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Eberhard Thiesen

"Aus Eisen wird mit der Zeit Gold"

Eberhard Thiesen Foto: 5 Bilder

Oldtimer-Händler Eberhard Thiesen, 53, empfiehlt alte Autos als seriöse Geldanlage. In Motor Klassik erzählt er zum ersten Mal aus 35 bewegten Jahren im Windschatten edler Traumwagen.

14.01.2007 Malte Jürgens Powered by

Das Parfüm, dem der heutige Hamburger Oldtimer-Händler Eberhard Thiesen einen Teil seiner Jugend widmete, roch weder nach Einbereichsöl noch nach Leder: Es duftete nach Moschus, Sandelholz und, vor allem, nach Patschuli.

Bevor der Sohn eines Hamburger Arztes, vom St.-Peter-Internatsschüler gerade zum Studenten der Wirtschaftslehre, der Geschichte und Philosophie gereift, seine Duftmarken in der Welt der historischen Automobile setzte, betrieb er einen florierenden Export mit namhaften französischen Parfüm-Marken wie etwa Dior,Givenchy und Paco Rabanne: Die Überproduktion der großen Hersteller wehte über Thiesen zu Warenhäusern, Schiffsausrüstern und fernöstlichen Kunden.

Nebenbei entwickelte Thiesen auch ein Näschen für alte Autos. Erstes eigenes wurde 1969 eine waidwunde Ente, die bei einem gnomhaften Altsemester im Souterrain eines Hamburger Patrizierhauses gewartet wurde. Thiesen: "Der nannte seinen Laden erste sozialistische Autowerkstatt und gab Rabatt speziell für Trotzkisten oder Leninisten." Am werdenden Establishment rächte er sich subtil, indem er etwa den MGA eines BWL-Studenten zur Reparatur annahm, ständig Abschläge forderte - und nichts dafür tat.

"In den Tank gepinkelt"

Thiesen: "Stattdessen pinkelten er und seine Kunden so lange in den Tank, bis der voll war." Das Proletariat hatte seine starken Gliedmaßen erhoben – alle MG-Räder standen still. Noch 1969 kam als zweites Auto schon ein Mercedes in den Besitz von Eberhard Thiesen, ein 180er Ponton Diesel in Horizontblau mit weißem Dach. Seitdem hält ihn die Marke mit dem Stern gepackt. Zusammen mit dem gelernten Hamburger Bildhauer und Oldie-Fan Klaus Mierzwiak verlegte sich Thiesen auf das Beschaffen von Ersatzteilen, die in der damals Ponton-süchtigen, studentischen Klientel zügig Absatz fanden: "Daimler-Benz hatte in den 70er Jahren kein Interesse am Pflegen der alten Bestände."

Zwischenzeitlich auch im Antiquitätenhandel unterwegs, landet Thiesen Mitte der Siebziger einen Volltreffer beim britischen Mercedes-Importeur: "Die hatten noch jede Menge Teile für die alten Mercedes 170, 220 und 300." Einer seiner damaligen Kunden: Daimler-Benz in Stuttgart. Über die Kontakte des Importeurs geriet Thiesen an einen betagten Händler in Chelmsford, der seinen Betrieb Stück für Stück verkaufte.

In einer verschlossenen Garage wartete ein verstaubter Schatz auf bessere Zeiten: fünf nagelneun Gitterrohrrahmen für den 300 SL, nebst Türen, Kotflügeln und weiteren Blechteilen. Für 10.000 Pfund wechselte der Inhalt der Garage den Besitzer. Als der Importeur langsam als Teilelieferant ausbrannte, ging Thiesen international auf die Jagd.

Alte Bestände in düsteren Lagerecken

Mercedes hatte den Teile-Vertrieb modernisiert und die Codenummern geändert. Alte Bestände in düsteren Lagerecken gerieten bei den Händlern selbst mehr und mehr in Vergessenheit. Die Sachen waren zwar noch vorhanden, aber die Nachwuchslageristen kannten die alten Nummern nicht mehr, und so wurde immer weniger gefunden. In der Folge trennten sich viele Händler gerne en Bloc von dem alten Zeug – und das Geschäft des Teilespezialisten Thiesen florierte.

