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auto motor und sport-Kongress

Mobilität der Zukunft

auto motor und sport-Kongress, Günther Oettinger Foto: Hans-Dieter Seufert 19 Bilder

Die zentralen Themen beim zweiten auto motor und sport-Kongress waren die Sicherheit der Energieversorgung und die Mobilität der Zukunft. Das entfachte in den Podiumsrunden lebhafte Diskussionen. Interessante Vorträge rundeten die Veranstaltung ab, die 400 Teilnehmer gespannt verfolgten.

05.05.2011 Brigitte Haschek

Der Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster rückte seine Stadt zum Auftakt ins rechte Licht: „Weltweit ist niemand so eng mit dem Thema Mobilität verbunden wie Stuttgart“, sagte er zur Einstimmung auf den auto motor und sport- Kongress. Die Stadt sei heute das führende Kompetenzzentrum für Mobilität. Es gelte, diese nachhaltig zu sichern und weiterzuentwickeln. Die Mobilität der Zukunft müsse wirtschaftsfördernd, umweltfreundlich und zugleich sozial verträglich sein.

EU-Energiekommissar Günther Oettinger überraschte das Auditorium mit einem leidenschaftlichen Rundumschlag. Scharf kritisierte er die Abschottung der Energiemärkte in Europa: „Wir haben Brücken über den Rhein zwischen Baden-Württemberg und Frankreich, können aber keinen Strom austauschen.“ Vehement plädierte der EU-Kommissar für eine Europäisierung der Energiepolitik, um die aus seiner Sicht gefährdete Versorgungssicherheit aufrecht zu erhalten. „Es droht sonst eine Spaltung der Gesellschaft aufgrund der Energiekosten.“ Oettinger trat auch der Kritik an der von der EU geplanten Kraftstoffbesteuerung nach Energiegehalt entgegen: „Der Vorschlag ist gerecht.“ Das Problem sei die deutsche Steuerwirklichkeit. „Deutschland muss die Benzinsteuer senken.“ Ansonsten käme es zur Dieselverteuerung und somit zur Gefahr für den modernen sparsamen Selbstzünder. Klare Worte fand Oettinger für die Pleite bei der E10-Einführung: „Das ist ein Musterbeispiel für ein verunglücktes Drehbuch.“ Zudem geißelte er die „negative Vorbildfunktion“, wenn Autos etwa bei der Polizei einem E10-Tankverbot unterlägen.

Während der Energiekommissar nach eigenem Bekunden „kein Problem mit dem Atomausstieg“ hat, stößt dies bei Linde-Chef Wolfgang Reitzle auf Skepsis. „Es ist überhaupt nicht klar, was der Ausstieg kostet und wie die Energiemengen ersetzt werden sollen“, sagte er in der ersten Diskussionsrunde, deren Themen Energieversorgung und Energiesicherheit waren. „Energiepolitik kann nicht ideologiegetrieben vorangebracht werden“, so der Linde-Manager. Die Konzeptionslosigkeit der Politik ängstige Bürger wie Industrie gleichermaßen. 

Planungssicherheit gefordert

Auch RWE-Manager Marcus Groll kritisierte mangelnde Konzepte. „Es fehlt eine langfristige Perspektive für die Planungssicherheit“, so Groll. Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur (dena), fordert ebenfalls durchdachte Langzeit-Strategien: „Wir können nicht erwarten, dass Nachbarn wie Frankreich Kraftwerksleistung zubauen, um uns zu versorgen.“ Aber auch dies würde nichts nützen ohne entsprechende Leitungskapazität. Laut einer dena-Studie müssen 3.600 Kilometer neue Verbundnetz-Trassen verlegt werden. „Der Netzausbau wird regelmäßig von Bürgerinitiativen torpediert“, sagte Marcus Groll. Einen Ausweg aus dem Dilemma mangelnder Leitungskapazität, die verhindert, dass auch Windstrom von Nord nach Süd gelangt, skizzierte dena-Chef Kohler: Aus dem Strom der Windkraft an der Küste erzeugt man dort Wasserstoff, der wiederum methanisiert und durch das flächendeckende Erdgasnetz weitertransportiert wird. Stichwort für Magna-Entwicklungschef Burkhard Göschel, der sich verwundert zeigte, warum Gas in der aktuellen Energiedebatte eine untergeordnete Rolle spielt. „Gas ist wieder im Kommen, auch im Automobil“, so Göschel.

Die Stadt prägt künftig das Auto

Nach der ernsten und sorgenvollen Debatte führte Jürgen Mayer H., Gewinner des Audi Urban Future Award, die Kongress-Teilnehmer in eine ganz andere, schöne neue Welt des Jahres 2030: die Stadt der Zukunft mit Autos, die von selbst fahren und sich programmierten Verkehrsregeln unterordnen, die Ampeln überflüssig machen. „Eine digitale Welle wäscht Städte und Straßen sauber und macht den Blick auf das urbane Umfeld wieder frei“, so seine Vision. Die Windschutzscheibe ist ein Touchscreen, der zeigt, was der Fahrer sehen will.

