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Autoeinbruch Report

Diebstahl auf Bestellung

Diebstahl, BMW 420d, Autoeinbruch Foto: Beate Jeske 42 Bilder

Bei groß angelegten Raubzügen klauen Autoknacker teure Navis und Airbags auf Bestellung. Die Auftraggeber kommen meist aus Osteuropa.

25.08.2016 Luca Leicht 4 Kommentare

Beim Durchstöbern der Preislisten fällt auf, dass Navigationssysteme zu den teuersten Ausstattungsdetails gehören. Je nach Modell werden hier gerne mehrere Tausend Euro aufgerufen. Wer sich diesen Luxus nicht leisten möchte, wird auf dem boomenden Schwarz- und Gebrauchtmarkt fündig, wo organisierte Banden die Geräte illegal zu einem Bruchteil anbieten.

„Mit Kleinkriminalität hat das wenig zu tun. Die Geräte stammen meist von groß angelegten Raubzügen, bei denen die Täter in einer Nacht gleich mehrere Fahrzeuge aufbrechen, um Navigations- und Infotainment-Einheiten sowie Verschleißteile wie Airbags auszubauen“, weiß Erich Sturm vom Bereich Kfz-Kriminalität beim Bundeskriminalamt (BKA). Airbags seien gefragt, wenn es darum gehe, Unfallwagen wieder fit zu machen.

Viele Opfer trifft es mehrfach

Eines der Opfer ist Thorsten Treppe, dem die Diebe das Connected-Drive-Display samt Lenkrad-Airbag, iDrive und zentralem Steuerungscomputer im März 2015 aus seinem BMW 530d rissen und den Kabelbaum einfach durchschnitten. „Der Wagen hatte noch keine 5.000 Kilometer auf der Uhr, als die Kerle kamen und ich in der Nacht bei Freunden in Köln zu Besuch war“, berichtet Treppe. „Zum Glück haben sie meinen Haustürschlüssel nicht mitgenommen, der im Auto war. Der Schaden lag trotzdem bei rund 8.500 Euro.“ Vor wenigen Tagen wurde sein BMW erneut aufgebrochen. Dieses Mal, vor seiner Haustür, griffen die Diebe neben den bekannten Bauteilen auch beim Lunchpaket zu, das sich Treppe für die Dienstreise am nächsten Morgen vorbereitet hatte.

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Autoeinbruch Report Diebstahl auf Bestellung
auto motor und sport 15/2016
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BMW 5er ActiveHybrid 5Foto: BMW
Besonders beliebt: Das Connected-Drive-Navi des 5er BMW. Zum besseren Schutz verbaut BMW seit dem Facelift eine Alarmanlage in Verbindung mit dem großen Navi.

Dass es sich um organisierte Banden handelt, da ist sich Eric Sturm sicher. „Die Täter sind zunehmend professionalisiert, spezialisiert und agieren arbeitsteilig. Sie stehlen nicht mehr das, was ihnen in die Finger kommt, sondern suchen gezielt und schlagen dann zu. Daher ist es auch keine Seltenheit, dass Autobesitzer gleich mehrfach zum Opfer werden.“

BMW, Audi und Mercedes-Navis besonders beliebt

Zu den Opfern zählt auch Miriam Lück aus Hamburg. Ihr BMW 525d Touring, Modelljahr 2014, fiel den Dieben in den sieben Monaten zwischen Juni 2015 und Januar 2016 insgesamt viermal in die Hände. Das Vorgehen sei jedes Mal dasselbe, schildert sie: „Zuerst schlagen sie das hintere Dreiecksfenster der Fondtüren ein, um die Türe zu öffnen. Über die Rückbank klettern sie dann auf den Fahrersitz, und am Ende liegen die Zierleiste des Armaturenbretts auf den Rücksitzen, die Schrauben in der Rille des Beifahrersitzes, und in der Mittelkonsole und im Lenkrad klaffen riesige Löcher.“

Dass es sich hierbei nicht um Einzelfälle handelt, zeigt auch die Statistik des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Allein 2014 mussten die Versicherer in Deutschland 117.000 Teilentwendungen regulieren. Das sind zwar deutlich weniger als die Hälfte der Fälle im Jahr 2005 (279.000), damals betrug die durchschnittliche Regulierungssumme allerdings gerade einmal 885 Euro. 2014 lagen der Durchschnitt bei knapp 1.670 Euro und das Gesamtvolumen bei 195 Millionen Euro. „Häufig werden einzelne Bauteile oder Ausstattungen aus dem Ausland bestellt und hier in Deutschland gezielt gestohlen“, so BKA-Mann Sturm, „die Autoteile werden dann meist nach Polen oder Litauen verkauft.“

