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Automarkt Brasilien

Der Markt wird zum Prüfstein

Bernd Ostmann Foto: auto motor und sport 50 Bilder

Bernd Ostmann über den schwächelnden brasilianischen Automarkt und die Rückkehr deutscher Hersteller.

08.07.2014 Bernd Ostmann

Die Schwäche kommt äußerst ungelegen. Jahrelang wuchs der brasilianische Automarkt. Jetzt, wo alle Welt im Fußball-Fieber nach Brasilien schaut, fällt er zurück, leistet sich im März sogar ein Minus von 15,2 Prozent. Schuld sind Steuererleichterungen, die weggefallen sind. Schuld sind aber auch die pflichtgemäße Einführung von ABS und ESP, was die Preise nach oben treibt. Die Reaktionen auf die Marktdelle bleiben nicht aus. General Motors drosselt die Produktion und entlässt 1.000 Arbeiter. Volkswagen, von Rang zwei auf drei abgerutscht, schickt 900 Arbeiter zeitweise nach Hause. Dabei sind die Probleme beim Brasilien-Veteran VW, der bereits 1959 seine erste Fabrik im Land baute, eher hausgemacht. Gerade hat man den VW-Bus eingestellt. Und der Gol, von dem bislang sieben Millionen Einheiten gebaut wurden und der für Thomas Schmall, den Präsidenten von VW do Brasil, "ein Stück Brasilien ist", gerät durch die internationale Konkurrenz immer stärker unter Druck. Waren es 1992 noch fünf lokale Hersteller, so sind es 2013 schon 16. Früher hatten die Brasilianer 25 Modelle zur Auswahl, heute sind 220 Modelle im Markt.

14 Milliarden Euro für neue Werke

Die kleine Marktdelle scheint die Euphorie für das südamerikanische Land aber nicht einzubremsen. Im Gegenteil: Nahezu alle Hersteller bauen ihre Kapazitäten aus oder bauen neue Werke. Bis 2017 sollen in Brasilien über 14 Milliarden Euro investiert werden. Volkswagen ist mit 3,4 Milliarden Euro einer der Hauptinvestoren.

Aber auch BMW-Vertriebschef Ian Robertson erklärt: "Brasilien ist für die BMW Group ein Markt mit großem Zukunftspotenzial, daher bauen wir unser langfristiges Engagement dort aus." Audi-Chef Rupert Stadler unterstreicht: "Brasilien ist eine Riesenchance." Und auch Mercedes möchte sich diese Chance nicht entgehen lassen und investiert 170 Millionen Euro in ein neues Werk, in dem ab 2016 die C-Klasse und der GLC vom Band laufen sollen. Darüber hinaus gab Mercedes-Chef Dieter Zetsche bekannt, dass man über eine zusätzliche Fabrik für die A-Klasse nachdenke. Möglicher Standort: China – oder Brasilien. Woher nehmen die Hersteller ihren Optimismus? Wir erinnern uns: Audi und Mercedes haben schon einmal in Brasilien produziert. Audi ab 2006 den A3, Mercedes ab 2005 die A-Klasse. Und beide haben die Produktion nach fünf Jahren (Mercedes) und acht Jahren (Audi) wieder eingestellt.

Und was hat sich seither geändert? 2013 wurden in Brasilien 3,5 Millionen Autos verkauft. 2020, so die Prognosen, sollen es 4,2 Millionen sein. "Brasilien gehört weltweit zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften und bietet als Markt ein enormes Potenzial für die Zukunft", erklärt Ludwig Willisch, BMW-Chef in Amerika. 2013 wurden in Brasilien gerade mal 30.000 Luxusfahrzeuge abgesetzt. Trotzdem investiert Audi 170 Millionen Euro in den Ausbau einer bestehenden VW-Fabrik, wo ab 2015 A3 und Q3 gebaut werden sollen. "Wir wissen, dass der Markt für Luxusfahrzeuge in Brasilien klein ist, aber wir glauben, dass er bis 2020 um 170 Prozent wachsen wird", sagt Audi-Boss Stadler. Und: "Wir verfolgen auch in Brasilien das Ziel, das Premiumsegment anzuführen."

Lokale Produktion spart Steuern

Auch Jaguar Land Rover möchte sich ein Stück vom Premiumkuchen sichern. Die Briten investieren mit indischer Hilfe 290 Millionen Euro in ein neues Werk. Und Fiat, mit einem Marktanteil von 22,6 Prozent Primus in Brasilien, will mit seiner Premiummarke Jeep punkten. 2013 hat man gerade mal 27.000 Einheiten abgesetzt, bis 2018 will man auf 200.000 Stück kommen. Der neue Renegade, der ab 2015 lokal in Brasilien produziert wird, soll helfen, dieses Ziel zu erreichen. "Investments in lokale Produktion werden uns helfen, die Entwicklung der Marke in Asien und in Lateinamerika zu beschleunigen, wo es klar das größte Potenzial für Wachstum gibt", erklärt Fiat-Chef Sergio Marchionne.

Mit einer Einfuhrsteuer von 30 Prozent zwingt Brasilien Autohersteller zur lokalen Produktion. Und dort treffen sie mit ihren Investitionen auf neue Konkurrenten. Die Chinesen haben Brasilien längst als Absatzmarkt entdeckt. Geely ist schon da, Chery baut ein neues Werk, BYD hat den Bau eines Werks angekündigt. Und selbst JAC, der siebtgrößte chinesische Autobauer, will in einem neuen brasilianischen Werk jährlich 100.000 Fahrzeuge produzieren. Das Geschäft wird dadurch nicht einfacher. Brasilien wird zum Prüfstein. Schließlich geht es um die Nummer-eins-Position – im Fußball wie im Autogeschäft.

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