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"Auto der Woche"

Mercedes SLR McLaren, der Widersprüchliche

Mercedes SLR McLaren Foto: Daimler 25 Bilder

Der Mercedes SLR McLaren hatte ein Problem. Er wusste nie, was er eigentlich sein wollte. Ein Rennauto für die Straße? Ein Grand Tourer mit Rennstreckenpotenzial? Er ist ein Sportwagen mit Widersprüchen - und gerade deshalb so faszinierend.

28.01.2014 Roman Domes

Es gibt Dinge, die passen partout nicht zusammen. Schnee und Sommer. Ein Mercedes-Luxuscoupé und ein McLaren-Supersportwagen. Aber Stopp! Gab es da nicht etwas? Richtig, es gab ihn einmal - den Mercedes-McLaren für Straße und Rennstrecke.

Mercedes SLR McLaren wurde von 2004 bis 2009 gebaut

Die Stuttgarter bauten gemeinsam mit ihrem damaligen Formel 1-Partner McLaren von 2004 bis 2009 einen Supersportwagen namens SLR. Es sollte die Krönung der Zusammenarbeit zwischen Mercedes und McLaren sein. Für Unwissende sah er aus wie ein getunter Mercedes SL, für eingefleischte Fans wie ein Formel 1-Renner im Zivilgewand.

Die Helden seiner Zeit steckten ihr Revier klar ab. Der Porsche Carrera GT versuchte erst gar nicht, Komfort zu buchstabieren. Der Ferrari Enzo wurde als puristische Fahrmaschine konstruiert. Beim Mercedes SLR McLaren schwankte man zwischen Super-Sport und Super-Komfort - war der Mercedes SL in der Basis doch eher ein Flanierer als ein ausgemachter Sportwagen, selbst in der AMG-Version. Dann tauchen auf einmal die Initialen SLR und der Name McLaren auf.

McLaren, das erfolgreiche Formel 1-Team und Konstrukteur des Extrem-Sportlers der 1990er-Jahre, dem McLaren F1. Dann SLR, das Kürzel des 1955 entworfenen Mercedes-Benz 300 SL in der Rennsportvariante. Vielversprechende Namensgebung also - und dazu beauftragte man McLaren mit der Umsetzung des kühnen Plans. Der Name Mercedes sollte aber eine prägende Rolle im Konzept spielen - und der Einfluss der britischen Truppe nicht Überhand gewinnen.

Außenhaut aus Kohlefaser, Lenkung aus der A-Klasse

Die Karosserie wurde vollständig aus Kohlefaser-verstärktem Kunststoff gefertigt. Auch das Chassis ist in weiten Teilen aus CFK geformt, damit wurde es besonders steif und leicht. Auf Luxusanspruch mit Verwöhn-Aroma wurde beim Fahrwerk verzichtet.  Die Ingenieure vertrauten an der Vorderachse auf klassische Doppelquerlenker. Verstellbare Dämpfer gab es nicht. Alles schien auf Sportlichkeit getrimmt zu sein, doch bei der Servolenkung leistete man sich den ersten Fauxpas: Weil keine passende Zahnstange vorhanden war, musste man mit dem Teil aus der A-Klasse Vorlieb nehmen. Technisch bedeutete das zwar keine Abstriche, es hatte aber einen etwas faden Beigeschmack.

Damit hatte der mit 435.000 Euro recht kostspielige Mercedes(-McLaren) Lenkungskomponenten aus dem billigsten Fahrzeug des gesamten Mercedes-Portfolios, abgesehen vom Smart. Im Test bei auto motor und sport im Jahr 2004 fiel die Lenkung durch indifferentes Verhalten auf - einerseits zwar direkt, andererseits nervös und ohne ausreichende Rückmeldung.

Undifferenziertes Lenkverhalten macht sich nicht gut in einer der geplanten Komfort-Zonen des in England per Hand gefertigten SLR – der Rennstrecke. Zwar scheinen Fahrwerk, Bremsen, Motor und Aerodynamik für eine schnelle Runde optimiert, es hapert bei der Essenz eines Sportwagens - dem Gewicht. Satte 1.747 Kilogramm bringt der Mercedes SLR McLaren auf die Waage. Und woher kommt’s?

Mercedes SLR McLaren wiegt 1.747 Kilo - trotz Leichtbau

An der Carbon-Außenhülle kann es nicht liegen, die ist 50 Prozent leichter als eine vergleichbare Bauweise aus Stahl. Die Dickmacher sind schnell gefunden. Mercedes wollte selbst bei einem Supersportwagen nicht auf den markentypischen Luxus verzichten - man hat ja eine überwiegend ältere, Komfort-orientierte Stammkundschaft.

