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Ansichtssache Carsharing

Muss das Auto mir gehören?

Annette Napp, Johannes Müller Foto: Beate Jeske 3 Bilder

Früher war die Sache klar: Mit 15 machte man den Mofaschein, und zur Volljährigkeit gab es mit der Lizenz zum Autofahren das Gefühl der großen Freiheit inklusive. Heute liegt der Fall anders: Der Autounterhalt ist teuer und für viele Einsatzzwecke gibt es Mobilitätsalternativen. Johannes Müller und Annette Napp diskutieren, ob Carsharing für sie infrage kommt.

29.07.2014 Annette Napp, Johannes Müller

Johannes Müller sieht in Carsharing eine willkomme Ergänzung

Teilen statt kaufen liegt voll im Trend. Egal ob Bahnticket, Bohrmaschine oder Bettcouch, immer mehr Menschen „sharen“, also teilen oder verleihen alles Mögliche. Das neue Snowboard liegt 51 Wochen im Jahr im Keller und verstaubt – warum nicht verleihen? Oder beim nächsten Mal gleich auf die Anschaffung verzichten und über eines der zahlreichen Sharing-Portale dann eines leihen, wenn man es braucht?

„Teilen ist das neue Haben“ lautet das einprägsame Motto der wachsenden Schar von Gemeinsam-Konsumierern und Besitz-Verweigerern. Doch kann diese Mentalität auch für der Deutschen Liebstes, das Auto, funktionieren? „Aber sicher“, sagen die über 750.000 registrierten Kunden der 150 Carsharing-Anbieter deutschlandweit – Tendenz stark steigend. Besonders in den Ballungsräumen wächst angesichts von Parkplatznot die Zahl derjenigen, die ein eigenes Auto eher als Belastung denn als Zugewinn an Freiheit empfinden. Egal ob stationsbasiertes oder Freefloating Carsharing, die Vorteile liegen auf der Hand: Als Kunde kann ich jederzeit über ein Auto verfügen, ohne mich um irgendetwas kümmern zu müssen und ohne dass laufende Kosten anfallen.

Anschaffung, Steuer und Versicherung sind ebenso kein Thema wie Ölstandskontrolle und lästige Werkstattbesuche. Ich hole mir dann einen passenden Wagen, wenn ich ihn benötige, ganz unkompliziert am PC oder per Smartphone. Einen Kombi für den Baumarkteinkauf, ein Cabrio für den Ausflug zum Badesee oder einen Kleinwagen zum Shopping? Kein Problem – sogar Kleintransporter für den Umzug stehen bei einigen Anbietern bereit. Kostenlose und reservierte Parkplätze gibt’s obendrauf. Es stimmt, durch Carsharing sind nicht unbedingt weniger Autos in den Städten unterwegs, aber der öffentliche Nahverkehr ist eben nicht immer eine echte Alternative. Durch den Wegfall einiger Privatautos wird aber zumindest die Parkraumsituation etwas entschärft, was allen Autofahrern entgegenkommt.

Und die Kosten? Die liegen im vertretbaren Rahmen. Haben Sie schon mal den tatsächlichen Preis eines gefahrenen Kilometers mit dem eigenen Auto ausgerechnet? Wer damit nicht gerade Zigtausend Kilometer im Jahr zurücklegt, könnte mit Carsharing deutlich billiger fahren. Zwar konzentrieren sich die gewerblichen Angebote auf Ballungszentren, doch gerade im ländlichen Raum bietet sich das Teilen privater Pkw an. Bei einem Bestand von 44 Millionen Autos in Deutschland liegt der Schluss nahe, dass viele davon nur selten gefahren werden. Deren Nutzung durch Sharing zu erhöhen schont erstens die Umwelt, denn dasjenige Auto ist am umweltfreundlichsten, das gar nicht erst gebaut werden muss. Zweitens können sowohl Ver- als auch Entleiher bares Geld sparen. Sicher: Wer lange auf seinen Traumwagen hingearbeitet hat, wird diesen nicht einem Fremden zur Spritztour überlassen. Aber warum muss sich Opas Kleinwagen in der Garage die Reifen platt stehen, wenn die Nachbarin gegen Gebühr damit zum Einkaufen fahren könnte?

Natürlich wird für Vielfahrer im ländlichen Raum der Erwerb eines eigenen Autos bis auf Weiteres unumgänglich bleiben. Und ja, auch ich hänge ganz sentimental an meinem eigenen Wagen. Aber der tut derzeit nichts anderes, als im Stuttgarter Osten seine Batterie und mit den laufenden Kosten mein Bankkonto zu entleeren. So ähnlich wie mir wird es vielen gehen: Fahrrad oder Bus für den Weg zur Arbeit, Mitfahrgelegenheit oder Bahn für den Wochenendbesuch bei Familie und Freunden sind immer öfter die angenehmeren und günstigeren Alternativen. Weil aber die Flexibilität eines Autos eben doch unschlagbar ist, stellt das Carsharing eine mehr als willkommene Ergänzung zu den vorhandenen Verkehrsmitteln dar. Werde ich in nächster Zukunft noch ein Auto besitzen? Eher nicht. Aber ich werde über eines verfügen können – dann, wenn ich es brauche.

