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auto motor und sport-Kongress

Zukunftsmobiliät braucht festen Rahmen

Rinspeed Bamboo Foto: Hans-Dieter Seufert 22 Bilder

Geistig flexibel sein, das mussten die 400 Gäste aus Fahrzeug- und Energieindustrie, von Verbänden, Wirtschaft und Politik, als sie auf dem zweiten auto motor und sport-Kongress am 14. April 2011 in der Messe Stuttgart über die Mobilität von morgen diskutierten.

15.04.2011

Gleich als erster Redner "bedankte" sich EU-Energiekommissar Günther Oettinger in einer spitzen und sehr kenntnisreichen Rede bei den Automanagern für die "gelungene" Einführung des E10-Kraftstoffs und forderte von der Branche einen Neustart.

Anschließend gab es Schelte von Energiemanagern wie Linde-Chef Wolfgang Reitzle für die kopflose Energiepolitik der Bundesregierung, bevor der Architekt Jürgen Mayer H. den Blick auf den Verkehr der Zukunft in den Mega-Citys im Jahr 2030 lenkte.

Wasserstoff als Energiespeicher

Braucht man mehr Gas als Energieträger für sparsame Autos, wird sich das Elektroauto wirklich durchsetzen? Oder doch eher die Brennstoffzelle?  Die Antriebstechniken und die Energieträger der Mobilität von morgen waren schließlich das spannende Thema des Nachmittags. Insgesamt ein Kongress, dem es gelungen ist, einige Antworten zu geben. Die wichtigste: Das Elektroauto wird sicher nicht allein die Mobilität der Zukunft bestreiten. Viele Redner verwiesen darauf, dass Gas-Antriebe völlig unterbewertet sind und in Zukunft an Bedeutung zulegen werden. Das gilt insbesondere auch für die Brennstoffzelle. Denn Wasserstoff eignet sich ganz ideal, um ihn wie einen Speicher zu nutzen: Wasserstoff wird dann aus regenerativen Energien hergestellt, wenn diese mehr Strom produzieren als gebraucht wird.

Oettingers Paukenschlag am Morgen

Mit einer mutigen und zugleich humorvollen, frei vorgetragenen Rede brachte gleich am Morgen EU-Energiekommissar Günther Oettinger den Kongress in Schwung. Wer gedacht hatte, Oettinger würde erneut den Vorschlag der Kommmission kritisieren, Kraftstoff nicht mehr nach Volumen, sondern künftig nach Energiegehalt zu besteuern, der sah sich getäuscht. Obwohl Autoindustrie und Bundesregierung gegen den Vorschlag Sturm laufen, weil in Deutschland der Diesel-Kraftstoff im Gegensatz zu den anderen EU-Ländern subventioniert wird und damit den Absatz von Dieselautos fördert, stellte sich Oettinger hinter den Vorschlag. "Die Grundidee ist richtig. Es geht nicht um den Liter, sondern den Energiegehalt und die CO2-Emission als ergänzenden Faktor." Daraus ergebe sich, dass Diesel wegen seines höheren Energiegehaltes um 17 Prozent höher zu besteuern sei als Benzin. Oettinger: "Der Vorschlag der EU ist gerecht. Deutschland muss in der Benzin-Besteuerung runter, damit die Diesel-Besteuerung de facto nicht steigt."

Anschließend redete Oettinger den Automanagern wegen der verpatzten Einführung von E10 direkt ins Gewissen und forderte einen Neustart. "E5 ist seit Jahren in unserem Tank drin. Die Umstellung hat ohne Probleme geklappt, weil es damals klare Vorgaben gab, welches Modell und welches Baujahr E5. Das fehlt heute." Die Einführung von E10 sei ein Paradebeispiel, wie Industrie und Politik versagt haben. Die Autofahrer bräuchten nun klare Handlungsanweisungen. Dabei sei es "nicht hinnehmbar, dass öffentliche Autos wie die der Polizei die Anordnung haben, E10 nicht zu tanken."

Man kann auch mit Gas und Wasserstoff in die Zukunft fahren

Der angekündigte Atomausstieg Deutschlands war das beherrschende Thema des ersten Panels zum Thema Energieversorgung. Nach Gesprächen mit der Bundesregierung am Vorabend in Berlin zeigte sich besonders Linde-Chef Wolfgang Reitzle verärgert. "Es ist beängstigend. Da werden Atomkraftwerke abgestaltet, die 50 Prozent der Grundlast erzeugen." Dennoch gebe es überhaupt keine Strategie, wie diese Mengen ersetzt werden sollen. "Es gibt kein Konzept, das durchdacht ist." Es sei überhaupt nicht klar, was der Ausstieg kostet und wie die Energiemengen ersetzt werden sollen. "Es ist überhaupt nichts mehr durchdacht. Es gibt keine Planungssicherheit mehr, wir sind völlig verunsichert", so Reitzle. Die Industrie werde sich nun stärker in die Energiediskussion einmischen. Die sichere und bezahlbare Energieversorgung sei für den Industriestandort unverzichtbar. Die Bundesregierung forderte Reitzle auf, stärkeren Kontakt mit der Industrie zu suchen.

