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Auf Tour mit dem VW Samba-Bus

Wir ritten nach Brasilien

Samba-Bus, Frontansicht Foto: Arturo Rivas 9 Bilder

Zur Fußball-WM liegt wohl nichts näher, als mit dem Samba-Bus von VW nach Brasilien zu fahren. Auf der Suche nach dem einen Mythos fanden wir einen anderen.

04.07.2014 Markus Stier

Ach Brasilien. Du Schönste der Schönsten. Wer will sich mit deinen Stränden messen, deinen Urwäldern, deiner Wärme, deinem Karneval und deinen Mädchen? Und dann erst der Fußball und der Samba. Aber Brasilien, das ist auch das Land der Favelas, der Straßenräuber, Bandenkriege und Unruhen, weil Milliarden in Stadien und auf schwarzen Konten versickern und die Buspreise zu hoch sind.

Schriftsteller Stefan Zweig nannte es in einem schwärmerischen Buch "ein Land der Zukunft", und das viel Gepriesene sonnt sich gern darin. Das Land der Zukunft kann sich in der Gegenwart immer rausreden, dass ja demnächst alles ins Lot kommt. Wie zum Beispiel das deutsche WM-Quartier Campo Bahia. Trainingsplatz im Naturschutzgebiet und das Ganze nur über eine Fähre erreichbar. Auch das Team eine Baustelle: Grippekranke Spieler, ein Lahm(e) Diskussion und ein Trainer ohne Lappen.

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Auf Tour mit dem Samba Das deutsche Brasilien
auto motor und sport 13/2014
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Hier irgendwo muss es sein. Der blau-weiße Bulli biegt ab auf einen grasbewachsenen Parkplatz. Wir sind dem Schild "Wassersport Brasilien" gefolgt. Auf sattgrüner Wiese grasen friedlich Wohnmobile, und ein paar Kühe parken kreuz und quer. Es sind Holsteiner. Vom Corcovado mit seiner einem Torwart beim Elfmeter gleichenden Christus-Statue ist nichts zu sehen, die höchste Erhebung ist der vor 20 Jahren erneuerte Deich. Ein großer, braun gebrannter Typ mit Rastalocken empfängt die Gäste mit breitem Lächeln: "Willkommen am schönsten Strand Deutschlands."

Richtig gelesen. Brasilien liegt auf 54 Grad, 25 Minuten nördlicher Breite und zehn Grad, 23 Minuten östlicher Länge und somit in der Gemeinde Schönberg bei Kiel. Was heißt hier Schwindel? Der Samba kommt ja auch nicht aus Rio oder São Paulo, sondern aus Wolfsburg.

Das Land lag noch am Boden und das Wunder von Bern in weiter Ferne, als im VW-Werk Wolfsburg 1950 der T1 vom Band lief. Die Geburt des VW-Busses war eine sehr deutsche Geschichte von Pragmatismus und Arbeitsamkeit. Man brauchte ein kleines und erschwingliches Lastfahrzeug, man hatte die Technik des Käfers. Fertig war der erste Transporter. Aber schon ein Jahr nach dem Anlauf der Serienproduktion kam das erste Sondermodell. Weil das Leben nicht mehr so grau war und der Himmel wieder blau, hatte der Samba-Bulli 23 Fenster und ein großes Faltdach.

Erfolgstyp Samba

Der unsrige aus dem VW-Museum ist Baujahr 1963. Der Samba war ein solcher Hit, dass er bis 1967, bis zum Debüt des T2, gebaut wurde. Auch im anderen Brasilien wurde der Bulli ein Renner. Die "Velha Senhora", die alte Dame also, lief in der Neuen Welt ohne Heizung, aber mit Wasserkühlung bis 2013 vom Band. Am Stakendorfer Strand laufen ständig T4- und T5-Busse ein, deren Insassen den Sonnenuntergang bewundern wollen, dann aber nur Augen für den Samba haben. "Da läuft einem ja der Sabber runter", sagt einer, ein zweiter lädt uns spontan zur Grillwurst ein.

"Wie spartanisch das damals alles war, dabei sind 50 Jahre doch echt keine lange Zeit", staunt Surfschulen-Besitzer Olli, Baujahr 71. Na hör mal, immerhin hatte der Samba verchromte Radkappen, eine Zweifarblackierung und ein Röhrenradio, aus dem Astrud Gilberto mit sanfter Stimme vom "Girl from Ipanema" sang.

Das Mädchen vom Mittelstrand heißt Rieke-Sophie und brutzelt im knappen gelben T-Shirt Currywurst mit Fritten an der Buhne 31. Sie hat gerade das Abi hinter sich, es ist erst ihr zweiter Tag hinterm Tresen. Am ersten hat sie gelernt, wie man Caipirinha macht. Die Sonne im Glas für fünf fünfzig.

Mit sonniger Miene gesteht Dirk Osbahr: "Ich finde meinen Job super." Die bärtige Frohnatur ist der Chef von Brasilien, wo sich neuerdings Neugierige und Medien die Klinke in die Hand geben. Das Frühstücksfernsehen hat schon Quartier bezogen, Schönberg wird berühmt. Die Propstei war schon vorher kein Geheimtipp mehr. Jedes Jahr kommen eine halbe Million Gäste. Mit satten 67 Prozent zog der Parteilose Osbahr 2013 ins Rathaus der 8.000-Seelen-Gemeinde ein.

Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Wie sieht es denn aus mit Drogenkriminalität, Schießereien und gewalttätigen Demonstrationen? Im Polizeipräsidium konnten wir nicht fragen, das hatte zu. "In dringenden Fällen 110 anrufen", stand an der Tür. "Na ja, Beschwerden gibt es überall", räumt Osbahr ein. Seine größten Probleme sind das Meer, das immer wieder Stücke vom Strand stiehlt, und die Wiederaufnahme des Bahnverkehrs von Kiel zum Schönberger Strand. Der Brasilien-Strand ist besonders beliebt, er kostet keine Kurtaxe und das Parken nur drei Euro.

Es ist natürlich keineswegs so ruhig und friedlich, wie die Politik uns glauben macht. Doris Petersen steht vor ihrem verrammelten Kiosk namens "Brasilia" und entschuldigt sich: "Das soll hier alles noch rechtzeitig quittengelb angemalt werden von der Gemeinde", sagt sie. Die dicken Gitterstäbe an der Stirnseite hat sie nicht ohne Grund angebracht: "Früher hatten wir hier die Pernod-Partys. Da mussten wir nachts im Kiosk schlafen", erinnert sich Ehemann Wilfried.

Auch sie werden Caipirinha anbieten, "obwohl die Leute hier eher mal ein Bier trinken", sagt Petersen. Was sie zu ihrem Leidwesen nicht bieten können, ist Fußball. Hinten auf der Wiese hätte eigentlich Public Viewing sein sollen, aber das findet jetzt doch ein Stück weiter östlich am Strand statt. Ausgerechnet die Anwohner von Brasilien sollen sich über den drohenden Lärm beschwert haben. Dabei wohnt hier streng genommen kaum jemand. Die paar Dutzend Domizile sind Ferienhäuser.

Vor rund 150 Jahren fing alles an

Es fing alles mit einer Holzplanke an, die Fischer Peter Steffen vor rund 150 Jahren am Strand fand. Sie stammte von einem Schiff, der Name "California" war eingraviert. Steffen schmückte damit sein Haus und war zwischen Stein und Malmsted plötzlich Tagesgespräch. Wer hat schon ein Haus mit Namen? Es ist nicht überliefert, ob Nachbar Friedrich-Wilhelm Ehlers voller Bewunderung oder neidisch war – oder einfach nur Humor hatte. Er zog einen Holzscheit aus dem Stapel, pinselte "Brasilien" drauf und nagelte das Brett an seine Kate, die damit noch exotischer war. Aus den Fischerhütten wurden Strandabschnitte, dann Ortsteile und heute so etwas wie ein Mythos.

Nach Ehlers ist in seinem Brasilien heute ein Weg benannt und eine Fischräucherei am Schönberger Strand. Myriam Boehm, geborene Ehlers, kennt die Geschichte auswendig. Der alte Ehlers war ihr Ur-Ur-Urgroßvater, und kreativ ist die Familie noch immer. Der letzte Schrei im Familienbetrieb sind in Würfel geschnittene Räucherlachs-Häppchen. "Ehlers’ Lachskonfekt" kostet zwei neunzig pro 100 Gramm. "Schmeckt super, und Deutschland wird Weltmeister", sagt die Nachfahrin des Gründers von Brasilien, während hinter der Theke Vater Ehlers stumm das Wort Spanien mit den Lippen formt. Spanien? Sind wir mit Tiki-Taka nicht durch? Das ist jetzt natürlich nicht nur eine Frage des Gefühls, sondern der Philosophie.

Surfer sind ja irgendwie auch immer Philosophen, und so lautet Olli Lüttens Weisheit des Tages: "Es gibt karibische Tage und es gibt nordische Tage." Heute ist zweifellos ein nordischer. Die Jungs von der Surfschule haben die Tretboote bis an den Deich gezogen, sie schippen einen Sandwall, damit die Ausrüstung im Container nicht nass wird. Der Beachvolleyball-Platz steht schon unter Wasser, der Sturm drückt mit Windstärke neun die Ostsee gegen die Küste. Eigentlich würde man bei dem Sauwetter einen Grog aufsetzen, aber Olli hat einen Geheimtipp: "An der Buhne 31 gibt es den Caipi auch heiß."

Wir hätten uns von den zugigen 14 Grad und dem Wind nicht aufhalten lassen, ein Freundschaftsspiel mit den Brasilianern war schon vereinbart. Die C-Jugend des TSV Schönberg spielt Verbandsliga und wäre zum Barfußkick sogar mit einem U-15-Nationalspieler angetreten. Dem droht allerdings schon der erste Karriereknick: Er wechselt zum HSV.

Auch im Samba-Bus ist die Stimmung geknickt. Das Faltdach ist festgezurrt und zappelt im Sturm. Das Spiel fällt flach, denn da, wo gestern noch der weiße Strand war, wälzt sich jetzt lärmend die Ostsee gegen den Deich. Die gute Laune muss jetzt aus dem Computer kommen. Wir spielen dem Wettergott die Dance-Version von "Você Abusou" vor, frei übersetzt: "Du hast es übertrieben".

Der Titel bleibt im Lande

Das offizielle WM-Endspiel hat laut Olli ohnehin schon stattgefunden. In Trikots von Lidl begegneten sich Deutschland und Gastgeber Brasilien mit je drei Spielern. Nach 90 Minuten stand es 6:6, kaum einer konnte noch stehen. "Nächstes Tor entscheidet", hieß die Devise. Die gute und zugleich schlechte Nachricht: Das siebte Tor schossen die Gelben. Der Titel bleibt in Brasilien.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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