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Historie des Allrad-Antriebs

Vier-mal-Vier-Pionier Spyker

Spyker 60 hp, Louwman Foto: Hans-Peter Seufert 13 Bilder

Die Wiege des permanenten Allradantriebs für Autos mit Verbrennungsmotor steht an einem Ort, an dem man es nicht unbedingt erwartet - in Amsterdam bei der Firma der holländischen Brüder Spyker. Diese schufen mit dem 60 hp-Rennwagen im Jahr 1903 einen Meilenstein der Automobilgeschichte.

18.01.2014 Dirk Johae Powered by

In den ersten Wochen des Jahres 1903 erscheint in der französischen Zeitschrift "La France Automobile" die Starterliste des Rennens Paris - Madrid. Unter Startnummer 188 sind Firmenchef Jacobus Spyker und sein aus Belgien stammender Mechaniker Emile Hautekeet mit dem sensationellen Allrad-Renner genannt.

Spyker-Premiere auf dem Pariser Automobilsalon

Aber das revolutionäre Auto wird nicht rechtzeitig bis zum Start am 24. Mai fertig - wahrscheinlich zum Glück. Das Überlandrennen wird zum Drama mit vielen Toten und Verletzten: In Bordeaux wird der Wettbewerb abgebrochen. Bis zum Dezember sollte es dauern, bis der Spyker mit Allradantrieb und dem ebenfalls von der Firma erfundenen Sechszylindermotor zum ersten Mal öffentlich gezeigt wird - beim Pariser Automobilsalon.

Im Februar 1904 rollt der Spyker 60 hp zum ersten Mal über Englands Straßen. Die Insel ist ein wichtiger Markt für die Holländer, für den sie die Schreibweise ihres ursprünglichen Familiennamens Spijker vereinfacht haben. Im Crystal Palace trumpfen die Autobauer vom Festland mit dem innovativem Rennwagen selbstbewusst auf: Ihr Ruhm, den sie sich erst zwei Jahre zuvor mit dem Bau einer goldenen Kutsche für die neue holländische Königin Wilhelma erworben haben, eilt ihnen voraus. Jetzt vergolden sie das noch junge Automobil mit technischen Erfindungen. Neben dem Allradantrieb und dem ersten Sechszylinder verfügt der Spyker auch über Bremsen an allen vier Rädern.

Der Mann hinter dem Spyker-Allradantrieb heißt Laviolette

Doch keiner ahnt: In Wahrheit hat ein junger Belgier namens Joseph-Valentin Laviolette für die Holländer den Vierradantrieb entwickelt, der auf den unbefestigten Landstraßen für bessere Traktion sorgen soll. Laviolette stammt aus der Nähe von Lüttich und war Jacobus Spyker, welcher intensiv die Autoentwicklung in Frankreich und Belgien beobachtete, ein Begriff. "Laviolette scheint eine Art 'prise directe', einen Direktgang, erfunden zu haben - ungefähr zur gleichen Zeit wie Louis Renault", meint der niederländische Automobilhistoriker und Journalist Wim Oude Weernink, der Spezialist für die Marke Spyker.

Ebenfalls 1904 muss der Allradpionier seine erste Feuerprobe überstehen: Jacobus Spyker startet bei einem Geschwindigkeitswettbewerb in Blackpool und wird Dritter hinter zwei Mercedes. Die Autobauer aus Trompenburg sind weiter von den Vorteilen des Allradantriebs überzeugt und statten jetzt auch Vierzylindermodelle damit aus.
Zwei Jahre später gelingt Jacobus Spyker mit dem Sechszylinder-Rennwagen ein Sieg. Er nutzt die nasse Bergrennstrecke des Birmingham Motor Club und sorgt für den einzige Rennerfolg seines Autos, das kurze Zeit später mit einem viersitzigen Roi des Belges- Aufbau versehen wird.

Tragischer Tod von Hendrik Jan Spyker

Doch ein Schicksalsschlag im Februar 1907 hat Auswirkungen auf die Weiterentwicklung von Spyker insgesamt und auch des Allradantriebs: Hendrik Jan Spyker, der bessere Kaufmann der beiden Brüder, stirbt auf dem Rückweg von Indien nach Holland beim Untergang der SS Berlin. Die Fähre verkehrt zwischen Harwich in England und Hook van Holland.

1908 ist Spyker pleite. Die Entwicklung des Allradantriebs geht danach ohne die Holländer weiter. Einige Beispiele: Schon 1907 entwickelt die Daimler-Motoren-Gesellschaft ein Allradfahrzeug zum Einsatz in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, der später auch als Dernburg-Wagen bekannt wird. Ettore Bugatti erkennt die Vorteile des Antriebs auf alle vier Räder und installiert ihn ab 1931 in einige Bergrennwagen.

Der Allrad-Durchbruch kommt mit dem Audi Quattro

Für eine größere Verbreitung des Allradantriebs sorgen ab 1940 die Willys Jeep als erste Geländewagen für militärische Zwecke. Fünf Jahre später folgt mit Unimog die Übertragung auf ein geländegängiges Nutzfahrzeug, aber erst 1966 erobert der permanente Allradantrieb mit dem in Kleinserie gebauten Jensen FF zaghaft den Straßenfahrzeugbau. Doch erst der 1980 präsentierte Audi Quattro gilt als Durchbruch für die Allradler - ein langer Weg vom in Holland gebauten Prototyp bis zur zuverlässigen und durchschlagenden Umsetzung in der Großserie.

Gerade im Winter bei Eis und Schnee kann ein Allradler seine Vorteile ausspielen Audi besetzt das Thema als erster Hersteller sogar mit einem eigenen Label, welches den Aufstieg zur innovativen Premiummarke ausdrückt: Quattro. Wer hätte gedacht, dass diese Erfindung eigentlich aus Holland stammt.

Verblasster Ruhm

Und was passierte mit dem Allrad-Erfinder Laviolette? Nach der Spyker-Pleite wechselte der Antriebsspezialist zum Autobauer Omnia, der in Voorburg bei Den Haag produzierte. "Danach hat er 1913 noch eine frühe Form des Vorderradantriebs entwickelt und versucht, diesen auch zu produzieren, aber ohne Erfolg", weiß Spyker-Experte Oude Weernink. Anschließend verliert sich die Spur des kreativen belgischen Technikers, der fortan in der Textilindustrie tätig war.

Rund 100 Jahre nach seiner Erfindung rückte der Name Laviolette noch einmal ins Rampenlicht der Autowelt: Die Marketingstrategen der wiederbelebten Marke Spyker benannten das ab 2001 angebotene Coupé des C8 Sportwagens nach dem einstigen Konstrukteur der Firma. Auf dessen bahnbrechende Erfindung allerdings müssen die Spyker- Fahrer neuerer Prägung verzichten.

Der Spyker 60 hp ist im Louwman Museum in Den Haag zu besichtigen. Mehr zu dem Museum, das die älteste Privatsammlung der Welt beherbergt,gibt es hier zu erfahren.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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