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Auto-Biografie Christian Bangemann

Irgendetwas ist ja immer

03/11 Auto-Biografie Christian Bangemann, VW Käfer Foto: ams-Archiv 12 Bilder

Drei Generationen von Motorjournalisten schreiben ihre ganz persönliche Auto-Biografie. Die von Christian Bangemann, Jahrgang 1966, begann eigentlich auf zwei Rädern. Aber der Autovirus hat bei ihm dann doch heftig zugeschlagen. Trotz jahrzehntelanger Erfahrung als Tester ist der VW Käfer seit 20 Jahren sein automobiler Lebensmittelpunkt.

23.03.2011 Christian Bangemann

Zugegeben, ich bin ein Spätberufener. Alle Jungs in der Nachbarschaft waren kleine Autonarren und diskutierten schon mit sieben Jahren eifrig die Vorzüge der Wagen ihrer Väter. Ich war nicht dabei, spielte lieber Cowboy und Indianer. Allerdings weckte ein Exot in unserer Straße auch mein Interesse: ein Jaguar E-Type. Er sah einfach so viel besser aus als der Käfer meines Vaters, aber Papas Auto hatte ein Schiebedach. Und ich liebte es, mit dem weißen Wolfsburger bei geöffneter Luke durch die Gegend gefahren zu werden.Trotzdem wollte ich noch lange nicht über Autos sprechen oder in Auto-Zeitschriften herumblättern. Immerhin, Spielzeugautos liebte ich, baute Rennpisten für sie in der heimischen Sandkiste oder verschliss sie gnadenlos am salzigen Ostseestrand. 

Erstkontakt mit dem Lenkrad auf dem Flugplatz

Schließlich kam die Mofa-Zeit, und sie ging spurlos an mir vorüber. Heimlich verachtete ich die dürrbeinigen Burschen auf ihren motorisierten Zwiebackfeilen, die ich locker mit dem Fahrrad versägen konnte, wenn der norddeutsche Gegenwind mir keinen Strich durch die Rechnung machte.

Mein Erstkontakt mit einem Auto-Lenkrad geschah ausgerechnet auf einem Flugplatz. Denn mit 16 Jahren wollte ich Segelflieger werden, und das Schleppseil unserer Flugzeuge zogen wir mit einem VW Käfer von der Winde zum Startplatz. Der Käfer hatte einen Haken auf dem Dach, da kam das Seil dran, und dann tuckerte ich mit etwa 25 km/h 800 Meter geradeaus über den Flugplatz zum Segelflieger. Was natürlich enorm langweilig war, aber es gab ja noch den Weg zurück zur Winde oder zur Flugzeughalle oder zur Tankstelle oder oder oder. Bald kam ich wegen des Autofahrens zum Flugplatz.

Mit 18 kaufte ich mein erstes Motorrad, eine Yamaha XT 250. Sie war nun nicht die Ausgeburt der Coolness, aber ein wirklich sehr lauter Auspuff sorgte für einen rockermäßigen Auftritt. Der erste Winter auf der kleinen XT zeigte mir dann zügig meine Grenzen auf. Es gab Wochen mit glatten Straßen, da lag ich häufiger im Graben als im Bett. Spiegel, Blinker und Lenker waren in dieser Zeit reine Verschleißteile. Der Rocker wurde weich und wünschte sich ein Auto, aber ich hatte kein Geld dafür. Erst im nächsten Herbst konnte ich mir eins leisten. Es war ein Käfer für 1.600 Mark mit frischem TÜV. Mit Emotionen hatte der VW-Kauf nichts zu tun; für ihn hatte ich mich entschieden, weil sich seine Kotflügel nach einem Unfall einfach abschrauben ließen und auf den Schrottplätzen tausende Teilespender warteten.

Käfer I entpuppte sich als Blender

Ich war dennoch stolz wie Bolle, denn der Wagen sah für Laienaugen super aus – typisch Verkaufslackierung eben. Tatsächlich war er eine Vollruine, schon bei leichtem Regen schwammen die Fußmatten auf. Jede Schraube, die ich lösen wollte, riss zuverlässig ab, so festgegammelt war alles. Meine Reparaturversuche stellten zwar eine annähernde Wasserdichtigkeit her, aber die ans rostige Blech genieteten Alubleche verbesserten den Zustand des Wagens nur kurzzeitig. Andererseits lernte ich schnell, wo ein Käfer Schwachstellen hat, denn meiner hatte sie alle, vermutlich sogar noch einige mehr.

