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Technik-Analyse Aston Martin One-77

Automobiles Kunstwerk, das Höchstleistungen erbringt

Foto: CaR 41 Bilder

Ein Chassis aus der Kohlefaser-Konditorei, eine handgefertigte Aluminium-Skulptur als Zuckerguss und zahllose technische Schmankerl machen den Aston Martin One-77 zu einem automobilen Kunstwerk. Jedoch mit dem unverhohlenen Ziel, dass der auf 77 Stück limitierte Supersportler Höchstleistungen erbringt.

27.04.2009 Jochen Übler Powered by

Eine derartige Klassifikation stimmt den verantwortlichen Ingenieur zweifellos "very amused". Ein "Money-No-Object", Geld spielt eine untergeordnete Rolle. Also eine Entwicklung frei von den sonst üblichen Zwängen: Chris Porritt ist zu beneiden. Als Projekt-Manager des Aston Martin One-77 durfte der drahtige Brite aus dem Vollen schöpfen. Nicht gänzlich hemmungslos zwar, aber tatsächlich war der Handlungsspielraum so weitläufig wie die Mündung der Themse. Finanzielle Aspekte rückten deutlich in den Hintergrund. Wer ein technisches Kunstwerk erschaffen will, muss dem Künstler schließlich auch die Freiheit dazu geben – und das dafür nötige Werkzeug.

Im One-77 kündet ein ungezügelter Nutzen sämtlicher im Automobilbau zur Verfügung stehender Ressourcen von jener Freiheit und Umsetzung der technischen Mittel. Auch wenn Aston Martin-Lenker Dr. Ulrich Bez den Geist hinter der ursprünglichen Vision des One-77 fast schon lapidar und simpel tituliert – eine Vereinigung von High-Tech mit der Leidenschaft und dem Leistungsvermögen von Aston Martin. Zunächst ist der One-77 jedoch dazu angetan Leiden zu schaffen. Nämlich für all diejenigen, die nicht in der Lage sind, 1,3 Millionen Euro locker zu machen. Aber auch für jene, die könnten, aber bei der Verteilung des auf 77 Stück limitierten Edelsportlers leer ausgehen. Vielleicht ist der aufgezwungene Verzicht letztlich das geringere Übel im Gegensatz zu den Folgequalen, mit denen sich ein One-77-Eigner auseinandersetzen muss – fahren oder nur gucken? Weil allein schon die optischen Reize dieser automobilen Kunstform die rhythmische Atmung außer Tritt setzen.

Konsequent umgesetzter Materialmix

Die Skulptur One-77 wirkt. Als produziere die typische Formensprache eines Aston nicht schon genügend Wallung – dieses Meisterstück spritzt noch Hormone nach. Noch expressionistischer und extrovertierter kauert es haarscharf über der Asphalt-Narbe. Flach und stämmig. Wild, aber mit Stil. Ein bisschen wie aus der Ideenschmiede von James Bonds "Q" entsprungen. Und doch folgt jedes liebevoll dargestellte Detail einzig und allein der Umsetzung einer profanen Funktionalität. Am imposantesten fördert der konsequent umgesetzte Materialmix diese rasiermesserscharfe Zuspitzung des großen Ganzen zu Tage.

Feinste Werkstoffe wohin die Hand auch fühlt und das Auge blickt. Aluminium, Kohlefaser, Titan – Chassis-Nummer 1 lupft zur Darstellung seiner Gene exhibitionistisch und stolz den Rock, hat sich seiner von Künstlerhänden unmaschinell ziselierten Aluminiumkarosserie entledigt. Auch bis auf die Knochen entblößt ist der One-77 eine anmutige Schönheit. Ein technisches Meisterstück, dessen beeindruckendes Gerippe ein aus Kohlefaser gebackenes Chassis darstellt. Um den Crashvorschriften gerecht zu werden, flankieren Aluminiumprofile die langen Front- und kurzen Heckauswüchse. Schlanke 150 Kilogramm bringt dieses Chassis-Skelett auf die Waage.

