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Auto-Fotokunst

Wochenlange Arbeit für einen Augenblick

Fabian Oefner, Mercedes Uhlenhaut Coupé Foto: Fabian Oefner 14 Bilder

Der Züricher Künstler Fabian Oefner nimmt Modellautos klassischer Automobile von Ferrari, Jaguar und Mercedes auseinander, fotografiert die Einzelteile und montiert daraus neue, spektakuläre Bilder von scheinbar explodierenden Oldtimern.

15.05.2014 Michael Orth

Die Stoßstange ist noch dran. Aber die Heckklappe des dunklen Jaguar E-Type hat es schon aus den Scharnieren gedrückt und die Scheibe aus dem Rahmen gehoben. Der Arm eines Wischers wirkt über die Dachlinie herausragend, als gehöre er tatsächlich an diese Stelle. Das rechte Hinterrad wird noch vom Zentralverschluss auf der Nabe gehalten, den vorderen Reifen jedoch hat es schon von der Felge und diese von der Radaufhängung gezogen. So verharrt der Jaguar in einem Moment zwischen Unversehrtheit und Auflösung, zwischen Gesamtheit und Einzelteil, zwischen Zerstörung und Zusammenfügung.

Oefner zerlegt Modelle von Auto-Kultklassikern in Einzelteile

Der scheinbar explodierende Jaguar E-Type ist das Werk des 29-jährigen Künstlers und studierten Produktdesigners Fabian Oefner aus Zürich. Der Schweizer beschäftigt sich seit seiner Jugend mit den ästhetischen und technischen Möglichkeiten der Fotografie. Ihn fasziniert die bildhafte Zusammenführung von künstlerischen und wissenschaftlichen Aspekten.

Für die Trilogie "Disintegrating" (auf Deutsch: Zerfall, Auflösung) hat er Modelle dreier Auto-Ikonen in Einzelteile zerlegt, in wochenlanger Detailarbeit abfotografiert, neu arrangiert und am Computer retuschiert, sodass sich sensationell neue Perspektiven auf drei Kultklassiker eröffnen.

Fliegt nun der Jaguar E-Type auseinander oder drängt es die Teile nicht sogar in die andere Richtung? Ist es Schwerkraft oder ist es Fliehkraft? Egal. Es wirkt magisch. Und niemand ahnt auf den ersten Blick, dass es sich "nur" um Modellautos handelt.

Wem geht nicht ein stilles "Ach du meine Güte" durch den Kopf, wenn einem Mercedes Uhlenhaut Coupé die Flügeltüren davonzuflattern scheinen, es die Scheinwerfer aus der Karosserie reißt und diese dann über fragmentierten Innenraum schweben? Wer versucht nicht, entlang unsichtbarer Linien die Teile des Mercedes wieder zusammenzufügen, um dem vermeintlichen Prozess von dessen Auflösung gedanklich entgegenzuwirken? Wer spinnt das Szenario der Explosion des roten Ferrari 330 P4 weiter, anstatt zum Ausgangspunkt seiner Disintegration zurückzukehren?

Die Magie der Einzelteile

Einmal abgesehen von blinder Zerstörungswut hat ja das Auseinandernehmen stets etwas mit dem Zusammensetzen zu tun. Man setzt sich mit etwas auseinander, indem man etwas auseinandernimmt. Weil man es analysieren, in seinem Aufbau und inneren Zusammenhalt verstehen will, und vielleicht möchte man auch der Beziehung der einzelnen Teile zur Magie und Schönheit des Ganzen auf die Spur kommen.

Er versuche stets, erklärt Fabian Oefner, Kunst und Wissenschaft in seinen Bildern zusammenzubringen, den eher emotionalen Ansatz des Künstlers und die kühle rationale Betrachtungsweise der Wissenschaft zu kombinieren. Diese Verbindung macht in den Bildern sichtbar, was uns sonst verborgen bleibt. "Gut gestaltete Autos", sagt Oefner, "üben auf mich eine magische Faszination aus." Jaguar, Mercedes und Ferrari führen uns in ihrer bildlichen Demontage nicht nur vor Augen, wie vielteilig und technisch komplex sie konstruiert sind.

Die Schönheit der Zerstörung

Auch machen sie gerade in ihrer teilweisen Zerstörung nicht allein ihre Schönheit und Besonderheit deutlich. Sie zeigen vielmehr, wie beides, technische Komplexität einerseits und Schönheit des Objekts andererseits, zusammenhängt, wie sie einander bedingen beziehungsweise sich gegenseitig hervorbringen.

