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American Le Mans Serien-Problematik Safety Car-Phasen

Rennstrategie im US-GT-Sport

24h Le Mans Peugeot Foto: Peugeot 61 Bilder

Sehr oft werden die Rennen der GT-Klasse in der ALMS durch einen sogenannten Wave-By während der Gelbphasen entschieden. Weil die GT-Autos mittlerweile die Hauptdarsteller in Amerika sind, plant die ALMS für 2010, die unkalkulierbare Lotterie zu entschärfen.

29.09.2009 Marcus Schurig Powered by

Wenn Gelb geschwenkt wird, sehen viele Teamchefs in der ALMS rot. Das große Fluchen eint dann in der Boxengasse vor allem die Strategen aus den Reihen der GT-Teams. Da haben sie gerechnet und geknobelt und gepokert, die Kutscher haben sich in den Autos den Allerwertesten abgefahren - und mit der ersten Safety-Car-Phase wird das GT-Feld durcheinandergewirbelt wie in der Ziehungstrommel der Deutschen Klassenlotterie.

"Das hat mit Rennsport nichts zu tun"
 
Beim ALMS-Rennen in Road America Mitte August war es mal wieder so weit. Nach 15 Minuten steht ein Porsche im Kiesbett, das Safety Car kommt und Corvette-Sportchef Doug Fehan, sonst die Ruhe selbst, wendet sich mit Grausen vom Bildschirm am Chevy-Kommandostand ab: „Das hat mit Rennsport nichts zu tun, das ist Blödsinn.“ Seine Piloten hatten den Kürzeren gezogen, BMW hatte den Hauptgewinn: Beide M3 wurden vom Safety Car vorbeigewunken - das Rennen war nach nicht einmal einem Elftel der Renndistanz praktisch entschieden. In Mid-Ohio gewann der siegreiche Flying-Lizard-Porsche von Jörg Bergmeister und Patrick Long ebenfalls durch einen Wave-By eine Runde auf die Gegner.
 
Seit vielen Jahren ärgern sich die GT-Teams in der ALMS über dieses Problem: Ihre Rennen werden in den zahllosen Safety-Car-Phasen ruiniert. Das Reglement scheint klar: Kommt die Gelbphase, soll sich das Safety Car in der Theorie vor den Gesamtführenden setzen, um brenzlige Gefahrensituationen auf der Rennstrecke durch Verlangsamung des Feldes und Neutralisation zu entschärfen. Gleichzeitig wird die Boxengasse zunächst geschlossen.
 
Wave-By schenkt fast eine volle Runde
 
Doch meistens erwischt das Safety Car eben nicht den Leader. Was in diesem Fall passieren soll, ist in Artikel 23 der Ergänzungsregeln zum IMSA-Code geregelt: Sobald die Aufräumarbeiten beendet sind und die Strecke wieder als sicher gelten kann, gibt der Renndirektor dem Safety-Car-Fahrer die Anweisung, all jene Autos vorbeizuwinken, die zwischen ihm und dem Gesamtführenden liegen. Dieser Vorgang heißt Wave-By. Der Führende kommt meistens aus der großen LMP1- oder LMP2-Klasse. Die GT-Teams haben beim Wave-By oft die berühmte A-Karte gezogen: Hat nämlich der Gesamtführende zum Beispiel alle GT2-Wagen mit Ausnahme des GT2-Leaders überrundet, erhält dieser einen Wave-By, darf das Safety Car also überholen und reiht sich am Ende des Feldes wieder ein - womit er fast eine volle Runde auf das restliche GT2-Feld geschenkt bekommt.
 
