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Alternative Antriebe

Biosprit und nachwachsende Rohstoffe

Foto: dpa

Sind leere Teller der Preis für volle Tanks? Fachleute bezweifeln dies. Nachwachsende Rohstoffe weisen den Weg aus der Erdölabhängigkeit.

10.01.2009 Brigitte Haschek

Das öffentliche Bild der alternativen Kraftstoffe hängt derzeit ziemlich schief: Sie seien schuld an der Verteuerung der Lebensmittel und ließen die Armen deshalb noch ärmer werden. Zudem bedrohten sie etwa den malayischen Regenwald sowie dessen Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren wegen der ausufernden Palmöl-Plantagen. Die Debatte darüber, ob leere Teller der Preis für volle Tanks seien, löste vor allem bei der Politik zunehmende Nervosität aus.

Teller-oder-Tank-Diskussion

Dietmar Kemnitz von der Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe (FNR) rät indes zu Besonnenheit: "Es wäre ein Fehler, die Bioenergie jetzt zu verteufeln." Er erinnert daran, dass die 2008 explodierten Preise für Getreide und Pflanzenöle weitgehend auf Ernteausfälle des Vorjahres zurückzuführen seien. "Die Teller-oder-Tank-Diskussion wird ausschließlich auf dem Rücken der Bioenergie ausgetragen", sagt Kemnitz. Futter-, Nahrungsmittel- und Chemieindustrie wären davon praktisch nicht betroffen. "2007 wurden nur fünf Prozent der weltweiten Palmölproduktion energetisch genutzt", so der FNR-Experte. Brasilien macht etwa vor, dass Biokraftstoffe nicht zu Lasten von Lebensmitteln produziert werden müssen: 3,2 Milliarden Liter Ethanol aus Zuckerrohr exportierte das Land 2007, mehr als alle anderen. Gleichzeitig fahren die Getreidebauern dort Rekordernten ein. Ethanol spielt in Deutschland noch eine untergeordnete Rolle bei den Biokraftstoffen, deren Absatz sich von 2005 bis 2007 auf 4,6 Millionen Tonnen mehr als verdoppelt hat. "Zwölf Prozent des deutschen Dieselabsatzes entfielen auf Rapsdiesel und Pflanzenöl", sagt Dieter Bockey von der Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen (Ufop). Damit habe Deutschland 2007 im Dieselmarkt bereits jenes Mengenziel erreicht, das die EU-Kommission erst für 2020 vorgeschlagen hat. "2007 wurden dadurch zehn Millionen Tonnen CO2 eingespart." Die Branchen-Bilanz für 2008 dürfte weniger gut ausfallen. Der Preisrutsch beim Mineralöl seit Mitte des Jahres zog einen "eklatanten Einbruch" (Bockey) beim Biodiesel-Absatz nach sich. Zudem wurde weltweit 2008 mit 2,2 Milliarden Tonnen an Getreide, Sojabohnen und Raps eine erfreuliche Ernte eingefahren, was zu Überschüssen auf den Agrarmärkten führte und auf die Preise drückte.

Energie aus nachwachsenden Rohstoffen ist ein Erfolgsmodell

"Die Biokraftstoffindustrie steht nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten Europäischen Union vor einer schwierigen Konsolidierungsphase", sagt Dieter Bockey. Ursache sei die Diskussion um die Einführung verbindlicher Mengenziele für Biokraftstoffe sowohl auf EU- als auch auf nationaler Ebene und die Debatte um den Beitrag, den Ökosprit mindestens zum Klimaschutz leisten muss. Dennoch: Energie aus nachwachsenden Rohstoffen ist ein Erfolgsmodell. "Die Nutzung von Biomasse zur Erzeugung von Kraftstoffen ist neben fahrzeugtechnischen Maßnahmen zur Effizienzsteigerung heute die einzige Option im Transportsektor, um fossile Rohstoffe zu ersetzen und Treibhausgase einzusparen", heißt es in der aktuellen Analyse der FNR zum Potenzial von Biokraftstoffen.

"Weltweit werden milliardenschwere Entwicklungsprogramme zu Biokraftstoffen gestartet", betont Kemnitz. In Deutschland stehe die Herstellung von BtL im Fokus, der Rest der Welt konzentriere sich auf die Ethanol-Produktion aus Zellulose. "Die Weiterentwicklung von Biokraftstoff muss technologieoffen sein", sagt der deutsche BP-Chef Uwe Franke. Als Benzinersatz oder Beimischungskomponente setzt BP auf Lignozellulose, also Zucker in Energiepflanzen wie Chinaschilf oder Resten wie Stroh. "Ein aussichtsreicher Zukunftspfad ist auch Butanol", sagt Franke. Dieser Kraftstoff basiert auf den gleichen Rohstoffen wie Bioethanol, hat aber 25 Prozent mehr Energiegehalt und kann in höheren Anteilen beigemischt werden.

Breitere Palette für Biodiesel

Auch die Rohstoff-Palette für Biodiesel hat sich verbreitert. Mit der Universität Arizona forscht BP an der Herstellung von Biodiesel aus Algen - die Technologie ist vielversprechend, das Verhältnis von Anbaufläche und Ertrag günstig. Ähnliches gilt für die Biodieselproduktion aus dem Öl der Jatropha-Nuss. Die giftige Pflanze steht in keiner Konkurrenz zu Nahrungsmitteln und gedeiht auf Böden, auf denen sonst nichts wächst. Mit Biosprithersteller D1 Oil wird BP in den nächsten Jahren in Indien, Südafrika, Südostasien und Südamerika auf einer Million Hektar unfruchtbarem Land Jatropha anbauen. Fachleute sagen auch hydrierten Pflanzenölen (HVO) eine große Zukunft voraus. Sie sind in ihren Eigenschaften dem Kraftstoff BtL (Biomass to Liquid) sehr ähnlich, der unter dem Markennamen Sun Diesel läuft. Er wird aus Biomasse wie Holzschnitzel produziert und zählt wie GtL (Gas to Liquid) und CtL (Coal to Liquid) zu den synthetischen Kraftstoffen.

Biosprit fast CO2-neutral

Ob aus Biomasse, Gas oder Kohle - die guten Produkteigenschaften der Designer-Kraftstoffe sind nahezu identisch. Sie senken die Schadstoffemissionen deutlich. Besonderer Charme des Biomasse-Sprits: Er ist fast CO2-neutral. Ins kommerzielle BtL-Geschäft steigt im Frühjahr die Firma Choren ein, an der Daimler, Shell und VW beteiligt sind, und startet die Produktion von 18 Millionen Liter BtL pro Jahr. "Die reinen Herstellungskosten liegen jetzt bei einem Euro pro Liter", sagt Projektleiter Christoph Kiener. Berechnungen von Experten, dass sich BtL bei einem Rohölpreis ab 70 Dollar rechne, sind aber mittlerweile wegen des verteuerten Anlagenbaus nach oben korrigiert worden. Die aktuelle Analyse der FNR kommt indes zu dem Schluss: "Die internationale Wettbewerbsfähigkeit einer deutschen BtL-Produktion ist langfristig gegeben, wenn Deutschland einen Technologievorsprung aufweist und die Rohstoffversorgung kostengünstig erfolgen kann." Dann mal los.

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