Also setzte Mercedes-McLaren auf eine schwere und für Sportwagen antiquitierte Fünfgang-Automatik. Dazu gesellen sich in freudiger Masse noch elektrisch verstellbare Ledersitze, Klimaautomatik, Navigationssystem und jede Menge Airbags. Wobei Letztere natürlich der Sicherheit der Insassen dienen sollten und in die Rubrik "unverzichtbar“ fallen.

Monströser V8-Kompressor grollt schmutzig-schmetternd

Unverzichtbar bei einem Auto für fast eine halbe Million Euro - der Testwagenpreis betrug 2004 über 450.000 Euro - ist ein standesgemäßes Triebwerk. Der 5,4-Liter-V8-Kompressor stammte ursprünglich aus dem SL 55 AMG, wurde aber auf Trockensumpf-Schmierung umgestellt. Zusätzlich verbaute Mercedes-McLaren einen größeren Kompressor. Der zwackte aber dann wieder einen Teil der Motorleistung für den eigenen Antrieb ab - das zeigt, wie schwierig sich das Herausquetschen der nötigen Leistung gestaltete.

Insgesamt presste der Achtzylinder letztendlich 626 PS auf die Kurbelwelle - der SL 55 AMG kam auf bis zu 517 PS -, die wiederrum die Kraft an die Hinterachse transferierte. "Fantastische Fahrleistungen und grandiose Durchzugskraft" bescheinigte Tester Wolfgang König dem SLR. Durch den Einsatz eines Kompressors wird die Leistung relativ linear entfaltet, was der Fahrbarkeit im Grenzbereich zu Gute kommt - und dem Klang. "Inferno aus den Sidepipes beim Start, Leerlauf-Brabbeln im Country & Western-Style", so die schmückenden Worte beim Einzeltest.

War das Fahrzeug-Gesamtkonzept komplett durchdacht?

Unter Donnern und Kompressor-Schmettern geht es in 3,8 Sekunden aus dem Stillstand auf 100 km/h. Nach 11,3 Sekunden fällt die 200 km/h-Schallmauer, maximal stehen 334 km/h auf dem Tacho – der Mercedes SLR McLaren beschleunigt fast auf Porsche Carrera GT-Niveau. Das allerdings nur, wenn man es schafft, die Kraft auf den Asphalt zu übertragen. Das war mitunter nicht einfach, denn der SLR hatte kein Sperrdifferenzial an der Antriebsachse. Rundenrekorde waren somit außer Reichweite, die Konkurrenz aus Maranello und Zuffenhausen schneller.

Der Mercedes SLR McLaren ist ein komplexes Paradoxon, egal wohin man blickt. Abgrenzen wollte man sich vom SL, verbaute jedoch einen ähnlichen Innenraum und einen Motor, der auf einem SL-Aggregat basierte. McLaren stand im Namen und deutete auf Motorsport-Tauglichkeit hin. Pustekuchen. Die Keramik-Bremse war ebenso indifferent wie die Lenkung aus der A-Klasse.

Die Widersprüche machen den Mercedes SLR so faszinierend

Und in diesen Widersprüchen liegt das Faszinationspotenzial des Mercedes SLR McLaren - man kann sich wahrscheinlich auch auf dem Fahrersitz nicht ganz sicher sein: Fahr ich jetzt auf die Rennstrecke oder auf die Autobahn? "Der SLR kann beides - aber nichts davon richtig gut, für den Alltag ist er dennoch die beste Wahl", lautet das Fazit im auto motor und sport-Vergleichstest mit dem Porsche Carrera GT und dem Ferrari-Abkömmling Maserati MC12.

Der SLR wurde nach etlichen Streitigkeiten zwischen Mercedes-AMG und McLaren-Chef Ron Dennis eingestellt. Geplant waren einst 3.500 Exemplare, verkauft wurden nur 2.157. Auch Sonderserien wie der "722" (mehr Leistung) oder der Extrem-Roadster "Stirling Moss" (Sturmfrisur garantiert) verhalfen dem Gemeinschaftsprodukt aus Deutschland und England nicht zum gewünschten Erfolg. 2009 verließ das letzte Exemplar die heiligen Hallen. Ebenfalls bis 2009 fuhren die Partner Mercedes und McLaren gemeinsam unter dem Teamnamen "McLaren-Mercedes" in der Formel 1. Dann ging man getrennte Wege - Mercedes übernahm das BrawnGP-Team, McLaren behielt die Mercedes-Motoren.

Die Saison 2014 werden die Engländer noch mit Mercedes-Motoren bestreiten, dann wechselt man zu den Japanern von Honda. Es gibt eben auch Dinge, die nicht mehr zusammen passen.

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