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Ausweichassistent - Fußgängerschutz der Zukunft

Der elektronische Fahrlehrer kommt

Ausweichassistent Foto: press-inform 8 Bilder

Wer lässt sich schon gerne ins Steuer greifen? Da kommen Erinnerungen an Fahrlehrer und elterliche Beifahrer auf, die einst in die sinnvolle Piloten-Autonomie griffen. Schon bald könnte dem Fahrer in Grenzsituationen die Kontrolle über sein Auto genommen werden.

05.04.2010

Mit Tempo 50 die enge Pylonengasse entlang. Ein Fall wie im täglichen Straßenverkehr. Der Fußgänger schnellt plötzlich hinter einer hellen Wand hervor. Noch bevor der Fahrer reagieren kann, weicht die silberne Mercedes S-Klasse rasant nach links aus, umkurvt den erschrockenen Passanten und bremst hinter ihm sicher ab. Zum Glück nur eine Puppe aus dem Dummy-Regal und selbst die ist dieses Mal mit dem Leben davongekommen. Doch das Horrorszenario für Autofahrer bleibt. Ein Kind springt unaufmerksam auf die Straße, ein Fußgänger mit dem Handy am Ohr torkelt in Gedanken zwischen Autos hervor. An ein Ausweichen ist im Grenzfall kaum zu denken. Doch die Maschinen von morgen sind schlauer. 

Bis zur Serienreife vergehen noch einige Jahre

Wo selbst der aufmerksame Autofahrer keine Chance mehr zum Ausweichen hat, müssen Fußgänger zukünftig nicht um Gesundheit oder Leben fürchten. Möglich gemacht nicht durch eine grandios schnelle Auffassungsgabe des Piloten und eine reflexartige Lenkbewegung, sondern durch eine Bordelektronik, die schneller reagiert, als jeder noch so geschulte Pilot. Noch ist die Technik allein in einem Versuchsträger von Mercedes-Benz verbaut und die Entwickler machen keinen Hehl daraus, dass bis zur Serienreife noch ein paar Jahre vergehen werden.

Die dazu nötigen Sensoren und Kameras sind in vielen Autos heute bereits verbaut. Somit geht es allein um Rechenleistung und den Ausschluss etwaiger Fehlfunktionen. So präsentiert sich auch das Versuchsauto im Innenraum ungewöhnlich unspektakulär. "Wir haben im Bereich des Innenspiegels zwei statt gewöhnliche eine Kamera verbaut", so Entwickler Armin Joops, der die Manöver auf dem Beifahrersitz verfolgt, "das macht das System genauer, weil es dreidimensional sehen kann - wie das menschliche Auge." Die beiden Kameras links und rechts vom Innenspiegel tasten die Umgebung dutzende Male pro Sekunde ab. Der Sehbereich ist bis 30 Meter vor dem Fahrzeug sowie jeweils vier Meter nach links und rechts.

Nachtsichtassistenten entschlüsseln Bewegungen

Bereits heute kann man verwandte Systeme kaufen. Die Nachtsichtassistenten von BMW oder Mercedes können in tiefster Dunkelheit und ohne jede Spur von Lichtkegel Personen vor dem Auto erkennen und auf einem Display kennzeichnen. Das von Mercedes jetzt vorgestellte Assistenzsystem zum Fußgängerschutz ist eine logische Folge für mehr Sicherheit im Straßenverkehr. Diesmal jedoch auch bei Tag. Doch mit den Kameras allein ist es nicht getan. Die intelligente Bordelektronik kann die Bewegungsrichtung von Personen scheinbar magisch aufschlüsseln. Zudem muss das Fahrzeug mit einer elektrischen Servolenkung ausgestattet sein. Nur dann kann die Recheneinheit im Gefahrenfall selbstständig ein eigenes Lenkmanöver einleiten. Eine elektrische Lenkung ist dabei nichts Neues.

Nicht nur viele Kleinwagen sind bereits mit dieser Technik unterwegs, sondern auch Volumenmodelle aus dem Volkswagen-Konzern. So kann man sich zum Beispiel am Steuer eine VW Passat davon überzeugen, wie bereits in die Lenkung eingegriffen wird. Ist der Spurhalteassistent auf Autobahn oder Landstraße eingeschaltet, lenkt der VW Passat bei der Gefahr eines Spurverlassens sanft zurück. Das letzte begleitende Lenkmoment muss bei diesem Assistenzsystem jedoch noch der Fahrer veranlassen. Das ist beim Notfallausweichen selbstverständlich nicht mehr nötig. Die Kameras erkennen den Fußgänger, checken die Umgebung, den Gegenverkehr und weichen wenn möglich aus.

Bevor das Ausweichsystem in Serie geht, muss die Fehlerquote bei Null liegen

Damit der Fußgänger auch als solcher erkannt wird, mussten die Entwicklungscomputer viele Stunden auf die Schulbank. Tausende von Kilometern legten Testfahrer in Prototypen auf den Straßen zurück. Hinterher wurden die Aufzeichnungen am Computer bearbeitet. "Wir haben dem Computer beigebracht, was ein Fußgänger ist, und was nicht", blickt Markus Enzweiler, zuständig für den Bereich Fußgängererkennung, auf die letzten fünf Jahre zurück. "Insgesamt haben wir mehr als eine Million Rechenbeispiele gesammelt." Lag die Fehlerquote anfangs noch bei über 20 Prozent, so hat man sich auf eine Null-Fehlerquote weit über 95 Prozent gesteigert. Bevor die neue Sicherheitsausstattung in Serie geht, muss man bei einer Null-Fehlerquote angekommen sein.

"Damit der Fußgänger nicht verletzt wird, reichen 80 Zentimeter aus", so Projektleiter Hans-Georg Metzler, "aber es kann durchaus sein, dass sich dieser Abstand im Laufe der Entwicklung noch verändert." Es muss auch nicht dabei bleiben, dass das Fahrzeug unvermeidlich nach links ausweicht. Berechnet der Computer alle 40 Millisekunden, dass eine Vollbremsung den gleichen Erfolg bringt, bleibt die S-Klasse sowieso auf ihrer Spur und bremst maximal ab. Ausgewichen werden soll nur dann, wenn nichts anders hilft, die Gegenrichtung frei und genügend Platz vorhanden ist. Langfristig ist auch ein Notfall-Ausscheren nach rechts auf Grünstreifen, Wiese oder Bürgersteig möglich. "Doch diesen Bereich eindeutig als nutzbare Verkehrsfläche zu erkennen ist überaus schwierig. Das sehe ich erst einmal nicht", so Hans-Georg Metzler weiter, "die Freiraumanalyse ist hier besonders schwer."

Ein Kreuzungsassistent ist ebenfalls geplant

Auch ein Kreuzungsassistent scheint mit diesem Entwicklungsschritt nur eine Frage der Zeit. Wieso sollte bei der Gefahr eines Zusammenstoßes mit dem Fußgänger gebremst oder ausgewichen werden und bei einem kreuzenden Fahrzeug nicht? Nach Jahren der Lethargie scheint die dafür notwendige Car-to-Car-Kommunikation auf die Beine zu kommen. Vielleicht kann die neue S-Klasse im Jahre 2012 bereits den alltäglichen Gefahren des Straßenverkehrs ausweichen.

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