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Audi-Entwicklungschef Dürheimer

Kein Mann für faule Kompromisse

Wolfgang Dürheimer, Porsche-Entwicklungsvorstand Foto: Porsche

Der neue Audi-Entwicklungsvorstand Wolfgang Dürheimer spricht im Interview mit auto motor und sport über seine Prioritäten in den nächsten zwölf Monaten sowie die Stärken und Schwächen von Audi.

28.12.2012 auto motor und sport
Gibt es für Sie ein Geheimrezept, wie man Karriere macht?

Dürheimer: Das wichtigste ist Spaß zu haben, an dem was man beruflich tut. Ich hatte bisher das Glück, immer an Projekten arbeiten zu dürfen, die mir großen Spaß gemacht haben. Das war hauptsächlich, Autos und Motorräder sowohl für die Straße als auch für die Rennstrecke zu entwickeln. Wichtig ist mir auch, Vorbild für die eigene Mannschaft zu sein und mit den Menschen die mit mir arbeiten, ordentlich und fair umzugehen. Nicht zuletzt arbeite ich fleißig und sehr präzise und lege dabei selbst eine ordentliche Schlagzahl vor. Das hat bisher anscheinend zum Erfolg geführt.

Ist es für Sie ein großer Unterschied, nach all den Jahren bei Porsche nun der Entwicklungschef von Audi zu sein?

Dürheimer: Ja, der Unterschied ist enorm. In der Vergangenheit habe ich in Unternehmen gearbeitet, die deutlich geringere Stückzahlen produziert haben. Denken Sie nur an Bugatti, dort haben wir pro Jahr ca. 45 bis 50 Hochleistungs-Supersportwagen gefertigt, handverlesen und exakt nach Kundenwunsch aufgebaut. Zum Stückpreis zwischen 1,5 und 2 Millionen Euro. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von über 400 km/h ist das schon sehr erlesene Automobiltechnik. Bentley hat 2011 zwar die 150 fache Stückzahl verkauft wie Bugatti, aber mit 7.000 Automobilen ist der Absatz immer noch sehr exklusiv und elitär. Porsche lag, als ich 1999 anfing, bei rund 40.000 Sportwagen pro Jahr und hat sich seither sehr gut entwickelt. Mittlerweile werden mit Cayenne und Panamera über 100.000 erstklassige Sportwagen gebaut und verkauft. Audi im Vergleich dazu, baut dieses Jahr über 1,4 Millionen Autos. Das ist schon eine gewaltige Stückzahl und für mich eine absolut neue Dimension. Wobei ich in der quattro GmbH mit den RS Modellen auch wieder Kunden, Strukturen und Prozesse finde, die mir bei Exklusivität, Individualität und Höchstleistung sehr vertraut sind.

Was haben Sie denn bei Bentley und Bugatti so gut gemacht, dass Sie dann so schnell zu Audi berufen wurden?

Dürheimer: Eine präzise Antwort auf diese Frage kann Ihnen nur Professor Winterkorn selbst geben. Aus meiner Sicht hat es sicher etwas mit meinem breiten Erfahrungsschatz zu tun. Ich fühle mich auf  technischem und wirtschaftlichen Terrain wohl undbringe Erfahrung  aus der Hochleistungs–Automobilentwicklung, der Motorradtechnik und dem Rennsport mit. Bentley war, als ich kam, wirtschaftlich nicht sonderlich robust. Aber ich fand viel Substanz, nur einige Elemente im Gesamtsystem mussten angepasst werden, um betriebswirtschaftlich erfolgreich zu sein. Das habe ich getan. Dadurch haben wir innerhalb eines Jahres einen schönen Turnaround hingelegt. Ich bin kein Mann für faule Kompromisse, sondern versuche aus allem was ich vorfinde ein Optimum zu schaffen. Hauptsächlich interessieren mich Siege in Vergleichstests und gewonnene Rennen. 

Wo sehen Sie bei Audi Nachholbedarf?

Dürheimer: Audi ist in vielen Bereichen Benchmark. Lassen Sie mich stellvertretend die quattro Technologie, die Leichtbau-Technologie Audi ultra oder die V10 Hochdrehzahlmotoren im Audi R8 nennen. Audi ist auch Industrie-Benchmark in Sachen Interieurdesign und Wertigkeit im Innenraum. Die Kunst für mich besteht darin, den bestehenden Vorsprung weiter auszubauen. Bei letzterem hilft mir sicher auch meine Erfahrung von Bentley. Was die Hochwertigkeit, Leder, Holz und die Verarbeitung im Detail angeht, kann Audi von Bentley lernen.

