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Autobahn-Winterdienst

Unterwegs im Schneepflug

Winterdienst, Autobahn, Räumwagen Foto: Dino Eisele 10 Bilder

Alle freuen sich, wenn er leise rieselt. Aber sobald der Schnee auf der Straße liegt, kann ihn keiner mehr leiden. Ihn wegzuräumen ist ein Knochenjob. Ein Selbstversuch.

06.02.2013 Michael Orth

Der Schnee hatte in der Luft gelegen. Doch da würde er nicht bleiben, das war das Problem. Sie könnten ihn fühlen, sagen manche, ihre Knochen schmerzten oder juckten. Peter Szautner wusste, dass der Schnee kommen würde, und er wusste auch wann: nachts.
Der Mann verlässt sich nicht auf seine Knochen, er vertraut SWIS. Das Straßenwetter-Informationssystem liefert dem Einsatzleiter ein buntes Bild auf einen Bildschirm der Autobahnmeisterei Kirchheim/Teck. Blau bedeutet: Glättegefahr. Rot: Glättebildung. Violett: "Weltuntergang", sagt Szautner.

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Reportage Autobahn-Winterdienst Bahn frei
auto motor und sport 04/2013
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400 Kilometer Schneetreiben

Um sieben ist Schichtwechsel. Es ist kalt, dunkel, keiner spricht viel. An die 400 Kilometer sind sie in der Nacht gefahren, vor sich grell angestrahlt der Tanz tausender  Flocken, der Pflug kratzend auf dem Asphalt, und vom Kabinendach die orangefarbenen Blitze des Warnlichts, maximal Tempo 60. "Sechs Mal Kirchheim–Stuttgart und zurück, keine Pause, und dieser saublöde Schnee, der ist hinter dem Pflug gleich wieder da gelegen, bösartiger Schnee."

Bernd Nethings Augen erzählen die Geschichte der letzten Nacht, bevor er den Lkw für den Kollegen der Tagschicht vorbereitet. Zehn Mal stößt er die Schaufel des Radladers in den weißen Berg in der Halle nebenan, zehn Mal kippt er sie über dem Heck des Räumfahrzeugs ab. Zehn Tonnen Salz, dazu in Tanks fast 3.500 Liter Sole, um das Salz zu befeuchten, bevor der Streuteller am Heck es auf die Straße wirft. Fünf bis 40 Gramm pro Quadratmeter. Im Schnitt reichen rund 15, weil eine Wärmekamera die Fahrbahn-Temperatur misst und der Fahrer je nach Straßenzustand ein Streuprogramm einstellen kann.

Als sich Robert Wendling um halb acht mit drei Kollegen auf die A8 einfädelt, zeigt das Display eine Straßentemperatur von minus 3,5 Grad. Mit persönlicher Nummer hatte er sich in ein GPS eingeloggt, das aufzeichnet, wann er mit dem Räumfahrzeug wo wieviel streut, wie schnell er unterwegs ist und ob der fast vier Meter breite Front- und der 2,7 Meter breite Seitenpflug über die Straße schieben oder nicht. "Dann mal los", sagt Wendling und drückt gegen einen kleinen Joystick.

Allen friert das Hirn ein

Den 33-Tonner hebt es aus den Federn, als der fast zwei Tonnen schwere Frontpflug auf dem Asphalt aufsetzt und nach rechts eine graubraune Schneematsch-Fontäne spuckt. "Im Winter", sagt Wendling mit Blick in den Rückspiegel, "friert allen das Hirn ein." Was er damit meint, demonstriert ein Wagen, der links vorbeizieht, Wendlings Kollegen fast im Streuteller hängt, rüberzieht und sich zwischen den Streufahrzeugen durchdrückt. In schöner Regelmäßigkeit wird das so weiter gehen. "Saubere Straßen wollen alle. Aber warten will keiner. Und ein paar Kilometer weiter stecken sie in der Leitplanke."

