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Auf Mercedes-Spurensuche

Foto: 9 Bilder

Ein alter Mercedes, fünf Vorbesitzer im Brief. Leben sie noch, was machen sie heute? Auf Spurensuche in Coburg und in Berlin. Rekonstruktion eines Auto-Lebenslaufs.

13.01.2007 Alf Cremers Powered by

Ich habe Ihren Wagen gekauft. Das waren meine ersten Worte am Telefon. Diese Worte sollten neugierig machen und der Schlüssel sein. Der Schlüssel zu den Herzen der Vorbesitzer, die ihren weißen Mercedes 250 noch nicht vergessen haben.

Die wissen wollen, was aus ihm geworden ist. Dass er in gute Hände kam und wieder eine Zukunft hat, jenseits von Afrika. Denn alte 123er landen gern im Hafen von Cotonou. Zurück kommen sie von der 6.000 Kilometer langen Reise nie mehr.

Vier Mal sprach ich diesen Satz. Die ihn hörten waren überrascht, verblüfft, erfreut, manche gar misstrauisch. Dachten, ich zähle jetzt Mängel auf oder spiele auf den Heckschaden an, den das Auto einmal hatte.

Eine Dame war den Tränen nahe. Sie sprach von guten und schlechten Zeiten, die sie mit dem Wagen erlebte, ihr Mann sei schwer krank gewesen. Alle konnten sich an den weißen Mercedes, dieses Auto gewordene Symbol gehobenen Bürgertums, gut erinnern. Sogar als Massenmodell ist er unverwechselbar: 250, Classicweiß 737, Polster hennarot, Automatik-Wählhebel am Lenkrad, selbst bei 122.864 gebauten Limousinen des Typs 250 hat diese Kombination Unikatcharakter. Erst recht 20 Jahre nach Produktionsende.

Coburg und Berlin als Schauplatz

Vier Mal sprach ich diesen Satz, hunderte folgten. Es kostete mich einige Überredungskunst, bis alle im Boot namens Sentimental Journey saßen. Zwei Städte, Coburg und Berlin, als Schauplatz, die Bedingungen denkbar schlecht. Der Winter zeigt noch Anfang März seine Krallen, Salz liegt auf der Straße, und der Mercedes hat keinen Leerlauf. Selbst warm rumpelt er wie ein Zweizylinder. Aber unter Last schnurrt er, sonst würde ich es nicht riskieren.

Vergangenes Jahr kaufte ich den Wagen blind am Telefon, für 999 Euro. Sie erinnern sich, was Sie niemals tun sollten. Die Geschichte stand im letzten Youngtimer-Spezial. Aber nicht die ganze. Ernüchtert von den vielen Mängeln, stellte ich ihn gleich nach der Überführungsfahrt von Berlin zu einem Händler nach München – bloß weg damit. Löste ihn aber kurze Zeit später wieder für die gleiche Summe aus.

Der Daimler sollte seine zweite Chance haben. Sie hat mich 1.200 Euro gekostet und uns im wahrsten Sinn des Wortes zusammengeschweißt. Neulich nahm ich den Brief zur Hand, ich wollte den 250 auf meinen Namen zulassen. Zum ersten Mal las ich darin, denn ich würde das Original an die Behörden verlieren.

Dabei kam mir die abstruse Idee, sie alle ausfindig zu machen. Fotograf Hardy Mutschler dokumentiert die Spurensuche. Ihm gefallen seltsame Ideen, und nach Berlin fährt er gern. Beste Wohnlage in Coburg, oberhalb der Veste, nahe beim Hofgarten. Wir hatten eine angenehme Reise, leiser Motor, mildes Temperament, maximal 130 km/h, Verbrauch 13,7 Liter. Wir parken vor der eisglatten Garageneinfahrt. Michael Hopf, ein schlanker, gut gekleideter Geschäftsmann, etwa Mitte vierzig, empfängt uns.

Der Abteilungsdirektor der Commerzbank Coburg geleitet uns in den Wintergarten. Papiere liegen auf dem Tisch, der Fahrer eines BMW 525 tds hat sich auf unseren Besuch vorbereitet, zeigt ein Foto seines verstorbenen Vaters mit dem weißen 250er im Hintergrund und ein Jugendbildnis des Benz mit ADAC-Kühlerplakette und abgebrochenem Stern. "Drei Stück hat sich mein Vater kaufen müssen, dann resignierte er. Der 250er war sein dritter und letzter Mercedes, zuerst fuhr er einen 190er Ponton, später, so um 1970, kaufte er sich einen Mercedes 280 S, der war auch weiß. "An den 250 erinnere ich mich noch gut, der hatte diese Lenkradautomatik wie sein Vorgänger, die wollte mein Vater unbedingt.