„Wir weisen die ALMS seit Jahren darauf hin, dass diese Regel widersinnig ist“, grummelt Doug Fehan. „Vor ein paar Jahren hatten wir in Road Atlanta eine Corvette-Doppelführung, beide Autos lagen nach acht Stunden nur um wenige Sekunden getrennt - dann kam das Safety Car, und die zweitplatzierte Corvette fing sich eine Runde Rückstand. Was hat das bitte mit Rennsport zu tun?“ Fehan moniert wie andere GT2-Vertreter, dass die Show der GT-Wummen auf dem Altar der LMP-Prototypen geopfert werde - ohne erkennbaren Grund. Die Kritiker haben die Argumente auf ihrer Seite und scheinen nun auch Gehör bei der IMSA zu finden. Denn das einst kleine, unwichtige GT2-Feld wächst beim ALMS-Rennen in Road Atlanta Ende September auf sieben Marken an. Bis zu 15 GT2-Fahrzeuge werden dann am Start stehen.
 
Strategie wird von den Prototypen bestimmt
 
Die ALMS hat sich bisher darauf berufen, das Safety-Car-Wooling sei schon immer Teil des Motorsports mit mehreren Klassen gewesen. „Die erfahrenen Teams wissen, was sie zu tun haben, das Handling der Gelbphasen ist Teil der Team-Performance“, so IMSA-Direktor Doug Robinson. Stefan Pfeiffer, Renningenieur beim in der GT2-Meisterschaft führenden Flying Lizard-Team, sieht die Sache ähnlich: „Die Kunst besteht darin, die Safety-Car-Phasen zum eigenen Vorteil zu nutzen. Der reine Fahrzeugspeed bleibt natürlich das entscheidende Kriterium fürs Rennen.“ Weil aber die Gelbphasen alles drehen können, versucht das amerikanische Porsche-Team, die Pit-Windows und den Reifenverschleiß der Top-LMP-Autos schon vor dem Rennstart in Erfahrung zu bringen. „Über weite Strecken des Rennens wird unsere Strategie daher von den Prototypen bestimmt“, so Pfeiffer, „denn bei den Gelbphasen richten wir unsere Boxenstoppstrategie primär nach den LMP-Autos aus.“
 
Deshalb ist bei Flying Lizard ein Mann für die Beobachtung der LMP-Rennwagen abgestellt, ein zweiter Ingenieur beschäftigt sich mit den Konkurrenten in der GT2-Klasse. Auf unübersichtlichen Strecken wie in Road America in Wisconsin braucht der Stratege oft noch einen Spotter, der ihm sofort meldet, wenn ein Fahrzeug unter Gelb die Boxen anläuft. Oftmals wird die Arbeit der Ingenieure noch von Simulationsprogrammen unterstützt, wobei Stefan Pfeiffer die Aussagekraft des elektronischen Bannstrahls in die Zukunft bezweifelt: „Wir haben in der ALMS mit den Prototypen zu viele Variablen im Spiel. Man muss schnell entscheiden können. In Road America hätten nach der Logik die beiden führenden LMP1-Wagen während der ersten Gelbphase hereinkommen müssen - es kam aber nur einer. Wenn man sich dann auf ein Simulationsprogramm verlässt, steht man im Wald.“
 
Zwei Szenarien werden von der ALMS für 2010 erwogen
 
Pfeiffer hat eine simple Grundregel für die Gelbphasen: „Am besten ist immer, man fährt vorn. Denn wenn man führt und das Safety Car kommt, kann man nur gewinnen - aber nicht verlieren.“ Zwei Szenarien werden von der ALMS für 2010 erwogen, um das Problem zu mildern: So könnte man das Feld hinter dem Safety Car nach Fahrzeugklassen neu aufreihen, nach der Anzahl der zurückgelegten Runden - und nicht mittels Wave-By. Lösung Nummer zwei: Zwei Safety Cars könnten wie in der rivalisierenden Grandam-Serie die GT-Autos und die Prototypen getrennt aufpicken. So ließe sich ebenfalls verhindern, dass Autos per Wave-By eine Runde gewinnen oder verlieren. Auf diese Weise wäre sichergestellt, dass der Schnellste und Beste gewinnt - und nicht der Glücklichste.

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