Unterm Vorbau-Pflug springen orangefarbene Funken über den Asphalt, der Berufsverkehr verdichtet sich, und den drei Streufahrzeugen folgt eine Schlange aus Lichtern. Wendling erzählt die Geschichte von einem BMW. Der Fahrer hatte versucht, die Streufahrzeuge auf den letzten Drücker rechts zu überholen. "Dem haben sie später die Klumpen aus Matsch, Salz und Glassplittern aus dem Rachen geklaubt. Das Zeug hatte die Windschutzscheibe durchschlagen, flog durch den Innenraum bis ans Heckfenster."

Schon über 40 Unfälle rund um Stuttgart

Kann Wendling den Schnee leiden? "Ja", sagt er und lächelt. Auf Höhe des Flughafens Stuttgart ist die erste Tonne Salz draußen. Ihr Geruch mischt sich in die Luft, und auf den Lippen liegt ein Geschmack wie nach einem Tag am Meer. An den Spiegeln wachsen die Eiszapfen, bei Tempo 40 singt der Diesel leise vor sich hin. Madonna nicht. "Holiday", kräht sie aus dem Radio, "it would be so nice." Schon über 40 Unfälle um Stuttgart, Schnee im ganzen Land, "fahren Sie vorsichtig", bittet in flehendem Ton ein Moderator. Rechts drängt ein dunkle A3 auf dem Standstreifen vorbei.

Jeden Tag befahren etwa 140.000 Fahrzeuge zwischen dem Kreuz Stuttgart und der Anschluss-Stelle Mühlhausen die A8, um die sich die Autobahnmeisterei Kirchheim/Teck zu kümmern hat, mit Nebenstrecken fast 96 Kilometer. Seit 1937 in Betrieb, ist sie die älteste der rund 160 deutschen Autobahnmeistereien. Der Erste Hauptstraßenmeister Peter Szautner nennt sie "A-Emmen" und die Autobahn neben seiner Dienststelle eine "Hauptschlagader". Im Winter vor drei Jahren brachten Szautners Leute 3.800 Stunden in den Räumfahrzeugen zu, fuhren an die 100.000 Kilometer, streuten 7.600 Tonnen Salz und mischten mehr als 400.000 Liter Sole dazu.

Draußen rieselt es leise weiter. "Es geht heute morgen noch gut", befindet Robert Wendlinger, während der Streuautomat gerade die dritte Tonne Salz verschleudert hat. Zurück auf dem Hof der Autobahnmeisterei werden es genau 4.261 Kilogramm sein. Vier Schaufeln des Radladers voll, bevor Wendlinger sich wieder auf den Weg macht. Anschluss-Stellen, Standspuren. Zentimetergenau schiebt die Pflugschaufel an Katzenauge und Notrufsäulen vorbei.

"Hat man irgendwann im Gefühl", sagt er. "Du kennst dein Auto, kennst die Strecke, den Schnee." Und das Info-System weiß, wann und wo er runterkommt: flächendeckend in den nächsten Stunden. Viel Blau und Rot sieht Peter Szautner, als er den Bildschirm kontrolliert. Wären seine Leute nicht seit dem Vorabend ununterbrochen im Einsatz, käme eine andere Farbe: Violett. Der Weltuntergang. Auf den Straßen zumindest.

Wieso taut Salz Eis und Schnee?

Wasser gefriert bei null Grad. Die sonst locker umeinander tanzenden Moleküle verbinden sich zu einem festen Kristallgitter. Dessen Oberfläche bedeckt ein dünner Wasserfilm. Das Wasser spaltet Salz – Natriumchlorid – in positiv geladene Natrium- und negativ geladene Chloridionen, und an die binden sich die Wassermoleküle ihrerseits. So stört das Salz die Kristallgitterbildung, indem es Wassermoleküle – negativ geladener Sauerstoff, positiv geladener Wasserstoff – aus dem Gitter herauslöst und im Salzwasser bindet, das so entsteht. Dessen Gefrierpunkt liegt bei rund 21 Grad minus. Heißt einerseits: Die Straßen überfrieren so schnell nicht wieder. Andererseits: Fällt das Thermometer an die 21 Grad minus, richtet auch Streusalz nichts mehr aus. Bei einer Temperatur von minus zehn Grad braucht es 157 Gramm Salz, um eine Menge von 1.000 Gramm Eis zu schmelzen. Bei minus 15 Grad müssen schon 235 Gramm Salz eingesetzt werden, um das Kilo Eis zu tauen.

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