Dreistigkeit der Diebe kennt keine Grenzen

Wie dreist und abgebrüht die Diebe vorgehen, musste auch Daniela Laubinger feststellen, die ihr Auto mangels Garage auf der Straße im Hamburger Stadtteil Harvestehude für gewöhnlich direkt vor dem Reihenhaus abstellt. Im April 2015 verschafften sich die Diebe Zugang zu ihrem und fünf weiteren Audi A6, die in der Nachbarschaft parkten, um die Airbags zu stehlen. Keine zwei Wochen später schlugen sie bei drei Fahrzeugen erneut zu. „Es war unfassbar. Bis die Versicherung den Gutachter vorbeischickte und die Werkstatt die Reparatur vornehmen konnte, vergingen rund zwei Wochen, und keine 24 Stunden nach dem Einbau wurden mir die Airbags aus dem Lenkrad und der A-Säule schon wieder geklaut“, berichtet die zweifache Mutter. „Ich merkte es erst, als mein Mann mich auf dem Weg zur Arbeit fragte, ob ich es gestern nicht mehr zur Werkstatt geschafft hätte.“ Auf Anraten von Polizei und Versicherung ließ sich Daniela Laubinger nach dem zweiten Diebstahl die Fahrzeugschlüssel von der Werkstatt neu codieren. „Dass das auf lange Sicht wirklich hilft, glaube ich aber nicht. Beim ersten Mal kamen sie schließlich auch ins Auto“, bleibt sie skeptisch.

Da sich die Diebe beim BMW von Miriam Lück gewaltsam Zutritt verschafften, hätte diese Lösung nur wenig Erfolg versprochen. Ihr half stattdessen der nachträgliche Einbau der BMW-eigenen Alarmanlage mit Innenraumsensor für rund 1.000 Euro. Bis 2015 stand die Innenraumüberwachung noch mit rund 500 Euro in der Preisliste. Heute verkauft BMW das große Navi für 3.500 Euro im 5er nur noch mit dem Sensor, der unter dem Rückspiegel angebracht und so auch für die Diebe klar sichtbar ist. Ist der Innenraumsensor vorhanden, lassen sie die Finger weg, falls nicht, schlagen sie zu.

„Es ist schon dreist, was die Verbrecher da abziehen, ich denke aber, dass es ihnen BMW auch zu leicht macht. Ein Sicherheitssystem, das von außen erkennbar ist, macht alle anderen Fahrzeuge zur leichten Beute“, ist sich Thorsten Treppe sicher. Ob er die Alarmanlage nachrüsten will, weiß er noch nicht. Die Bananen aus dem Lunchpaket wären dann aber auf jeden Fall sicherer.

Hersteller ist in der Pflicht

Wer es mit organisierter Kriminalität zu tun hat, weiß, dass Verbrecher immer einen Weg finden. BMW beispielsweise muss sich aber die Frage gefallen lassen, ob es den Dieben nicht zu leicht gemacht wurde. Schließlich genügt ein Blick auf die Frontscheibe, um zu sagen, ob sich der Coup lohnt, denn dort notieren die Münchner „Connected Drive“, wenn die begehrte Technik verbaut ist, während für das geübte Auge direkt darunter der Innenraumsensor auszumachen ist. Was man BMW jedoch zugutehalten kann: In der aktuellen 5er-Generation wird das große Navi nur noch mit Innenraumüberwachung geliefert. Für viele Tausend Kunden, die noch das Vor-Facelift-Modell fahren, allerdings ein schwacher Trost.

In der Fotoshow finden Sie eine Übersicht über die meistgestohlenen Fahrzeuge in Deutschland (Quelle: GDV, 2014).

Neuester Kommentar

Ich selbst bin vor wenigen Wochen Opfer eines solchen Einbruchs direkt vor meiner Haustür geworden. Erwischt hat es einen BMW 325, 2014er Modell. Gestohlen wurden neben dem M-Lenkrad und dem großen Navi mit connected Drive auch sämtliche Innenverkleidungen vorn. Selbstverständlich wurde der Kabelbaum durchtrennt, Kosten für die Reparatur: ca. 14000€ plus die Nachrüstung einer Alarmanlage. Die Diebe gehen absolut professionell vor und kommen über die kleine Dreiecksscheibe im Fond in den Wagen: Scheibe eingeschlagen, Tür von innen geöffnet und dann durch den Innenraum nach vorne.

Ich frage mich nur folgendes: ich kann über mein Smartphone sehen, wo mein Auto steht und ihm von meinem Sofa aus ein Navigationsziel einprogrammieren. Ich kann das Auto mit der BMW App aus der Ferne auf- und zuschließen, sogar Hupen lassen. Das Auto erkennt über Sensoren im Sitz, ob jemand darin sitzt.

Aber all diese noch so intelligenten Spielereien werden nicht hellhörig und lösen auch keinen Alarm aus, wenn das Auto nach mehreren Stunden Standzeit mitten in der Nacht von innen geöffnet wird, obwohl das Auto ordnungsgemäß per Funkfernbedienung von außen verschlossen wurde und keiner der Sensoren im Sitz in den letzten Stunden einen übriggebliebenen Passagier registriert hat?

Auch ohne teure Alarmanlage hat ein moderner Wagen mittlerweile genügend Sensorik, um einen Einbruch zu registrieren. Intelligente Systeme sehen anders aus.

Zaphorg 26. August 2016, 15:25 Uhr
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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