Audi-Designchef Wolfgang Egger: Interview zur Design-Zukunft von Audi

Audi-Designchef Wolfgang Egger über den Einfluss von Rennautos auf das Design von Serienmodellen, die Bedeutung der Aerodynamik und der Familienidentität sowie die Chancen neuer Fahrzeugkonzepte.

Audi war auch in diesem Jahr beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans erfolgreich. Wie ist es, ein Rennauto im Unterschied zu Serienautos zu kreieren?

Wolfgang Egger: Die Philosophie, die im Rennauto steckt, hat bei einer sportlichen Marke wie Audi auch Einfluss auf das Serienauto. Der Transfer findet besonders bei Details wie Kühler und Lufteinlässen statt. Die sind bei den Le Mans-Rennautos besonders ästhetisch gestaltet, und diese Philosophie lassen wir dann auch in die Serie einfließen.

Sie waren einmal Weltmeister in puncto Aerodynamik. Mittlerweile scheint dieses Thema wieder wichtiger zu werden. Ist es Ihr Ziel, hier wieder der Maßstab zu sein?

Wolfgang Egger: Aerodynamik war und ist ein sehr wichtiges Thema für Audi. Das zeigen wir auch mit unseren aktuellen Modellen. Nur als Beispiel: Wir sind mit unserem Flaggschiff, dem Audi A8, und mit dem neuen Audi Q3 Benchmark in den entsprechenden Klassen.

Wie weit können Sie den Wert denn noch reduzieren? Ist ein cW-Wert von weniger als 0,20 denkbar?

Wolfgang Egger: Bei den Serienfahrzeugen sind die Möglichkeiten ziemlich ausgereizt. Unter 0,20 werden wir bei einem normalen Straßenauto wahrscheinlich nicht kommen. Aber ich kann mir vorstellen, dass wir effizientere Automobile machen, bei denen die Ästhetik mehr von der Aerodynamik und weniger von der Funktion der Raumausnutzung geprägt wird. Hier sehe ich das Potenzial für einen cW-Wert von 0,20.

Was könnte man konkret in Sachen Aerodynamik schärfen, damit der Kunde das dann auch optisch wahrnimmt?

Wolfgang Egger: Wir haben bereits bei unseren letzten E-Tron-Studien gezeigt, dass wir den Kühler weiter Richtung Straße trimmen und mit Elementen wie beweglichen Kühlerwaben bestücken. Diese Technologie hilft, den Durchfluss im Auto zu verbessern. Beim Audi A7 haben wir die löffelartige Verbreiterung dieser Lamellen zum Rand hin als ästhetisches Element erhalten.

Es tut sich viel bei der Konkurrenz, zum Beispiel in Form der neuen i-Familie bei BMW, die laut deren Designchef Adrian van Hooydonk "hochmodern" sein soll. Was halten Sie dagegen?

Wolfgang Egger: Wir haben in dieser Klasse gerade mit der A3 Sportlimousine ein klassisches Automobilkonzept gezeigt, das hochemotional ist. Das ist ein sehr modernes Auto, das Sport und Effizienz bestens miteinander verbindet.

Sie arbeiten seit einigen Jahren daran, E-Mobilität stilistisch umzusetzen. Wie weit sind Sie?

Wolfgang Egger: Da sind wir sehr intensiv dran, und es ist eine hochspannende Aufgabe. Wir denken bei jedem Auto oder Showcar an die Möglichkeit, elektrisch fahren zu können oder andere Wege der Mobilität zu beschreiten. Audi muss breitgefächert wichtige Themen der Mobilität antizipieren.

Muss sich ein E-Auto optisch von einem Verbrennungsauto unterscheiden?

Wolfgang Egger: Design muss immer eine Philosophie haben – und das ist in unserem Fall die Markenidentität. Aber über die Details kann man eine emotionale Ästhetik schaffen, in der sich die Autos unterscheiden. Im urbanen Bereich wird sich noch viel tun und sich auch die Formensprache ändern. Da darf man nicht nur in klassischen und herkömmlichen Automobilformen denken.

Vergleicht man Sie mit Mercedes und BMW, sind Sie der Hersteller, der den größten Wert auf eine einheitliche Familienidentität legt. Werden Sie dabei bleiben?