Für Annette Napp ist Carsharing keine echte Alternative

Okay, zugegeben: Privat fahre ich mit einem Mazda 2 in Basismotorisierung nicht unbedingt mein Traumauto, und Fahrspaß definiere ich auch irgendwie anders. Aber deswegen auf die kleine Kugel verzichten? Wohl eher nicht. Denn mal davon abgesehen, dass ich auch persönlich an diesem Auto hänge, leiste ich es mir vor allem, um flexibel zu sein. Als Ergänzung, wenn Bus und Bahn an ihre Grenzen stoßen. Carsharing taugt da nicht als Alternative. Der Hauptgrund: Es ist, mit einigen wenigen Ausnahmen, nur in ausgewählten Gebieten verfügbar. Der Bundesverband Carsharing spricht von rund 380 Städten und Gemeinden mit entsprechendem Angebot. Sobald man aber im Stadtrandgebiet wohnt oder regelmäßig längere Strecken in ländliche Gegenden fährt, braucht man doch wieder ein anderes, zusätzliches Fortbewegungsmittel.

Klar, das Angebot für Mitfahrgelegenheiten wächst zusehends, außerhalb der Hauptpendler- oder Studentenstrecken aber wird es auch dort schwierig. Außerdem fällt es ab einem gewissen Punkt schwer, die Vorteile gegenüber dem Bahnfahren zu erkennen. Sowohl beim Carsharing als auch bei Mitfahrgelegenheiten sollte ich meine Fahrt rechtzeitig planen und ein Auto reservieren. Und, ich muss mich samt Gepäck zu dem jeweiligen Fahrzeug bewegen, das nur selten in meiner unmittelbaren Nähe parkt. Und das, ohne zu wissen, was mich dort erwartet. Mit meinem eigenen Auto genieße ich den Luxus, jederzeit die Schlüssel nehmen, zu Fuß zum Auto gehen und entspannt losfahren zu können.

Und in der Stadt? Selbst dort empfinde ich Bus und Bahn als einfachere und spontanere Lösung. Denn viele Carsharing-Angebote sind stationsgebunden. Wenn ich da nicht gerade das Glück habe, in der Nähe eines Fahrzeugpools zu wohnen, wäre ich wieder auf andere Konzepte angewiesen, um dorthin zu kommen. Bei den wenigen Anbietern, die ihre Fahrzeuge frei im Geschäftsgebiet verteilen, kann ich – wegen der derzeit noch überschaubaren Flottengröße – würfeln, ob zufällig gerade dann ein Auto in meiner Nähe parkt, wenn ich es brauche.

Natürlich fahre ich auch mit meinem eigenen Auto nur ungern in eine Stadt. Wer begibt sich schon gern auf Parkplatzsuche und fühlt sich im städtischen Stop-and-go-Verkehr wohl? Warum also sollte ich genau dort freiwillig auf ein geliehenes Auto umsteigen? Damit stehe ich genauso im Stau und zahle noch für jede Minute Geld, denn die Abrechnung erfolgt meistens minutengenau. Stressfrei hört sich das für mich nicht an. Wenn es dann wenigstens günstig wäre. Bei den aktuellen Preisen muss sich aber noch nicht einmal die Bahn verstecken. Die liefert dafür aber ein System, das überall in Deutschland gleich funktioniert. Beim Carsharing dagegen muss ich mich für jedes Ziel neu informieren, ob es verfügbar ist, und mich bei jedem Anbieter neu (und oft gebührenpflichtig) registrieren. Interessantes Detail: Kein Carsharing-Anbieter in Deutschland arbeitet bislang kostendeckend. Und ohne das Engagement großer Autohersteller wie BMW und Daimler bei DriveNow und car2go würde das Konzept derzeit weitaus weniger Aufmerksamkeit genießen.

Ich möchte nicht ausschließen, dass das Carsharing in Zukunft besonders in Städten und Ballungsräumen eine brauchbare Alternative zu Bus und Bahn darstellen kann. Eines kann es aber nicht ersetzen: das entspannte Gefühl, im eigenen Auto zu sitzen. Wo alles genau so eingestellt ist, wie es für mich perfekt ist. Wo es so sauber ist, wie ich es hinterlassen habe, und so riecht, wie ich es gewohnt bin. Dort, wo ich den ganzen Kleinkram, den ich irgendwann einmal brauchen könnte, einfach liegen lassen kann. Und mal ganz ehrlich – es ist doch auch etwas anderes, die Tür zur eigenen Wohnung aufzuschließen als ein Hotelzimmer zu beziehen!

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