Warum ein Autohersteller einen Architekturpreis auslobt, mit 100.000 Euro sogar den höchstdotierten in Deutschland, das beantwortete Audi-Vertriebsvorstand Peter Schwarzenbauer: „Die Auseinandersetzung mit Architektur trägt neue Ideen in das Unternehmen“, sagte er. Nicht mehr das Auto dominiere künftig die Stadt, sondern die Urbanität präge die Mobilität. Und wie fahren wir nicht in ferner, sondern in naher Zukunft? In der zweiten Diskussionsrunde herrschte bald Konsens darüber, dass alle Antriebsarten je nach Einsatzzweck im Rennen sind. „Die Kunden wollen von uns keine Entschuldigung für Verzicht“, sagte Fisker-Chef Henrik Fisker. Er sieht eine große Zukunft für den Elektroantrieb mit Range Extender und setzt darauf. Markus Lienkamp, Leiter des Lehrstuhls für Fahrzeugtechnik an der TU München, vertrat die Auffassung, dass für Langstrecken der Verbrennungsmotor oder später die Brennstoffzelle die bessere Wahl sei. „In der Stadt dagegen können reine E-Autos mit 100 Kilometer Reichweite und 120 km/h Spitzengeschwindigkeit ihre Vorteile ausspielen“, sagte er. Michelin-Experte Gilles Colas des Francs betonte: „Wir entwickeln spezielle Reifen für diese Stadtautos der Zukunft, um weitere Verbrauchsvorteile zu realisieren.“ Audi-Entwicklungschef Michael Dick überraschte die Runde mit der Ankündigung, dass Audi ein Auto mit Brennstoffzelle entwickeln wolle, und kündigte an: „Wir werden den Gasantrieb mit höherer Priorität behandeln.“ Dick stellte CNG-Versionen in den Audi-Baureihen A3 und A4 in Aussicht.

Sichtlich bester Laune trat Daimler-Vorstandsvorsitzender Dieter Zetsche an das Rednerpult. Nachdem den ganzen Tag darüber debattiert worden sei, was komme, kündigte er an: „Ich will darüber reden, was bleibt.“ Das seien vor allem die Schwankungen, denen die Märkte weiterhin unterworfen blieben, auch wenn für 2011 Rekordabsatzzahlen erwartet würden. Die Automobilindustrie bleibe eine Wachstumsbranche. „Wenn das Auto ein Problem hat, dann seinen Erfolg“, witzelte Zetsche. Für den Daimler-Boss sind viele Optionen wichtig: Er lässt Elektroautos in Flottenversuchen laufen, hat den Hybrid bereits in der Serie, und drei B-Klasse-Modelle mit Brennstoffzelle sind gerade auf Welttour – 30.000 Kilometer in 125 Tagen.

Testfahrten mit Elektroautos

Ein Highlight des auto motor und sport-Kongresses war die Ausstellung „Autos mit alternativen Antrieben“. Führende Hersteller präsentierten umweltfreundliche Fahrzeuge mit Hybridantrieb, Brennstoffzellen oder reinem Elektroantrieb. So waren unter anderem der Audi E-Tron Spyder, der Mercedes SLS AMG E-Cell oder die B-Klasse F-Cell von Mercedes zu bestaunen. Auf einem Testparcours standen Elektrofahrzeuge für Probefahrten bereit. Antonio Garcia Decampo ist im Peugeot Ion unterwegs. Sein Fazit nach einigen Kurven: „Der Ion ist nicht so dynamisch wie der Mini E, fährt sich aber trotzdem ein bisschen wie ein Kart.“ Ein Elektroauto komme für ihn vorerst nicht in Frage: „Zum Einkaufen ist es okay, aber bei etwas längeren Strecken hätte ich immer die Blockade im Kopf – hält der Akku bis zum Ziel?“ Darüber muss sich Marietta Weiß noch keine Gedanken machen. Sie steigt gerade aus dem E-Smart und ist positiv überrascht: „Der fährt sich sehr angenehm, schön gleichmäßig. Aber man muss sich daran gewöhnen, dass es keine Motorgeräusche gibt.“ Wäre der E-Smart ein Auto für sie? „Als Zweitwagen ja, wenn später einmal das Geld dafür reicht“, sagt die junge BWL-Studentin. Michael Roy zeigt sich weniger begeistert: „Für die Stadt reicht der Smart aus, bietet aber null Fahrspaß. Der Mini dagegen ist sehr dynamisch, ein vollwertiges Auto, das richtig Spaß macht.“ Kein Wunder, schließlich leistet der Elektromotor im Mini E 204 PS. Michael Roy wäre bereit, bis zu 20 Prozent Aufpreis gegenüber einem herkömmlichen Mini zu zahlen. „Das ist mir die Umwelt schon wert“, sagt er. Auch Bäckermeister Roland Schüren ist vom elektrischen Fahren und Sparen begeistert. Allerdings ist für ihn der Smart „etwas schwach auf der Brust“. Privat käme ein Elektroauto für ihn durchaus in Frage, er wartet jedoch noch auf etwas anderes: „Wenn es die Sprinter-Klasse mal mit einem bezahlbaren Elektroantrieb gibt, würde ich so ein Fahrzeug für meine Bäckereien kaufen“, sagt Roland Schüren. Den Strom erzeugt der umweltbewusste Bäcker in Zukunft selbst – mit der Abwärme seiner Öfen.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft