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Argentinien

Such-Maschine

Foto: Reinhard Schmid 18 Bilder

Wer als Offroad-Tourist in die über 4.000 Meter hohen Anden will, braucht gute Führung. Mit dem Land Rover Experience-Team auf der Suche nach den besten Routen zwischen Chile und Argentinien.

19.02.2007 René Olma

Eigentlich wirkt Dag Rogge nie nervös. Schon gar nicht bei einer Geländewagentour. Bis jetzt. Der Land Rover Defender verschwindet plötzlich in einer Staubwolke.Von einem Meter zum anderen rollt der Offroader durch Weichsand, so fein wie Puderzucker. Der lockere Grund zehrt die Kraft des Dieseltriebwerks auf. Dag reißt den Hebel vom vierten in den dritten Gang, auf der verzweifelten Suche nach Leistung: "Sag ihnen, sie müssen stoppen."

Die Leistung des Landy versandet - buchstäblich 

Während der Beifahrer per Funk den Haltebefehl an die zwei folgenden Pickups durchgibt, wird der Defender spürbar langsamer. "Wo ist der Track?" Auf den Knien balanciert der Co-Pilot den Laptop mit der Navigations-Software. Eine blaue Linie - der Track - markiert die zurückgelegte Strecke. Sie ist das sichere Ufer, denn auf dem Hinweg gab es keine Probleme. Die kamen erst, als der Defender abzukürzen versuchte.

Dag drischt den zweiten Gang rein, noch bewegt sich der Defender trotz durchdrehender Räder schlingernd vorwärts. Auf dem Monitor sind es nur noch Millimeter. Dann ist der Spuk zu Ende. Aufatmen. Der Landy steht sicher. Die Abkürzung durch die eintönig gelb-braune Ebene wäre dem sechsköpfigen Team mit drei Offroadern fast zum Verhängnis geworden. Die Sonne ist schon hinter den Bergen verschwunden. Bei Dunkelheit wäre an die Bergung eines festgefahrenen Autos nicht zu denken  gewesen. Die unangenehme Folge: ein Biwak auf rund 4.500 Meter Höhe. Die dünne Luft hier oben schlägt leicht auf den Kreislauf. Kopfschmerzen und Kurzatmigkeit sind die Folgen. Von Temperaturen weit unter Null und einem durcheinander gewürfelten Zeitplan ganz zu schweigen. Der Trip zu den Wolken ist nämlich keine Vergnügungsfahrt.

Dag Rogge, Organisator von Land Rover Experience-Reisen zwischen Tropen und Polarkreis, ist in den Anden unterwegs, um eine neue Route auszukundschaften. Im Defender sollen Touristen künftig die Region zwischen Chile und Argentinien erleben - und zwar ohne im Sand stecken zu bleiben. Deshalb spielen Dag und sein Team die Versuchskaninchen. Sie testen, was geht und was nicht. Die Abkürzung über die Sandebene bleibt den Reiseteilnehmern jedenfalls vorenthalten.

Grenzen austesten auf unbekanntem Terrain

Solche Erkundungstouren sind unerlässlich, da das erhältliche Kartenmaterial für die Anden dürftig ist. Wenn überhaupt, gibt es nur Militärkarten, und die sind nicht immer genau. Die Ortskenntnisse des argentinischen Führers Gary Pekarek helfen zwar enorm, doch auch er kennt nicht jede Piste in den Anden. Folglich muss die ganze Route abgefahren und per GPS-Unterstützung dokumentiert werden.

Startpunkt der Wegsuche ist San Pedro de Atacama in Chile. Das Örtchen wirkt auf den ersten Blick wie ein verschlafenes Kaff aus einem staubigen Italo-Western. Lehmverputzte, eingeschossige Häuser flankieren staubige Straßen. Doch der Eindruck täuscht, hinter manchen Mauern verbergen sich gemütliche Hotels und Kneipen. Das Ziel der Reise liegt jenseits der Anden: Salta in Argentinien. Bis dahin sind über 1.000 Kilometer zu bewältigen.

Gefahren wird auf Pisten aller Schwierigkeitsgrade. Auf  Abschnitten mit festgefahrenem Salz merkt man fast keinen Unterschied zu zweitklassigen Asphaltstraßen, bei anderen Strecken verraten nur eine alte Fahrspur und die GPS-Daten, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Durch lebensfeindliche Umgebung

Die Umgebung wirkt lebensfeindlich. Die Berge sind mit Vulkan-Asche bedeckt. Aus der Entfernung betrachtet, erscheinen ihre Flanken glatt wie schmelzendes Schokoladeneis, nur auf den höchsten Gipfeln liegt Schnee. Die Luft ist staubtrocken - wie die Umgebung. Menschen leben hier oben nur, um zu arbeiten. In Bergwerken, beim Salzabbau auf den Salzseen oder als Zöllner auf dem 4.061 Meter hoch gelegenen Socompa-Pass. Chilenen und Argentinier bewachen hier die einst umkämpfte Grenze. Jetzt herrscht Frieden. Für die Beamten sind Reisende daher eine willkommene Abwechslung. Penibel notieren sie alle erdenklichen Daten aus den Pässen in einer Kladde.

Auf argentinischer Seite wiederholt sich die Prozedur mit lähmender Langsamkeit, doch draußen geht die Sonne unter,
und bis zum Biwak-Platz sind es noch einige Kilometer. Dag drängt zur Eile. Es ist stockfinster, als es endlich weitergeht. Selbst mit den Zusatzscheinwerfern tastet sich der Defender eher schlecht als recht über die Piste. Ob neben dem Fahrzeug eine Schlucht oder ein Graben ist, lässt sich nur erahnen. "Schluss, wir bleiben hier“, entscheidet Dag am Rand einer Salzfläche in 3.600 Meter Höhe. Die Stelle wirkt stabil genug, um Offroader und Zelte zu tragen. Oft ist die vermeintlich feste Oberfläche nur eine Handbreit dick: Wer einbricht, sinkt in eine zähe Lehmschicht, aus der Fahrzeuge erst nach stundenlangem Schaufeln wieder freikommen.

Die Temperatur liegt bei 20 Grad unter Null. Nach zehn Minuten stehen die Zelte im Windschatten der Autos. Zum Abendessen gibt es chilenische Fertigsuppe. Zur Wahl stehen Hühnchen, Gemüse oder Krabben-Geschmack. Dann in den dicken Schlafsack einmummeln. Es folgt eine viel zu kurze Nacht. Noch vor Sonnenaufgang geht es weiter. Der Zeitplan ist ohnehin schon Makulatur.

Im fahlen Morgenlicht offenbart sich die Umgebung. Die Salzfläche zieht sich kilometerweit bis zu den Bergen. In der Ferne wacht der schneebedeckte Vulkan Socompa über die Szenerie. Die Strahlen der aufgehenden Sonne tauchen die lebensfeindliche Umgebung in ein warmes Licht. Ein Kondor nutzt den Wind zu einem Kontrollflug. Drei Meter Spannweite hat er bestimmt.

Die Offroader kümmern den Kondor nicht. Sich durch den Staub zum Ziel zu wühlen scheint unter seiner Würde zu sein. Selbst der weitgereiste Expeditionsleiter Dag blickt dem majestätischen Vogel versonnen nach: "Ist das nicht der Wahnsinn?"

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