Wolfgang Egger: Ja. Wir werden einheitlich bleiben, aber die Palette erweitern von der Premium-Formensprache bis zur Sportlichkeit und zur neuen Mobilität. Der Fächer wird weiter aufgemacht, damit man den Abstand zwischen Sportlichkeit und Eleganz deutlicher sieht. Aber das gesamte Erscheinungsbild der Audi-Familie ist uns sehr wichtig. Das ist ein Wert, den wir intensiv kultivieren, und den wollen wir auf jeden Fall erhalten. In Zukunft wollen wir die Gratwanderung schaffen, uns zu erneuern und trotzdem die Werte der Marke zu erhalten. Heute erwähnen die Kunden oft gar nicht mehr ihr Modell, sie sagen stolz "Ich fahre Audi".

Trotzdem gibt es immer wieder Kritik, die Autos seien sich zu ähnlich. Wie gehen Sie damit um?

Wolfgang Egger: Die Markenidentität ist absolut im Zentrum. Trotzdem hat jedes Modell einen unverwechselbaren Charakter: Der A8 zum Beispiel verkörpert voll und ganz die repräsentative Premiumlimousine, der A6 ist dafür sportlicher positioniert.

Sie bewahren also den Single Frame als Markenidentität und differenzieren besonders im Bereich der Scheinwerfer?

Wolfgang Egger: Auch die Single-Frame-Proportionen werden sich deutlicher unterscheiden als in der Vergangenheit. Beim Sportwagen ist er zum Beispiel flacher gestaltet. Dazu kommt viel Detailarbeit, die zu Audi gehört. Die Chromrahmen unterscheiden sich, genauso die Lufteinlässe. Und natürlich sind und bleiben die Scheinwerfer ein zentrales Gestaltungselement.

Premiumhersteller konzentrieren sich vermehrt auf Kleinwagen. Sie sind hier mit dem Audi A1 mit eher mäßigem Erfolg vertreten. Was ist Ihr Gefühl für die Zukunft?

Wolfgang Egger: Ich habe ein sehr gutes Gefühl. Als Designer achte ich auf die Emotionen der Kunden, und da bekomme ich nur positives Feedback. Sobald der Audi A1 vermehrt im Straßenbild präsent ist, bekommen wir bestimmt noch einmal einen Schub. Und dann kommt ja auch der Viertürer als zusätzliches Derivat.

Es zeichnet sich ein Trend zu kompakten Vans mit erhöhter Sitzposition ab. Wie sieht es da bei Audi aus?

Wolfgang Egger: Audi ist keine Van-Marke. Das, was man heute unter einem Van versteht, wird Audi nie bauen. Nicht dass wir es kategorisch ablehnen. Aber wenn wir so etwas darstellen, dann wird es etwas komplett Neues sein, das zu unserer Designsprache und zu unserem Produktanspruch passt.

Mercedes orientiert sich stark an Apple. Wie sehen Sie das?

Wolfgang Egger: Apple ist einzigartig. Apple hat eine klare Philosophie der Reduziertheit und Einfachheit, die Ästhetik der Materialien und der intuitiven Bedienung - das passt prinzipiell auch zu unserer Philosophie. Im Interieur der Zukunft werden sich die Bedienelemente stärker um das Lenkrad herum konzentrieren. Das sieht man zum Beispiel auch am Quattro Concept. Wir wollen wieder mehr Einfachheit im Design.

Spielt das Bauhaus noch eine Rolle in Ihrer Gedankenwelt – so wie früher?

Wolfgang Egger: Ja, ganz stark. Das gehört auch zur Erneuerung in unserem Designteam. Wir haben das Bauhaus vor einigen Wochen mit dem ganzen Team besucht. Vor allem die jungen Designer sind vollkommen begeistert zurückgekommen. Dort haben sie auch unseren Grundgedanken im Design erlebt: Neue Ideen entstehen durch den Quervergleich verschiedener Disziplinen wie zum Beispiel Architektur, Kunst und Farbenlehre.

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Birgit Priemer

Autor:

auto motor und sport, Heft 15 / 2011

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