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Auf langer Fahrt im Gigaliner

Nicht breiter, nicht höher, nicht schwerer

Gigaliner, Seitenansicht Foto: Dino Eisele 10 Bilder

Der umstrittene Feldversuch mit Gigalinern ist angelaufen, die ersten XXL-Trucks sind auf der Straße. Redakteurin Brigitte Haschek war mit einem unterwegs.

25.05.2012 Brigitte Haschek

Die erste Überraschung kommt keine 100 Meter nach dem Werkstor der Spedition Ansorge im bayerischen Biessenhofen: Mühelos meistert der 25,25 Meter lange Laster den Kreisverkehr vor der Haustür Richtung B 12. Fahrer Jürgen Bannasch amüsiert das Stauen seiner Beifahrerin. "Alle, die sich sorgen, wie wir durch Kreisverkehre kommen, haben das Ding noch nicht arbeiten sehen", sagt er.

Das "Ding" ist ein so genannter Dolly - zwei Achsen mit Deichsel und Sattelkupplung, die den Wechselbrücken-Lastzug, wie es im Branchen-Jargon heißt, verblüffend gelenkig machen. Wie jeden Tag ist Bannasch auf dem Weg nach München, der ihn über B 12, A 96, A 99 und A 94 zur "Deutschen Umschlagsgesellschaft Schiene Straße" - kurz DUSS genannt - in Riem führt. Wie sein Kollege Thomas Hanich, der in einem zweiten Maxi-Laster folgt, hat er Badewannen, Duschtassen, Waschbecken und andere Sanitär-Keramik an Bord. Sie werden in München im kombinierten Verkehr auf Güterzüge verladen und auf die Reise nach Köln geschickt. Im DUSS nehmen sie Container mit Leergut für den Rückweg huckepack - wo sonst drei normale 16,50-Meter-Lkw fahren müssten, reichen dank des größeren Ladevolumens zwei Exemplare in Langversion.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Entdeckung der Langsamkeit erfolgt im Führerhaus von höherer Warte aus: Immer wieder überholen auf der B 12 Autos, Kleintransporter und auch Lkw zügig den 420 PS starken Scania R 420, der strikt Tempo 60 einhält. Korrektes Verhalten auf der Straße hat bei Ansorge stets Priorität. "Manch anderer Lkw-Fahrer hat dieses Glück nicht", sagt Bannasch, der seit fast 30 Jahren für den Allgäuer Spediteur fährt. Viele Kollegen fühlten sich von der akribisch eingehaltenen Höchstgeschwindigkeit genervt. "Sie fahren schneller und überholen, weil ihnen die Zeit im Nacken sitzt."

Dennoch hat es in den gut drei Monaten, in denen er täglich 260 Kilometer München und retour mit dem XXL-Truck unterwegs ist, keine brenzlige Situation gegeben - weder mit Lkw- noch mit Pkw-Fahrern. "Da hat sich keiner beim Überholen verschätzt und musste sich wieder zurückfallen lassen." Die Bundesstraße ist ohnehin nur in dem Bereich Richtung Autobahn 96 für Lang-Laster freigegeben, wo die so genannte Zwei-plus-eins-Führung risikoarmes Überholen erlaubt. Ein noch nicht entsprechend ausgebauter Abschnitt der B 12 weiter südlich ist dagegen für sie tabu.

Auf der Autobahn ausharren

"Wir dürfen nur auf ganz bestimmten, von der Bundesanstalt für Straßenwesen genehmigten Strecken fahren", berichtet der 52-jährige Bannasch. Deshalb überprüft der jeweilige Fahrer auch vor jedem Fahrtantritt, ob auf der Route Verkehrsstörungen - etwa wegen Unfällen - vorliegen. "Ausweichen auf andere Straßen dürfen wir nicht." Im schlimmsten Fall müsse man bei einer Vollsperrung der Autobahn bis zur Freigabe ausharren, während der andere Verkehr vorher umgeleitet würde. "Ich muss auch höllisch aufpassen, bei Staus nicht aus reiner Gewohnheit eine Ausweichstrecke zu fahren." Das sei für ihn die größte Umstellung beim Wechsel auf den Lang-Lkw gewesen.

Am Führerhaus gibt es viel zu bestaunen - etwa insgesamt sechs Außenspiegel. "Wenn alle richtig eingestellt sind, gibt es keinen toten Winkel mehr", sagt Bannasch. Und da ist auch noch das dritte Auge, wie er es nennt: Eine Kamera im Heck liefert stets ein exaktes Bild über das Verkehrsgeschehen hinter dem Fahrzeug. "Das hilft sowohl auf der Landstraße als auch beim Einfahren auf die Autobahn, wenn man sieht, was von hinten und mit welchem Tempo kommt", so seine Erfahrung. Der rote Scania ist zudem mit sämtlichen modernen Fahrerassistenzsystemen ausgerüstet: vom Abstandsregeltempomat über Notbremssystem bis zum Spurassistenten.

Für Gigaliner gilt absolutes Überholverbot

Auf der Autobahn schwimmt der 25-Meter-Laster bei Tempo 80 mit wie ein kurzer - ununterbrochen ziehen Autos und Lkw links vorbei. Bannasch bremst immer wieder ab, wenn ein anderer Truck vor ihm auf die Autobahn einfahren will. Denn selbst wenn die mittlere Spur frei wäre, darf er nicht ausscheren, um dem Kollegen das Einfädeln zu erleichtern. "Für uns gilt absolutes Überholverbot", nennt der 52-Jährige als Grund. Was durchaus zu kuriosen Situationen führen kann.

Auf dem Münchner Ring war ein BMW X5-Fahrer offenbar so beeindruckt von dem langen Gefährt, dass er nach dem Überholvorgang einen zweiten Blick darauf werfen wollte. "Der BMW-Fahrer setzte sich vor mich, wurde immer langsamer und gab mir Zeichen, dass ich ihn überholen solle", erinnert sich Barrasch. In Unkenntnis der Sachlage habe er ihm, dem Lkw-Fahrer, wohl das Leben erleichtern wollen. "Irgendwann ist er dann mit einem freundlichen Winken abgebogen."

Ein überholender Langholz-Transporter kommt Bannasch gerade recht, um Tatsachen zurechtzurücken: "Die sind regulär 27 Meter lang, mit Ausnahmegenehmigung sogar über 30 Meter." Und auf der Ladepritsche lägen nicht selten 55 Tonnen. "Wir sind nicht breiter, nicht höher und nicht schwerer als andere Lkw", sagt er. "Mit unseren 25,25 Metern sind wir nur länger." Er verstehe die ganzen Widerstände nicht. Nach diesem Tag auf dem Beifahrersitz leuchtet mir das auch nicht mehr so recht ein.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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