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Auto-Biografie Jens Katemann

Vier Ringe, Blitz und Scudetto

03/11 Auto-Biografie Jens Katemann, Audi 100 Spielzeugauto Foto: ams-Archiv 11 Bilder

Drei Generationen von Motorjournalisten schreiben ihre ganz persönliche Auto-Biografie. Bei Jens Katemann, Jahrgang 1974, begann alles in den frühen achtziger Jahren mit Autos im Miniaturformat.

24.03.2011 Jens Katemann

Mein Audi 100 Avant in Gold metallic hat, wenn auch schwer gezeichnet, als einziges Spielzeugauto die Sandkasten-Zeiten überlebt. Anfang der achtziger Jahre waren es vornehmlich Fahrzeuge der Marke mit den vier Ringen im Maßstab 1:55, mit denen ich Etappen der Rallye Monte Carlo nachfuhr. Vor unserer Haustür parkte nämlich ein Audi Coupé mit dem legendären Fünfzylinder unter der Haube. Mein Vater hatte dem Audi-Händler seines Vertrauens den Vorführwagen abgeschwatzt. So gehörten wir 1980 zu den ersten Kunden, die eine neue Ära bei Audi unter Mitwirkung von Ferdinand Piëch quasi live erlebten.

Meine Eltern hat das nachhaltig geprägt, sie haben die Automarke nie mehr gewechselt. Für meine Mutter, die gerne mit dem halben Hausstand verreist, will das wirklich was heißen, denn mit dem Audi Coupé ging es nur mit Plastiktüten statt Koffern in den Urlaub. Sein Gepäckabteil ist in etwa so zerklüftet wie der afghanische Höhlenkomplex Tora-Bora, in dem sich angeblich Osama Bin Laden versteckt. 

Auto-Start im Opel Kadett

Während mein Vater den Weg von Audi zur Premiummarke begleitete, startete meine Auto-Biografie nach dem Erwerb des Führerscheins im Herbst 1992 viel bescheidener zumindestens aus Sicht der Mädchen an meiner Schule. Denn während die coolen Jungs VW Golf II oder Mini fuhren, kutschierte ich die Weiblichkeit in einem dottergelben, von Beulen übersäten Opel Kadett C. Da mir für eine Restaurierung das Geld fehlte, kaufte ich mir einen dottergelben Lackstift, verpasste den angerosteten Stahlfelgen einen frischen Anstrich in Silber und rüstete einen tragbaren CD-Player nach, den ein Kabel mit dem Kassettenradio verband.

Doch die Schönheitsreparaturen änderten nichts am Underdog-Status. Erst im darauffolgenden Sommer erhielt der Kadett die Wertschätzung, die er verdiente. Da sein Kofferraum im Vergleich zum Mini gigantisch war, avancierte er zum bevorzugten Transportmittel für die Grillabende am Düsseldorfer Rheinufer. Und ich war nicht mehr allein: Ein Kumpel hatte ein hellblaues Exemplar geerbt.

VW Golf und Polo Automatik

Wegen seines üppigen Platzangebots fiel die Wahl auch auf den Kadett, als es darum ging, mit welchem Auto mein Freund Thorsten und ich in den Sommerferien die Herzen junger Italienerinnen zu erobern meinten. Nicht gerade das perfekte Aufreißer-Auto, aber die einzige Alternative war keine: Thorstens nahezu schrottreifer Käfer.

Es sollte eine heiße Tour werden allerdings nicht wegen der Frauen. Grund war vielmehr der gammelige Kühler, den wir zunächst mit voll aufgedrehter Heizung bei der Arbeit unterstützten. Kurz vor der Einfahrt in den Gotthard-Tunnel war der Siedepunkt aber erreicht. Da wir nur noch eine Flasche österreichische Kräuterlimonade übrig hatten, löschten wir den Kühler kurzerhand mit Almdudler ab. Mit Spätfolgen: Denn obwohl das klebrige Zeug auf dem Zeltplatz am Abend wieder gegen Wasser getauscht wurde, war der Kühler nach zwei Wochen so löchrig wie ein Schweizer Käse. Der Ersatz vom Schrottplatz war die einzig nennenswerte Reparatur in den drei Jahren, die ich Opel fuhr. Der Zuverlässige eben. Dennoch verscherbelte ich den Kadett, investierte mein Erspartes in einen Golf II, Sondermodell Memphis mit Schiebedach.

Die wahre automobile Offenbarung hatte ich aber erst nach dem Studium. Mittlerweile nannte ich einen roten VW Polo mit Automatik mein Eigen, den mir mein Onkel finanziert hatte. Die Automatik war quasi Bedingung, da er sich als Missionar des automatischen Gangwechsels verstand. Angesichts seiner Achtzylinder-E-Klasse war das nachvollziehbar, in dem 60-PS-Kleinwagen arbeitete der Viergang-Wandlerautomat aber, gelinde gesagt, nicht optimal. Ich verkaufte den Polo 2004 an einen Rentner und legte mir einen Alfa Romeo Spider, Baujahr 1989, zu. Gerade rechtzeitig, denn die Musik der achtziger Jahre feierte ein Comeback, und die Ächtung der Spider-Generation mit Gummilippe nahm spürbar ab.

Sandkasten-Legende selbst gefahren

Seit dieser Zeit schreibe ich auch über Autos, treffe auf meinen Reisen viele Menschen, für die ihr Fahrzeug mehr ist als ein Stück Blech mit vier Rädern. In Slowenien überraschte mich die nationale Identifikation mit einem formal gesehen eher langweiligen Kleinwagen wie dem dort gebauten Renault Twingo. In Italien waren es die offenen Liebesbekundungen für Ferrari, die mir ohne eine Spur von Neid vom Straßenrand aus übermittelt wurden. Und wussten Sie, dass die Finnen Elvis und US-Straßenkreuzer verehren?

Eine ganz besondere Begegnung hatte ich 2009 mit einem Ford Capri RS 2600. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Baureihe durfte ich das im Rennsport sehr erfolgreiche Topmodell fahren und nachempfinden, wie das damals mit einem deutschen Muscle-Car vor dem Eiscafé war. Nach dem Tag stand fest: Auf jeden Fall erfolgversprechender als im Kadett.

Den Ford Capri hatte ich ebenfalls als Modellauto, allerdings nach der Modellpflege 1978 und als Rennversion, wie ihn Klaus Ludwig 1981 beim Gewinn der Deutschen Rennsport-Meisterschaft fuhr. Oft habe ich ihn im Sandkasten gegen meine Audi Quattro antreten lassen.
Heute beobachte ich meinen gut ein Jahr alten Sohn Justus bei seinen ersten Modellauto-Touren durch unsere Wohnung. Und was soll ich sagen: Er hat Geschmack. Sein Liebling ist der avantgardistische Citroën C6, bei dem er allerdings bereits die beiden Außenspiegel abgefahren hat. Trotzdem: Die dunkelblaue Oberklasse-Limousine macht viel mehr her als mein Audi 100 Avant in Gold metallic.

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