Der clevere Einkäufer: "Ich sprach weltweit mit vielen der alten Serviceleute. Speziell in Afrika wurde ich fündig, in den früheren deutschen Kolonien." Der Hanseat stieg stets in den ersten Hotels am Platze ab: "In Afrika trifft man dort ganz rasch Leute aus der Regierung, und die waren in den achtziger Jahren darauf bedacht, ihren Fuhrpark zu modernisieren. Ich kaufte also die alten Repräsentations-Mercedes und vermittelte im Gegenzug Neuwagen-Geschäfte." Die Afrika-Jahre dauerten von 1985 bis 1989.

Dann trockneten auch auf dem schwarzen Kontinent die Ersatzteilquellen aus. Dafür wurde 1989 mit dem Fall des Eisernen Vorhangs eine ganz andere Ecke der Welt interessant: Russland. "Ich spezialisierte mich auf das Aufspüren und Zurückkaufen ehemaliger Beutefahrzeuge", umreißt Thiesen seine Profession zwischen 1989 und 1994. "Und eines ist sicher: Gegen die skurrilen Umstände in Russland lief das Afrikageschäft völlig normal."

Altes Beuteauto

Da war zum Beispiel der zerlegte Mercedes 540 K in der Ukraine, der zu den gepanzerten Autos gehörte, die Hitler nach dem Heydrich-Attentat seinen 20 wichtigsten Statthaltern zuwies. Der Motor fehlte, aber sein hoch betagter Besitzer erinnerte sich, ging auf den Hof und grub an einer bestimmten Stelle nach. Das nach 35 Jahren wieder zu Tage geförderte Fragment war noch restaurierbar.

In Moskau hortete ein anderer Greis in einem völlig unzugänglichen Gebäude zerlegte Horch. Die stammten aus der Zeit, als der Kreml seinen Beamten befohlen hatte, von den alten Beuteautos auf die im eigenen Land nach einer Packard-Lizenz gefertigten ZIS umzusteigen. Thiesen: "Ich zahlte dem Kranführer der Großbaustelle nebenan ein paar Dollar, und der ließ drei Tage lang die Baustelle ruhen. Dafür holte er mir alle Horch-Überbleibsel aus den Verliesen und lud sie in meinen Container." Irgendwann wurden die Funde spärlicher, und die Kosten für russische Veteranen-Scouts explodierten.

Thiesen: "Vor zwölf Jahren konnte man noch für 100 Dollar Spesen im Monat einen Mann auf die Suche schicken. Das ist vorbei." 1997 übernahm der Jäger alter Herrlichkeiten am Hamburger Mittelweg die einstigen Geschäftsräume der Firma Mirbach. In der Werkstatt wurden neben Kundenautos auch die edlen Fundstücke der Russland-Expedition restauriert.

Neben den Kriterien Originalität und nachprüfbare Geschichte zählt für den Mann mit dem besonderen Blick für authentische Mercedes-Oldtimer auch Exklusivität als wichtiges Merkmal beim Oldtimer-Kauf: "Kleine Stückzahlen steigern ganz klar den Wert. Autos dieser Kategorie zu noch vertretbaren Preisen sind zum Beispiel der Maserati 3500 Vignale Spider, der Aston Martin DB6 und das Ferrari 250 GT-Cabrio von Pininfarina."

Kritisch ist Thiesen auch sich selbst gegenüber: "Da ich aus der Teile-Szene komme, bin ich bei kompletten Autos oft zu penibel. Da muss einfach alles stimmen, auch die kleinsten Details." An den Schreibtisch will er sich noch nicht endgültig zurückziehen: "Das Aufspüren und Jagen eines Autos ist viel spannender.

Authentische Autos werden aber immer seltener, und man muss sich viel Schrott anschauen, um fündig zu werden. Das ist es aber wert, denn gute Oldtimer sind eben keine Ware, die beliebig nachbestellt werden kann."

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