Und dann traf ich ihn, den Käfer, den ich jetzt seit weit über 20 Jahren fahre. Ohne Kennzeichen und mit leichtem Kantenrost stand er am Straßenrand, ich klemmte meinen Kaufwunsch an den Scheibenwischer. Eine junge Frau verhökerte mir das Auto für 700 Mark – ich hatte sie knallhart von 800 heruntergehandelt. TÜV gab es keinen, dafür vier poröse Reifen, nicht bremsende Bremsen und total ausgefranste Sicherheitsgurte, aber sonst war dieser Käfer um Lichtjahre besser als mein erster, und fast alle Teile, die ich brauchte, um ihn zu tüven, lagen schon in Papas Keller. Ich war so im Glück, dass ich mir gleich noch einen Käfer vom Straßenrand anschaffte. Der war mit 150 Mark nicht wirklich teuer, hatte allerdings vorn links mit Schmackes eine Mauer geküsst, war also schlechter als Nummer zwei, aber mit den guten Teilen von Nummer eins problemlos wiederzubeleben, und schweißen konnte ich inzwischen auch. Ich tauschte ihn nur wenig später gegen einen Kübelwagen, der mich ohne zu mucken 3.500 Kilometer kreuz und quer durch Island kutschierte.

Volvo-Kontakt und Winterautos

Mein Studentenjob brachte dann etwas Abwechslung in das VW-Einerlei, ich konnte hier verschiedene Volvo-Dienstwagen fahren. In den 240ern fühlte ich mich sofort wohl, schließlich waren sie ebenso unaufgeregt wie meine VW, wirkten aber groß wie Lastwagen auf mich und waren unglaublich praktisch. Sie sprachen mich emotional allerdings ähnlich stark an wie ein Kühlschrank, was formal ja auch irgendwie passt. Selbst die 700er-Baureihe konnte das Feuer der Leidenschaft für Volvo nicht restlos entfachen, aber ich freue mich heute immer, wenn ich so einen alten Kämpen auf der Straße sehe.

Im Winter fuhr ich dann Audi 80. Er hatte mich 300 Mark gekostet, aber beim Reinigen des Innenraums fand ich elf Mark in Kleingeld. Außerdem war der Tank halbvoll, und im Kofferraum lagen neue Scheibenwischerblätter – offenbar ein Superkauf. Okay, dafür fehlte der rechte Scheinwerfer, aber wozu gab es Schrottplätze? Ich besorgte mir den zum Auto passenden Band der "Jetzt helfe ich mir selbst"-Reihe, und in den folgenden Wintern kaufte ich dann immer das passende Auto zum Reparaturleitfaden. Denn Käfer und Kübel wurden nun bei Frost nicht mehr gefahren, ich hatte eine Streusalzphobie entwickelt. Die behandelte ich mit den wassergekühlten Verschleißwagen, die sechs Monate Rest-TÜV haben mussten, selten mehr als 300 Mark kosteten und meist aussahen, als hätte ich sie für 200 bekommen. Sie haben mich nie enttäuscht, immer ans Ziel gebracht, wenn auch längst nicht immer im ersten Anlauf. Aber ich hatte inzwischen eine große Werkzeugkiste, stets einige Gebinde nur leicht gebrauchtes Motoröl dabei und kannte das Schrauberhandbuch kapitelweise auswendig.

Mit Panne zum Vorstellungsgespräch

Auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch bei der Motor Presse in Stuttgart im Passat Variant Baujahr 82 bin ich dann mal wieder liegengeblieben. Dabei war ich schon 740 Kilometer gefahren und hatte nur noch 40 vor mir, aber die ließen sich mit gebrochener Antriebswelle dann doch nicht auf eigener Achse meistern. Also trampte ich. Ein freundliches Paar im Peugeot 309 nahm mich mit, was kein Nachteil war, denn ich bekam den Job. Seither bin ich im Paradies für Auto-Enthusiasten angekommen. In den letzten 15 Jahren habe ich so ziemlich alles bewegt, was vier Räder hat, vom Ein- bis zum Zwölfzylindermotor reicht der Erfahrungsschatz. Ich bin mit weniger als Schrittgeschwindigkeit durch übelstes Gelände gekrochen und über das Highspeed-Rund von Nardo gedonnert, meist jedoch mit ganz normalen Brot-und-Butter-Autos auf der Straße unterwegs, was ich unter der Woche sehr schätze. Denn gewöhnlicherweise ist die Parksituation vor dem Kindergarten meines Sohnes so übel, dass ich mich dort mit einem Ferrari beim Rückwärts-Rangieren nur blamieren kann. Da ist mir ein Mini eben doch lieber.

Heute sitzt mein Junior bei mir im Käfer und freut sich, wenn wir mit aufgekurbeltem Dach durch die Gegend zockeln. Anders als einige seiner Kindergarten-Kumpels ist er kein ausgesprochener Autofan, aber ich habe da so meine Vermutung, dass sich das noch ändern könnte.

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