach Deutschland – und wir gebrauchte Klamotten, Nudeln und Schokolade zurück ins Land zum Waisenheim Casa Christina. Dort treffen wir, nach 14 Stunden Fahrt und gefühlten vierhundert überfahrenen Hunden, am Straßenrand das Team 83 „D'Bäsawäga“ aus Blaubeuren. Für die „Bäsawäga“ haben wir Hilfsgüter mitgenommen, ein großes Hallo stellt sich bei der Zusammenkunft ein. Übernachtet wird im Hof des Heims, am nächsten Tag wecken uns siebzig Kinder, die sich schnell auf unsere Fahrzeuge verteilen.

Jetzt hat die Rallye richtig angefangen, irgendwo pünktlich anzukommen, spielt keine Rolle mehr. Die drei S-TB 961, S-TB 962 und S-TB 963 ziehen am dritten Tag an ärmsten rumänischen Dörfern vorbei. Eselkarren, Kühe, die direkt am Straßenrand weiden, Menschen die vor den Häusern sitzen: Hier tickt die Welt noch anders. Gewinke überall, Fußbälle, Cappies und Dosenbier wechseln die Besitzer. Von Rumänien geht es weiter nach Bulgarien. Hat dieses Land überhaupt Einwohner? Einsame Felder ziehen an uns vorbei. Eine weitere Nacht in den drei S-TBs im Wald im Nirgendwo.

Weil wir zu schnell sind, beschließen wir am vierten Tag ans schwarze Meer zu fahren. Über Straßen, die ihren Namen nicht verdient haben, landen wir in Sinomorec. Das Meer bekommen wir an diesem Tag nicht zu sehen. Aus einem Haus kommen Orest und Nicoletta gelaufen und fotografieren sich vor unseren Autos (Nicoletta wird das die ganze Nacht durch machen). Wir tauschen unser drittes Bier, müssen den ersten Selbstgebrannten trinken, erblinden dabei fast, und bleiben...

Und wenn Du denkst, Du bist am Ende der Welt, dann kommt ein anderes Team um die Ecke. Team 37, die „Glockenstupfer“ aus Heilbronn. Auch sie bleiben, das bulgarische Paar organisiert frischen Fisch und Schlafplätze im Haus. Wir übernachten in den drei S-TBs im Garten und haben am nächsten Tag weniger Kopfweh als die Glockenstupfer. Seit Rumänien sind die Schlaglöcher deutlich größer geworden. Noch halten unsere drei Daimler, die sich vor allen Dingen als super Schlafstätten erweisen (beim Fahrzeug S-TB 963 leistet die Kaltschaummatratze mit verstärkter Schulterzone einen erheblichen Beitrag dazu).

Der fünfte Tag: Nach einem kurzen Halt am Strand nehmen wir Istanbul in Angriff. Beim Zoll gehen wir in die Offensive, geben unsere verblieben 150 Bierdosen von einer Stuttgarter Brauerei (nicht Dinkelacker) offen zu – und dürfen mit unseren „Freundschaftswimpeln“, einreisen. Als wir in Istanbul gelandet sind, haben wir die knapp 2.400 Kilometer mit einem Reiseschnitt von 50 Kilometern pro Stunde zurückgelegt. In der türkischen Hauptstadt treffen wir schließlich alle anderen. Auf der alten abgesperrten Galatabrücke sind wir fast die Letzten und müssen nun neben der Bushaltestelle schlafen. Toiletten? Bitte in die umliegenden Lokale gehen. Das sind genau drei – und wir sind 600 Rallyeteilnehmer...

Dennoch entschädigt Istanbul für vieles: Was für eine geile Stadt, was für eine geile Rallye! Die Stimmung im Team ist nach wie vor perfekt, der Funk verbindet, und S-TB 961, S-TB 962 und S-TB 963 haben keine größeren Schäden (im Gegensatz zu Team 33, die mit drei alten Heckflossen unterwegs sind und zwei Nächte in der Werkstatt verbracht haben, um neben anderen Kleinigkeiten den Tank auszubauen und vom Rost zu reinigen).

Unsere erste Rallye Aufgabe haben wir mit Bravour gemeistert: Die sechs Flaschen Bier der örtlichen Brauerei Missen bei Oberstaufen sind bis auf zwei unterwegs abgeblieben: Nummer eins ging an den Wirt auf dem Strassegg-Pass („Dr Papa trinkt’s, der trinkt alles!“, O-Ton seines Sohnes morgens um acht). Nummer zwei wurde in Rumänien mit einem Barbesitzer getauscht. Zwei Flaschen mussten einem Bürgermeister oder Polizisten geschenkt werden: Ein Pfarrer in Ungarn und ein Polizist in Rumänien sind nun stolze Besitzer einer Flasche Schäffler-Bräu.

Nach Istanbul haben es alle geschafft, auch der alte Feuerwehrwagen, die sechs Minis und die drei Trabis. Ein Team wurde gleich zu Beginn aus der Wertung genommen, weil es die Autobahn benutzt hatte. Inzwischen sind wir zum Nachtlager an der Blauen Moschee angekommen (Toiletten bitte in den angrenzenden Lokalen benutzen...). Übrigens: Konvoifahren in Istanbul, das hat was.

(Text nach Aufzeichnungen von Zeljko Berden)

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