Und wo ist Audi noch nicht Benchmark?

Dürheimer: Bei den CO2-Emissionen und im Verbrauch einiger Modelle sehe ich noch Aufholbedarf. Auch im Rennsport gibt es noch was zu tun, denn in der DTM waren wir dieses Jahr definitiv nicht Benchmark, obgleich Audi in 2012 die Langstrecken-Weltmeisterschaft gewonnen hat. In den USA ist unser Marktanteil noch ausbaufähig, ebenso in einigen anderen Exportmärkten. Insgesamt sehe ich Audi in einer sehr guten Position.

Wo sehen Sie das Thema Exterieur-Design?

Dürheimer: Ich höre wahrnehmbare Kritik aus manchen Märkten und sehe uns bei einigen Modellen noch nicht am Ziel. Obgleich einige unserer Modelle absolute Hingucker sind. Der neue A3 ist klasse geworden, der A8 ist mittlerweile ein echter Klassiker und der R8 ist eine Ikone. In der Anmutungs- und Ausführungsqualität des Exterieur-Designs, in der Präzision des Gesamteindrucks ist Audi ebenfalls Benchmark. Das beherrscht weltweit derzeit niemand besser. Grund dafür ist unser eigener Werkzeugbau und die akribische Arbeit in Entwicklung und Produktion. In der Zukunft werde ich gemeinsam mit unseren Designern darauf einwirken, die Gesichter der verschiedenen Modellreihen noch stärker zu differenzieren. Der Kunde eines A8 soll künftig Details an seinem Auto finden, die sich von A4 und A6 markant unterscheiden. Die Zielsetzung lautet: Mit noch größeren Schritten voran, mehr Mut zu neuen Linien. Aber ich bin auch ein Familienmensch und den Audi Gesichtern der Zukunft wird man ihre Familienzugehörigkeit eindeutig und unverwechselbar ansehen. 

Wie sehen Ihre Prioritäten für die nächsten zwölf Monate aus?

Dürheimer: Im Januar 2013 werde ich eine große Innovationsoffensive starten, auch um unserem Kundenversprechen "Vorsprung durch Technik" uneingeschränkt gerecht zu werden. Wir werden weiterhin konsequent am Thema quattro arbeiten. Audi ist quattro und quattro ist genial. Höchste Priorität hat auch der Leichtbau, um die gesteckten CO2-Ziele zu erfüllen und die Fahrdynamik der Audi Modelle auf höchstem Niveau zu halten. Auf der Antriebsseite gilt mein Augenmerk weiterer Verbrauchsreduzierung, aber auch dem Streben nach höchsten Literleistungen im Wettbewerbsvergleich. Nicht zuletzt wollen wir Audi e-tron mit nachhaltigen Serien-Produkten hinterlegen. Wir werden einen großen Schritt im Exterieur-Design machen und die Weichen stellen, um im Rennsport noch erfolgreicher zu sein. 

Warum haben Sie bei dem Projekt R8 e-tron den Stecker gezogen?

Dürheimer: Der R8 e-tron ist ein Technologieträger, er ist fertig entwickelt und kann in Serie produziert werden.  Aber im Audi-Vorstand sehen wir derzeit keine Chance damit Geld zu verdienen. Wir haben bei der Entwicklung des R8 e-tron sehr viel gelernt und das Gelernte kommt nun den noch laufenden e-tron Modellen, insbesondere den Plug-In-Hybriden zugute. Ich halte unsere Entscheidung für richtig,  nicht in Serie zu gehen.

Wie wollen Sie sich bei der multimedialen Bedienung des Autos weiterentwickeln,  speziell was das Touchpad angeht?

Dürheimer: Audi connect ist die Technologie unter der unsere Offensive zu mehr Connectivity im Auto läuft. Integraler Bestandteil dieser Offensive ist die Touchpad-Technologie, die es erlaubt, auch die komplizierten chinesischen Schriftzeichen zu erkennen. Und China steht mittelfristig für 30 Prozent unseres Geschäftes.