Auch der RWE-Manager Marcus Groll kritisierte, das Konzepte fehlen. "Es fehlt völlig die langfristige Perspektive", so Groll, der bei RWE den Bereich E-Mobility verantwortet. "Der kurzfristige Ausstieg geht so nicht, schon aus dem Grund der Versorgungssicherheit." RWE baue ein Kraftwerk für 50 Jahre, da brauche der Konzern Planungssicherheit.

Der Chef der Deutschen Energie-Agentur dena, Stephan Kohler, forderte ebenfalls Langfriststrategien. "Wir können uns nicht davon stehlen und erwarten, dass unsere Nachbarn wie Frankreich und Tschechien genug Kraftwerksleistung zubauen, um uns zu versorgen." Deshalb müsse Deutschland über Energie, Netzstabilität und Speicherkapazitäten sprechen.
Verwundert zeigten sich vor allem dena-Chef Kohler und Magna-CTO Burkhard Göschel, dass in der aktuellen Energiedebatte Gas eine so geringe Rolle spielt und alle auf das Elektroauto warten. Gas könnte in der Mobilität eine viel größere Rolle spielen, so Kohler. "Wir haben mit Erdgas einen Energieträger, mit dem gleichen Komfort wie Benzin. Wir begeistern uns aber für eine Technik, die noch nicht im Massenmarkt verfügbar ist."

"Gas ist wieder im Kommen, auch im Automobilbereich“, sagte auch Magna-CTO Göschel. "Bislang ist der Gasantrieb nur daran gescheitert, dass der Kofferraum mit dem Tank voll war." Das ändert sich dank neuer Tankarchitekturen.

Träumen während der Fahrt

Visionen waren dann die Sache des Architekten Jürgen Mayer H. und von Audi-Marketingvorstand Peter Schwarzenbauer. Mayer beeindruckte mit Worten und Bildern, in denen er führerlose Autos, die nur noch für ein Fahrt gemietet werden, durch die Mega-Citys rollen lässt, sich die Insassen die Stadt in Grün auf die Windschutzscheibe werfen lassen und Autos zum Kommunikationszentrum und Teil sozialer Netzwerke werden.

Visionen, die Schwarzenbauer überhaupt keine Angst machen. Auch in der Stadt der Zukunft werde das Auto seinen Platz haben, aber neue Funktionen bekommen. Es sei ein fruchtbarer Diskussionsprozess durch den Architektenpreis "Audi Urban Future Award" in Gang gekommen, deren erster Preisträger Jürgen Mayer H. ist. "Wir haben gedacht, wir bewegen uns mal in einer ganz anderen Welt." Und Schwarzenbauer hat aus der Diskussion schon eine wichtige Erkenntnis mitgenommen: "Wir sind gewöhnt, dass das Auto die Städte prägt. In Zukunft wird es umgekehrt sein."

Strom, Gas, Wasserstoff? Am besten alles auf einmal

Welche Antriebstechnik wird sich durchsetzen? Macht das Elektroauto den Durchmarsch? Auf keinen Fall, das waren sich die Experten am Nachmittag einig. Während Elektroauto-Pionier Henrik Fisker auf den Range Extender setzt, glaubt Audi-Entwicklungsvorstand Michael Dick an einen Mix: Erstmals kündigte er die Entwicklung eines Brennstoffzellenautos durch Audi an und glaubt zugleich an einer stärkere Bedeutung des Gasantriebs.

Für Prof. Markus Lienkamp von der TU München kommt vor allem in den Innenstädten das reine Elektroauto in Frage. Allerdings viel leichter und einfacher konstruiert als die jetzigen Prototypen der Autohersteller. Immerhin sind Elektroautos auch beim Unfall sicher, so Dekra-Vorstand Clemens Klinke. Dagegen muss Michelin dank des Elektroautos schmalere Reifen entwickeln – um Platz zu schaffen für die Batterien, so Michelin-Marketing-Direktor Gilles Colas des Francs.

Finale mit Zetsche

Als Erfinder des Automobils durfte schließlich Daimler-Chef Dieter Zetsche einen Ausblick auf die Zukunft des Autos werden. Und die sieht dank der Entwicklung in den Schwellenländern sehr gut aus. "Der Rest of the World wird das Center of the World." Langer Applaus war Zetsche sicher. Viel Stoff, den 400 Gäste des Kongresses beim anschließenden Get-together noch lange diskutieren sollten.

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