Ansichtssache Crossover: Bereichernde Nischenmodelle oder überflüssig?

Citroen C6, Jörn Thomas, Jens Katemann

Die meisten neuen Crossover sind teuer und können nichts wirklich gut. Sie sind deshalb überflüssig, findet Jörn Thomas. Was überflüssig ist, entscheidet der Kunde, entgegnet Jens Katemann und meint: Nischenmodelle bereichern den Automarkt.
 

Jörn Thomas contra Crossover

Meine Frau hat seit kurzem einen Crossover. Nein, keinen mit vier Rädern für den Boulevard, sondern einen mit Mahl- und Rührwerk, Waage, Wärmfunktion und Zeitschaltuhr für die Küche. Einer für alles. Für alles? Eben nicht. Klar macht das Gerät vitaminbombige Smoothies, temperaturkontrollierten Kakao, promptes Risotto oder vollkornigen Brotteig. Aber so ein richtig schönes Steak kommt dem Ding nicht aus der Schüssel.

Außen knusprig grillig, innen zart und rosa, Sie wissen schon. Dazu braucht es Feuer und Flamme, Öl, mindestens aber eine Pfanne. Oder nehmen wir Nudeln al dente. Die gelingen am besten in einem großen Topf mit viel Wasser. Was das mit Autos zu tun hat? Viel. Denn seitdem die Hersteller gemerkt haben, dass man mit Ablegern von klassischen Modellen Rendite holt, überraschen sie ihre arglose Kundschaft mit einer schrägen Kreuzung nach der anderen.

Die Natur ist da weiter: Esel und Pferd dürfen zwar miteinander, beim Ergebnis Maultier oder Maulesel ist aber endgültig Schicht – mehr DNA-Crossover ist nicht. Anders bei den Autos: Nehmen wir als Beispiel die DS-Modelle von Citroen. Auch sie inszenieren auf bekannter Basis einen individuellen Auftritt. Im Fall des Citroen DS5 sogar höchst individuell. Das Äußere hat Esprit, keine Frage, spätestens beim Fahren hat der Spaß aber ein Loch. Man kann weder nach schräg vorn noch nach hinten vernünftig herausgucken, ständig droht Konflikt mit dem mittigen Dachablagefach, zudem erscheint der Wagen innen kleiner als außen.

Citroen-Crossover mit bockeligem Pseudo-Sportfahrwerk

Am schlimmsten aber ist, dass die Franzosen sich nicht zwischen schicker Komfort-Lounge und straffem Kurvenkratzer entscheiden konnten und ein bockeliges Pseudo-Sportfahrwerk installierten. Zudem basiert der DS5 trotz ähnlichen Preisniveaus nicht auf dem Mittelklassemodell C5, sondern auf dem kompakten C4. Deswegen darf der hier gezeigte weiße C5 Tourer als gutes Vorbild dienen – obwohl kein Ausbund an kubischer Innenraumoptimierung, sogar mit handfesten Schrullen wie einer feststehenden Lenkradnabe samt Knopfarmada versehen. Aber er ist ein Kombi, ein richtiger Kombi. So wie ein Steak ein Steak bleibt, selbst wenn man Garnitur dazu reicht. Nicht jedoch, wenn es durchs Rührwerk muss. Dann kommt bestenfalls Hackfleisch raus. Was – egal wie nett dargeboten und gekonnt gewürzt – halt niemals den Biss und das Aroma eines echten Stücks Fleisch besitzt.

Deshalb, liebe Hersteller: Schützt die Originale und uns vor zunehmender Crossover-Dosis. Pflegt die Kultur bewährter Formen: Limousinen, Kombis, Schrägheck-Kompakte, Hochdach-Kombis, Coupés et cetera. Modelle, die sich ohne langes Marketing-Sprech oder Designer-Sülze selbst erklären. Und stellt den Modell-Mixer in die Ecke. Wobei – ab und zu mal ein leckerer Smoothie ist natürlich weiterhin erlaubt.

Jens Katemann pro Crossover

Alles, was neu ist, wird am Anfang kritisch beäugt. Als die ersten Hersteller in den fünfziger Jahren anfingen, neben klassischen Limousinen eine Kombi-Version anzubieten, war das Naserümpfen weit verbreitet. Doch mit der Zeit setzte sich diese Karosserieform durch. Das gilt in geringeren Stückzahlen auch für zusätzliche Alternativen wie Vans und Hochdachkombis. Und der Kreis erweitert sich stetig. Zuletzt kamen viertürige Coupés wie der Mercedes CLS und Autos dazu, die irgendwo zwischen Geländewagen und Coupé angesiedelt sind, wie der Citroen DS5.

Natürlich kann man wie Kollege Thomas den Standpunkt vertreten, dass diese immer größer werdende Vielfalt mehr nervt als nutzt. Er hat Recht, die meisten Nischenmodelle sind unpraktischer und teurer als Artenreine genauso wie enge Designerjeans oder schnittige Anzüge teurer und unpraktischer sind als Joggingklamotten. Trotzdem werden sie gekauft. Individualität ist in unserer Gesellschaft nun mal angesagt. Man kann wie ein Jogger rumlaufen, muss es aber nicht. Jeder wie er will.

Im Fall des Automobils ist der Trend zu mehr Individualität nicht einmal unsozial. Im Gegenteil: Der technische Fortschritt bei der Produktion von Autos hat dazu geführt, dass sich immer mehr Menschen ein Stück Individualität beim Fahrzeugkauf leisten können. Wer früher kein Auto von der Stange wollte, musste tief in die Tasche greifen und sich ein handgedengeltes Einzelstück von einem Edelkarossier zulegen. Da heute aber ganz unterschiedliche Autos auf einem Band produziert werden können, rechnen sich für die Hersteller selbst Nischenmodelle mit geringen Stückzahlen.

Wahlvielfalt tut allen gut

Das Ergebnis: Der Crossover Citroen DS5 kostet in der Basis nicht mal 2.000 Euro mehr als die gleich stark motorisierte Limousine C5. Gut, der C5 ist länger und bietet mehr Platz, aber jeder kann doch für sich selbst entscheiden, ob er lieber mehr transportieren oder individueller unterwegs sein will. Vieles, was die moderne Produktionstechnik ermöglicht, finde ich zwar auch überflüssig, trotzdem akzeptiere ich die unterschiedlichen Geschmäcker.

Machen wir es doch so wie bei den vielen schrägen Klamotten, die uns täglich in der Stadt begegnen: Bewundern wir die Outfits, die uns gut gefallen, und amüsieren uns über die, die wir bescheuert finden. Die neue Modellvielfalt bereichert jedenfalls die wunderbare Welt des Automobils und sorgt für ordentlich Gesprächsstoff. Anders als Kollege Thomas meine ich: Liebe Hersteller, werft ruhig weiter eure Mixer an, ich probiere alles gerne.

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