Welchen Benefit haben dann die Amerikaner und die Europäer?

Dürheimer: Sie können schreiben ohne den Blick abzuwenden. Navigieren, Telefonieren, Kommunizieren in einer neuen Dimension. Ich gehe allerdings davon aus, dass mittelfristig die Touchpad-Technologie durch die hochentwickelte Spracherkennung abgelöst wird. 

Wie sieht es mit Head-up-Displays aus?

Dürheimer: Das Head-up-Display basiert auf einer Technologie, die wir konsequent weiter in die Zukunft führen werden. Sie hat klare Vorteile, weil sie den Fahrer kaum vom Verkehrsgeschehen ablenkt und wesentliche Informationen im unmittelbaren Blickfeld zur Verfügung stellt.

Setzen Sie auch auf Voll-TFT- Instrumente, die sich komplett frei konfigurieren lassen?

Dürheimer: Wichtig ist mir, dass unsere Fans, Kinder und Jugendliche auch in Zukunft von außen erkennen,  wie schnell unsere Autos fahren können, wenn sie sich die Nase an der Seitenscheibe platt drücken. Ich halte darüber hinaus sehr viel von frei programmierbaren Displays und wir arbeiten mit viel Energie daran, die Technik bald in Serie zu bringen. Wir planen aber nicht, die Programmierbarkeit in Kundenhand zu geben, sondern beabsichtigen vielmehr unseren Kunden verschiedene Modi anzubieten.  Zum Beispiel einen Komfortmodus für Überlandfahrten, einen Individualmodus für Stadtfahrten und einen Sportmodus wenn´s mal schneller sein darf. Bildschirme werden Sie bei uns mittelfristig in einigen Modellen auch an Stelle der Innenspiegel finden.

Wie wird die Ehe zwischen Audi und Ducati gelebt?

Dürheimer: Diese Ehe bedeutet für mich persönlich erst einmal "Back to the roots". Mein Werdegang hat ja bei BMW Motorrad begonnen und als ich zu Porsche ging, habe ich gedacht, das war´s mit den Motorrädern. Zu Hause verfüge ich aber immer noch über einen ordentlichen Motorradfuhrpark. Dieser Leidenschaft bleibe ich treu.

Wie viele Motorräder haben Sie?

Dürheimer: Es sind sieben, wobei zwei von meinen Kindern und eines von meinem Vater gefahren werden. Am meisten bin ich bisher mit meiner BMW GS gefahren, am liebsten bewege ich mein Trial-Motorrad, eine Aprilia 280 Climber, weil da auch die körperliche Fitness nicht zu kurz kommt. Ducati macht richtig viel Spaß, und ich gebe offen zu, dass mein erster Besuch in der Rennabteilung "Ducati Corse" für mich wie Weihnachten war. Ich durfte Teile sehen und in die Hand nehmen, die außer den absoluten Insidern niemand zu sehen bekommt. 

Und wie sieht die Zukunft von Ducati aus?

Dürheimer: Ich habe mir vor einigen Tagen eine Multistrada bestellt, so hat die Marke noch einen persönlichen Auftrag von mir in die Bücher nehmen können. Das neue Motorrad ist für mich ein emotionales Highlight, worauf ich mich im kommenden Frühjahr freuen kann. Zwischen den Audi- und den Ducati-Entwicklern läuft bereits ein intensiver Erfahrungsaustausch, der hervorragend funktioniert und der auf beiden Seiten gut ankommt. Wir können viel voneinander lernen und der Austausch macht richtig Spaß.

Könnten Sie sich bei Audi Fahrspaß auch in Form eines Dreizylinders vorstellen?

Dürheimer: Ja, das ist eine  Zylinderzahl, mit der wir uns intensiv beschäftigen, und ich gehe davon aus, dass es künftig auch Audi-Modelle damit geben wird. Der Dreizylinder ist ein klassischer Vertreter der Downsizing-Technologie, weniger innere Reibung, geringere Zylinderzahl und er führt unweigerlich zu geringerem Kraftstoffverbrauch und weniger CO2-Emissionen.

Bieten Sie so einen Motor auch in der Mittelklasse an?

Dürheimer: Das ist nicht vorgesehen.

Setzen Sie künftig verstärkt auf die Zylinderabschaltung?