Wir holten ihn damals selbst in Sindelfingen ab. Obwohl ich schon einen BMW 320 hatte, nahm ich den Mercedes sehr gern, wenn ich ein großes, bequemes Auto brauchte." Ich erfahre, dass Heinz Hopf Inhaber eines Restaurants war und den Wagen 1983 bei der Coburger Daimler-Benz- Vertretung Müller und Bender bestellte. Der Neupreis betrug inklusive Extras 34.422,30 Mark. Wir gehen vors Haus, ich bitte Michael Hopf,eine Runde zu fahren. "Da kommen viele Erinnerungen hoch, wir hatten ihn, bis mein Vater starb", spricht er mit leiser Stimme, zirkelt den Wagen souverän aus der Einfahrt und schmunzelt über die antiquierten Fahreigenschaften des einst väterlichen Mercedes.

"Schön, dass Sie ihn wieder so hingekriegt haben, wie er war", sagt er zum Abschied und bleibt einen Augenblick länger vor dem Haus stehen, als nötig wäre, um das kleine Gartentor zu schließen. Die Spur führt weiter nach Berlin.Schneetreiben auf der A9, aber die Winterreifen für den weißen 250er liegen irgendwo in einem Keller in Bremen. Renate Thiede erwarb den Mercedes 250 im Jahr 1986 von einem Arbeitskollegen, der Heinz Hopfs Tochter kannte. Die lebte damals in Berlin und wollte den Wagen dort verkaufen.

Samstagnachmittag, 14 Uhr

Es ist Samstagnachmittag,um 14 Uhr sind wir mit Renate Thiede verabredet. Die Sonne scheint, die Straßen sind trocken, am Rand hält sich der Schnee. Auf dem Stadtplan suchen wir die Straße in Lankwitz, zuvor haben wir das Auto gewaschen und einen Blumenstrauß besorgt. So gehört es sich,wenn man eine 68-jährige Dame besucht. Ich bin überpünktlich und nervös. Mir ist, als ob ich nach 20 Jahren meine Tante wiedersehen würde: Schon das Telefongespräch war so vertraut,was würde uns erwarten? Langsam wagen wir uns an die schöne Villa aus den zwanziger Jahren mit dem Klinkerportal und den weißen Verzierungen aus Schmiedeeisen heran.Weiß ist die Lieblingsfarbe von Renate Thiede.

Während wir vor dem Haus parken, kommt uns Frau Thiede mit ausgebreiteten Armen entgegen. "Da ist er ja, mein schöner weißer Mercedes", ruft sie voller Begeisterung über das Wiedersehen. Sie sieht zehn Jahre jünger aus, hat sich zurecht gemacht, trägt einen roten Blazer und dazu passende Pumps. "Kommen Sie, wir fahren eine Runde, aber ich möchte nicht ans Steuer." Trotzdem steigt sie in alter Gewohnheit links ein, beugt sich kurz über den Beifahrersitz, sagt mit zitternder Stimme: "Hier hat er immer gesessen. Mein Mann und ich, wir waren eins." Doch dann ist sie plötzlich wieder die lebenslustige, charmante, heitere Frau und dirigiert mich durchs schön bebaute Viertel.

"Macht er immer noch diesen kleinen Satz beim Anfahren?", fragt sie lächelnd.Nach der kleinen Spritztour bittet sie uns zu Kaffee und Kuchen, unsere Schuhe müssen wir vorher im Flur ausziehen. Die großzügigen Räume sind liebevoll und gediegen eingerichtet. Schwere Vorhänge, im Wohnzimmer ein offener Kamin hinter Messing und Glas, die große Küche, ganz in Weiß, Rundbogentüren.

In der Garage steht jetzt ein BMW 523i – ihr schwarzer Panter, wie sie ihn liebevoll nennt. Dann erzählt sie uns mit leiser Wehmut wie es war, als sie den Mercedes 1986 gekauft hat, für 19.000 Mark, keine 20.000 Kilometer auf dem Tacho. Ihr Mann, einst in der Chefetage bei Unilever tätig, sah ihn zum ersten Mal, als Sie ihn vom Flughafen Tegel abholte. "Das war wie im Traum. Ich im schneeweißen Mercedes, die roten Polster, alles war noch wie neu", schwärmt sie.

Früher fuhren die Thiedes BMW 320, aber durch die Parkinsonsche Krankheit ihres Mannes brauchten sie ein großes Auto, bei dem der Rollstuhl problemlos in den Kofferraum passt. Gab es Ärgerliches? Ja, einen abgebrochenen Stern, den sie gleich wieder besorgte. Und einen unverschuldeten Auffahrunfall, daher der reparierte Heckschaden. "Existieren Fotos, gibt es noch den Zweitschlüssel, das Wartungsheft?" Die Witwe bedauert und verweist auf Uwe Falk. "Der könnte noch Unterlagen haben, der hat sich rührend um meinen Mann und mich gekümmert, uns oft chauffiert.