Die Geschichte hinter Oefners spektakulärer Auto-Trilogie führt aber auch vor Augen, dass Kunst nicht immer nur Geistesblitzen entspringt, sondern bisweilen auch einem Marathon gleicht. Planung, Akribie und Durchhaltevermögen waren hier nötig, um am Ende den Bruchteil einer Sekunde bildlich festzuhalten.

Fragen an Fabian Oefner zu seiner Motivation und seiner Vorgehensweise.

Es geht um einen einzigen Moment. Um diesen sichtbar zu machen, brauchen Sie Tage, Wochen, Monate. Und dann doch nur eine Hundertstelsekunde. Oder nicht?

Oefner: Gerade dieser zeitliche Aspekt fasziniert mich bei der Arbeit. Ist es nicht ironisch, Tage und Wochen aufzuwenden, um einen Moment zu erschaffen, der nur eine Tausendstelsekunde dauert?

Warum Autos? Wieso nicht ein Küchengerät oder ein Mobiltelefon?

Oefner: Ich komme ursprünglich aus dem Produktdesign und habe lange mit Autodesign geliebäugelt, bevor ich mich für die Kunst entschied. Gut gestaltete Autos strahlen für mich eine magische Faszination aus. Außerdem ging es mir darum, der Magie dieser Meisterwerke des Autodesigns mit meiner seziererischen Arbeitsweise auf den Grund zu gehen.

Warum gerade diese Autos?

Oefner: Zum einen sind die drei Autos absolute Legenden des Automobildesigns, Meisterwerke, ästhetisch wie technisch brillant. Zum anderen faszinieren mich die Geschichten hinter diesen Fahrzeugen. Wie beispielsweise das Uhlenhaut Coupé, dessen Erfinder mit dem Fahrzeug die Strecke Stuttgart – München in etwas mehr als einer Stunde zurücklegte. Oder der Ferrari 330 P4, von dem nur drei Stück gebaut wurden und heute nur noch eines in der Originalkonfiguration existiert.

Woher stammt die Idee? Vielleicht Sprengzeichnungen aus alten Handbüchern?

Oefner: Meine Kunst dreht sich um das Verstehen von Zeit. Bereits in früheren Arbeiten habe ich dieses Phänomen anhand von Highspeed-Aufnahmen von Explosionen untersucht. Mich interessiert dabei vor allem, was in diesen kurzen Augenblicken passiert, die für das menschliche Auge nicht sichtbar sind. Während ich in vorherigen Werken real existierende Momente eingefangen hatte, ging es mir in dieser Arbeit darum, einen fiktiven Moment zu erfinden.

Ästhetisch sind die Bilder auch an Explosionszeichnungen angelehnt. Dies ist nicht ganz zufällig, da ich letztes Jahr einen Volvo P1800 restauriert habe und dabei in den Handbüchern auf viele solcher Zeichnungen gestoßen bin. Mich hat diese Ästhetik fasziniert, mit ein Grund, weshalb ich sie in den Bildern übernommen habe.

Wo und wie fangen Sie an, die Autos zu zerlegen? Gibt es ein System?

Oefner: Bevor ich die Modellautos auseinandernehme, überlege ich mir ganz genau, wie das fertige Bild später aussehen soll. Wie auf den Bildern zu sehen, sind die Modelle ja nur teilweise auseinandergenommen. Also muss ich im Vorhinein wissen, welchen Teil ich intakt lassen kann. Sobald ich die Skizze erstellt habe, fange ich an, die Modelle wie eine Zwiebel auseinanderzunehmen, angefangen von der Karosserie über Motor bis hin zu den kleinen Schrauben und Schellen, die Leitungen und Relais in Position halten.

Wie sehen Technik und Arbeit hinter der Magie aus?

Oefner: Ich fange jedes Bild mit einer Skizze an. Erst wenn ich mit dieser zufrieden bin, beginne ich mit dem Auseinandernehmen des Modells. Anschließend fotografiere ich jedes Teil einzeln in der bereits korrekten Position. Dabei entstehen Hunderte Aufnahmen. Die füge ich am Computer zusammen und retuschiere, bis das Ergebnis aussieht, als wäre es die Fotografie eines einzigen Moments.

Zur Person

Der Schweizer Künstler Fabian Oefner ist 29 Jahre alt. Er hat Produktdesign studiert und beschäftigt sich seit Kindertagen mit den ästhetischen und technischen Möglichkeiten der Fotografie. In seiner Arbeit versucht er, die künstlerische und die wissenschaftliche Sicht auf die Welt zusammenzuführen. So gelingen ihm besondere Bilder alltäglicher Phänomene, die sich normalerweise unserer Wahrnehmung entziehen. www.fabianoefner.com

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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