Dürheimer: Ja, wir beschäftigen uns sehr intensiv damit, um noch bessere Verbräuche zu erzielen. Wichtig ist die Zylinderabschaltung und das Wiedereinsetzen der abgeschalteten Zylinder so geschmeidig hinzubekommen, dass der Fahrer die Übergänge nicht spürt.

Wird es das auch für Sechszylinder geben?

Dürheimer: Wir bieten diese Technologie bereits für Vier- und Achtzylinder an, also gibt es keinen Grund, sie nicht auch für die Sechszylinder zu bringen.

Schaut man sich unsere Testergebnisse an, dann hinkt Audi bei den Hybriden hinter der Konkurrenz her. Was muss da passieren?

Dürheimer: Zunächst einmal haben wir im Vergleich zu unseren Wettbewerbern ein sehr breites Angebot: drei Voll-Hybride in drei Klassen. Dass der Voll-Hybrid bei den Kunden noch nicht alle Wünsche erfüllt, zeigen die verkauften Stückzahlen, auch beim Wettbewerb. Aber er war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu den Plug-in-Hybriden, die wir für eine rein elektrische Reichweite von bis zu 50 Kilometer auslegen. Die einhergehende Verbesserung der Lebensqualität in Wohngebieten und Innenstädten wird gewaltig. Der Plug-in-Hybrid wird uns viele Jahre begleiten und auch mit Dieselmotor auf den Markt kommen.

Wann geht Audi in die Formel 1?

Dürheimer: Eine häufig gestellte Frage, die ich am liebsten gar nicht beantworten würde, weil sie oft zweideutig interpretiert wird. Aber: Die Formel 1 ist zurzeit weder für den Volkswagen Konzern noch für Audi ein Thema. Die F1 steht aktuell vor einem großen Umbruch, sowohl organisatorisch als auch beim Reglement. Deswegen ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um über einen Einstieg nachzudenken. Dennoch ist der Motorsport ein großes Thema für den Volkswagen Konzern. Von den zwölf Marken des Konzerns betreiben acht aktiv Motorsport, und nächstes Jahr kommt mit Bentley die neunte Marke dazu. Für Le Mans 2014 kommen bei den Prototypen Diesel-Hybride von Audi und Benzin-Hybride von Porsche – beide mit der weltweit besten Technologie. Die steht nach dem Rennen allen zwölf Marken des Konzerns zur Verfügung.

Das Gegenteil von Motorsport ist autonomes Fahren. Was halten Sie davon?

Dürheimer: Das ist nicht mein Paradethema, weil ich mir ungern das Steuer aus der Hand und mir auch die Arbeit des Einparkens ungern nehmen lasse. Sicher ist, dass das autonome Fahren kommen wird. Die Technologie wird entwickelt und bei Audi auch schon sehr gut beherrscht. Im niedrigen Geschwindigkeitsbereich und im Stop-and-Go-Verkehr kann autonomes Fahren eine deutliche Entlastung sein. Im Rahmen der Elektronikmesse CES in Las Vegas zeigen  wir im Januar, wie weit wir hier bereits sind.

Wie lange reichen aus Ihrer Sicht noch die fossilen Brennstoffe?

Dürheimer: Fossile Brennstoffe reichen, egal, wann wer welche Studie macht, immer für dreißig weitere Jahre. Sie gehen uns auf absehbare Zeit nicht aus. Die Verfügbarkeit ist eine Frage der Förderkosten. Aber wir tun gut daran, alternative Technologien zu erschließen, um von der Ressource Erdöl wegzukommen. Wir haben die Erde schließlich nur geliehen und müssen sie in gutem Zustand unseren Kindern übergeben.

Wenn sie persönlich abschalten wollen – was machen Sie dann?

Dürheimer: Familie, Freunde und Sport. Außerdem habe ich noch einen abwechslungsreichen Zweitberuf. Ich bin staatlich geprüfter Skilehrer, mache jedes Jahr meine Weiterbildung und wäre in der Lage, selbst eine Skischule zu führen. Und zur Erholung gehört für mich auch ein aktiver und intakter Freundeskreis im Allgäu, dort also, wo ich herkomme. Die kennen mich nicht als Vorstand, sondern über all die Jahre als Freund und treuen Wegbegleiter.

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