Zum Dank habe ich ihm den Mercedes am 8. August 2000 geschenkt, am Geburtstag meines Mannes." Als wir uns lange verabschieden, spüre ich so ein seltsames Gefühl von Vertrautheit, als hätte ich wirklich meine Tante besucht. Und zum ersten Mal glaube ich, dass es richtig war, dem alten Daimler eine zweite Chance zu geben. Uwe Falk, 42, ist Oberstufenlehrer an der Gesamtschule in Henningsdorf bei Berlin. Er kommt gerade von einer Klassenfahrt aus Weimar, als wir ihn auf dem Lehrerparkplatz treffen. Hier parkte der Mercedes 250 fast 15 Monate lang täglich. Der sympathische Mann strahlt, als er sich dem Auto langsam nähert. "Das hätte ich nicht gedacht, dass ich den noch einmal sehe. Schön sieht er aus, sehr gepflegt, nur die Beule in der Stoßstange hat er noch". Falk setzt sich ans Steuer, erzählt von Reisen mit Thiedes an die Nordsee, nach Bayern oder nach Bad Ems. Leise sei der Wagen vor allem, aber nicht sehr schnell. Heute fährt er einen Opel Astra Caravan.

Als Vielfahrer wuchsen ihm die Unterhaltskosten des Mercedes über den Kopf, schließlich verkaufte er ihn im November 2001 für 500 Euro schweren Herzens an einen guten Freund,dessen 200 D W123 gerade den Geist aufgegeben hatte. Walter Blaschke, 48, wartet mit hochgeschlagenem Kragen vor dem großen Mietshaus in Kreuzberg. Es ist ein stiller Sonntagmorgen, ein paar Schneeflocken fallen. Fünf 123er parken auf 400 Meter Straßenschlucht. Prachtvolle Stuckfassaden, Balkongitter wie Harfen. Im Parterre kultige Szene-Läden. Blaschke winkt, steigt hinten ein. Wir reden über den Wagen. "Der sieht jetzt viel besser aus als bei mir", stellt er fest, "da habt ihr aber viel dran gemacht." Blaschke ist ein Kumpeltyp. Lederjacke, längeres graues Haar, ein Bohemien, der große Gelassenheit ausstrahlt. Er arbeitet als Streetworker hier auf dem Kiez, obwohl er eigentlich Betriebswirt ist. Auch Blaschke spricht von abgebrochenen Mercedes-Sternen und der Beule in der Stoßstange, die er selbst reingefahren hat. Damals wohnte er noch in Bremen.

"Da liegen noch die Winterreifen, die könnt ihr euch holen", pendelte oft nach Berlin, aber sein Diesel machte es nicht mehr lange. Freund Uwe Falk verkaufte ihm den 250er, "fast geschenkt", wie der phantasievolle Mann mit den wachen Augen meint. Der Endvierziger übernimmt nach einer Fotopause das Steuer, stutzt einen Moment über die Lenkradautomatik. "Ach ja, das komische Ding" – und macht mit uns eine Sightseeing- Tour durch Kreuzberg. Er lenkt, fährt, bremst so selbstverständlich und gefühlvoll, als hätte er nie ein anderes Auto besessen.

Lückenlose Benz-Biografie

Irgendwie stimmt das sogar, denn der gebürtige Rheinländer hat seit 1978 eine lückenlose Benz-Biografie: Ponton, Heckflosse, drei Strichacht, drei 123er. Seit der Heckflosse waren es alles 200 D – bis auf den Letzten, den 250. Mit den großen, sparsamen und sicheren Autos "die einem das unnachahmliche Gefühl von Geborgenheit geben", ist er durch ganz Europa gereist, nach Schweden, Andalusien, in die Türkei, nach Rom und immer wieder nach Zeeland, jedes Jahr zu Silvester. Er hat auf einer Computergrafik mit Originalfotos alles dokumentiert, die Autos und die Reisen.

Seinen Autos gab er Namen. Den 250 nennt er "Der Letzte". "Da drüben", sagt er, "ist das Paul-Lincke-Ufer. Eine szenige Künstler- und Freiberufler-Gegend mit vielen Cafés, die sonntags großartige Frühstücksbüffets auftischen." Blaschke ist Genussmensch. Bei einem Cappuccino und einer Selbstgedrehten erzählt er von seinen wilden Mercedes- Zeiten. Heute fährt er Golf III Turbodiesel. Es macht ihn nicht glücklich,obwohl er Bremen- Berlin jetzt eine Stunde schneller schafft. Den 250er hatte nur ein halbes Jahr oder exakt 9.484 Kilometer lang.

Verbrauch und Steuern waren ihm zu hoch. Dann verkaufte er ihn für 500 Euro an einen Libanesen. "Einer von den Jungs, die einem immer solche Kärtchen ans Auto stecken. 1.000 Euro wollte ich, er hat gesagt, er geht nach Afrika. Sie werden ihn doch behalten, oder?", fragt er fast ein bisschen besorgt beim Aussteigen. Gefühlvoll lässt er die Fahrertür ins Schloss fallen. Man spürt, er mag diese alten Mercedes.

"Vielleicht habe ich noch den Zweitschlüssel irgendwo, den schicke ich Ihnen dann."

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