DTM-Prinzip auf ein Straßenauto projiziert

Mit einer Gesamtlänge von 4.576 Millimeter fällt der One-77 fast 20 Zentimeter kürzer aus als ein DBS – bei fünf Zentimeter längerem Radstand. Anhand dieser Merkmale ist unumstößlich manifestiert, wie eigenständig sich der Super-Aston entwickeln durfte. Auch der Zwölfzylinder, der sich hinter die in Spinnenform zelebrierte Versteifung des Frontends schmiegt, ist nur noch ein Schatten seiner ursprünglichen Basis. Lediglich der Motorblock und der Kettenantrieb der Stirnräder entsprechen noch der Grundkonstruktion. Tief im Innern der Trockensumpfkonstruktion ist im Vergleich zum bekannten 6,3-Liter alles neu – von der Kurbelwelle über den Hub und die Bohrung, den Kolben bis hin zu den Zylinderköpfen und den Ansaugtrakt.

7,3 Liter Hubraum stemmen die zwölf Zylinder nun. Die daraus resultierende Leistung wird nach britischem Understatement mit 700 Plus beziffert; das Gewicht des fulminanten V12, der im Schulterschluss mit Cosworth konstruiert wurde, mit 260 Kilogramm. Rund 25 Prozent soll der Vierventiler im Gegensatz zur Sechsliter-Basis abgespeckt haben. Mindestens minus zehn Prozent standen im Lastenheft. Soll erfüllt! Chris Porritt präzisiert die Zündung zu diesem automobilen Elaborat des technisch Möglichen: "Für den One-77 nahmen wir Maß bei den technisch anspruchvollsten Frontmotorautos mit Heckantrieb – die der DTM. Deren Prinzip haben wir auf ein Straßenauto projiziert."

Hightech-Flunder auf der Nürburgring-Nordschleife

Der lapidar und sachlich vorgebrachte Vergleich betoniert einmal mehr das Fundament, das sich aus dem Feinsten vom Feinen zusammenfügt. Was bei der Umsetzung der fahrdynamisch hoch gesteckten Ziele zudem den Einsatz purer Renntechnik bedingt. Selbstverständlich also, dass die breiten 20-Zoll-Felgen sowie die Karbon-Keramik-Bremsscheiben an doppelten Dreieckslenkern geführt werden. Wenngleich die Komposition der Aluminium-Querlenker in ihrem Umfeld schon fast als untergeordnete Fingerübung gelten darf. Es ist die elitäre Pushrod-Anordnung der Feder-Dämpfer-Elemente, die den Betrachter in die Knie zwingt. Liegende Federbeine, um die ungefederten Massen zu reduzieren, und um die einwirkenden Kräfte zu zentralisieren.

An den externen Ausgleichsbehältern lässt sich die Zug- und Druckstufe einzeln justieren – die Höhe sowieso. Die aus Aluminium gefräste Aufnahme der hinteren Dämpfer thront als eigenständiges Kunstwerk knapp vor dem tief unten positionierten Endschalldämpfer. Dieser verfügt über ein Klappensystem, dessen Endrohre bündig mit dem Diffusor, dem imposanten Ende des flachen Unterbodens, abschließen. Der Abschluss der Entwicklung, Höhepunkt und Krönung des Projekts One-77, steht Chris Porritt noch bevor – der fahrdynamische Feinschliff des Aston Martin auf der Nordschleife des Nürburgring. Natürlich legt er selbst mit Hand an, wenn es gilt, die letzten technischen Register zu ziehen, um die mit 49 zu 51 Prozent nahezu paritätisch austarierte Hightech-Flunder im wahrsten Sinn des Wortes auf Kurs zu trimmen. Es juckt ihn sichtlich in den Fingern, endlich mit den Schaltpaddeln des automatisierten und in Transaxle-Bauweise positionierten Sechsganggetriebes den Ernstfall zu proben. Auf die Frage nach der angepeilten Zielzeit am Ring reflektiert Porritt postwendend: "Locker im Bereich der bekannten Supersportler". Und auch das tut er sichtlich very amused.

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