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Autofriedhof in Australien

Rost in Peace

Flynn's Wrecking Yard,  Autofriedhof, Impression, Australien Foto: Dani Heyne 30 Bilder

Viele Schrottplätze haben wir besucht – aber keiner war wie dieser im Süden Australiens. Hier schlummern über 3.000 Klassiker der 30er- bis 60er-Jahre friedlich vor sich hin.

23.11.2015 Dani Heyne

Die Stimmung auf diesem Friedhof verzaubert. Keine Schrottpresse, die knarzt. Keine Blechsäge, die jault. Hier riecht es nicht mal nach Öl oder Benzin. Die Luft ist klar, der Blick reicht weit. Grashalme neigen sich im Wind, eine Schäferhunddame gähnt im Schatten eines Ford F-150. Sie und ein Typ im blauen Overall hüten über 3.000 automobile Schätze aus den 30er- bis 60er-Jahren, die auf einer Wiese friedlich eingeschlafen sind. Vor Jahrzehnten schon. Und seitdem in Zeitlupe auseinanderbröseln dürfen.

Für den vielleicht schönsten Autofriedhof der Welt gab es keinen Businessplan, keine zündende Idee. Er entstand zufällig – vor allem, weil Jim Flynn Anfang der 50er-Jahre in seinem schweren Dodge über eine Brücke schlitterte. Mit seinen Jazzband-Kumpels kam er diese eine Nacht von einem Auftritt in den australischen Snowy Mountains. Kurvte durch die wildromantischen Berge, wo sich New South Wales und Victoria aneinanderkuscheln. Wie jeden Winter lag reichlich Schnee, die Luft war kalt, die Straßen gefährlich glatt.

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Reportage Autofriedhof in Australien
auto motor und sport 21/2015
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Von Jazz, Blitzeis und Trauer

Jim hatte eine Melodie auf den Lippen, als er den Dodge über die glitzernden Straßen tänzeln ließ. Die Eisdecke einer Holzbrücke brachte ihn jedoch aus dem Takt, seinen Wagen aus Spur. Zwei Schlenker, ein Krachen, und alle plumpsten drei Meter tief in den Snowy River. Am Morgen danach waren die Brüche und Prellungen der Bandmitglieder behandelt, die zerbeulte Karosse auf die Wiese hinters Familienhaus geschleppt. Keine Woche der Trauer verging, da klingelte einer aus der Nachbarschaft und bot ein paar Dollar, wenn er seinen Schrotthaufen ebenfalls dort abparken dürfe. Nach zwei Wochen waren es fünf alte Kisten, zum nächsten Sommer schon zwei Dutzend.

Woher all die alten Autos kamen? Die australischen Snowy Mountains sind für drei Dinge bekannt: erstaunlich gute Skihänge, feinste Serpentinen und ein Hydro-Kraftwerk der Extraklasse: das Snowy-Mountains-System. Es war ein stattliches Bauprojekt, das 1949 startete und 25 Jahre andauerte. Bis heute zählt es zu den größten der Welt und versorgt mehrere australische Städte mit Naturstrom. Seit Baubeginn bereicherte das Projekt die Aussies auch kulturell. Denn die 16 Dämme und 225 kilometerlangen Tunnel der Aquädukte wurden hauptsächlich von Einwanderern gebuddelt.

Rund 100.000 Arbeiter aus 30 Ländern kamen und blieben. Kaum einer von ihnen hatte damals genug Geld für ein eigenes Auto – aber schnell war klar, dass sie in den rauen Bergen welche brauchten. Also legten sie zusammen und kauften sich im Team günstige Gebrauchte. Damals waren das müde Kisten aus den 30ern und 40ern. Meist Amis – groß, robust und einfach aufgebaut. Vier Besitzer pro Wagen waren damals keine Seltenheit, da man sich so auch die Zweimannzelte teilte. Während zwei ruhten und schliefen, fuhren die anderen beiden auf die Baustellen zum Schuften. Nach zwölf Stunden wurde wieder gewechselt.

Ein Postbote mit Alteisenfieber

An dem Punkt kommt Jim Flynn und sein Unfall mit dem Dodge ins Spiel. Er kannte all die Arbeiter. Er war ihr Postbote in den Bergen, besuchte sie regelmäßig. Plauschte mit ihnen. Wann immer eins ihrer alten Autos mit technischem K.o. liegen blieb, sagten sie Jim Bescheid. Zeit für große Reparaturen blieb ihnen nicht, daher kauften sie schnell was Fahrbares beim nächsten Gebrauchtwagenhändler – was meistens auch nur ein Jahr hielt.

So wuchs bei Flynns ein nicht geplanter Schrottplatz im Garten heran, der schon bald umziehen musste – aus Platzgründen. Jim Flynn kaufte dafür acht Hektar Land und verlagerte 1955 alle Schätzchen vier Kilometer westlich des Städtchens Cooma auf eine schöne Wiese. Noch im selben Jahr eröffnete er Flynn's Wrecking Yard.

Auf diesem Platz stehen wir heute – noch immer sprachlos und begeistert. Der Typ im blauen Overall stellt sich als Jims Sohn Wayne vor. Seit ein paar Jahren leitet er hier die Geschäfte. Jede rostige Schraube ist ihm vertraut, schließlich wuchs er hier auf, der Schrottplatz war sein Spielzimmer. Erst später hat er verstanden, warum sein Vater jeden Neuzugang dokumentierte: Baujahr und Modell, Grund für den Stillstand, besondere Merkmale. Ohne diese Aufzeichnungen würde man heute die meisten Modelle nicht mehr identifizieren können. Viele sind mit der Natur zu einem wunderschönen Rost-o-Rama verwachsen.

Eine Reise durch die Vergangenheit für zehn Dollar

Verkaufen wolle er die Autos nicht. An wen auch? Die Japaner seien vor ein paar Jahren über Australien geflogen und hätten nach großen Schrottplätzen gesucht – um anschließend alles Blech aufzukaufen und einzuschmelzen. Einige seiner Kollegen hätten damit gutes Geld verdient. Nur er nicht, er habe es nicht übers Herz gebracht.

Wenn ihn heute jemand überzeugen kann, er wolle einen der Oldies restaurieren, um damit später mal vorbeizuschauen, lässt er sich darauf ein. Doch das kommt selten vor. Dafür steht fast täglich jemand vor dem Eisentor und möchte eine Reise durch die Vergangenheit antreten. Für zehn Dollar lässt Wayne ihn dann durch die Reihen laufen und die alten Karossen streicheln. Vielen Besuchern geht es wie uns: Sie haben dabei Tränen in den Augen. Vor Freude.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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