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Automarkt Essen

Aus weiter Hand

Foto: Beate Jeske 9 Bilder

Sie kommen aus Kasachstan, Portugal, der Türkei oder Bottrop: Bis zu 4.000 Besucher treffen sich jeden Samstag am Autokino im Essener Stadtteil Bergeborbeck und feilschen um den besten Preis auf Europas größtem Gebrauchtwagenmarkt.

19.02.2008 Jörn Ebberg

Es wird nicht mehr lange dauern, und die beiden gehen aufeinander los. Viel scheint jedenfalls nicht mehr zu fehlen. Kemal, der Deutschtürke aus Bottrop, hat schon einen hochroten Kopf und gestikuliert wild. Als wolle er sich zusätzlich Luft verschaffen, schiebt er seinen Hut in den Nacken, bis die Krempe auf dem Kragen seines Mantels sitzt. Doch sein Gegenüber ist nicht weniger hartnäckig. Es ist Samstagmorgen, kurz nach halb zehn auf Europas größtem Gebrauchtwagenmarkt in Essen-Bergeborbeck, und der Handel bereits in vollem Gange.

Der kommt noch mal wieder

Kemal will seinen anthrazitfarbenen Mercedes C 200 loswerden, und der Beamte aus Köln will ihn haben - soweit besteht Einigkeit. Nur der Preis ist dem einen zu hoch und dem anderen zu niedrig. Szenen wie diese spielen sich auf dem Platz des Autokinos zwischen Stadion und Hafengebiet ständig ab.

"Ich gebe Ihnen 7.000 Euro." - "Das geht nicht, da zahle ich jadrauf", meint Kemal entzürnt. Längst hat sich um die Streithähne imSchatten der riesigen Leinwand eine Menschentraube gebildet. Jeder willwissen, ob sich die beiden einigen - und vor allem wie. "Das Auto istniemals 10.000 wert", erwidert sein Gegenüber. "Hallo! Der hat ABS,Klimaanlage und Alufelgen. Was willst du mehr?" preist Kemal in leichtgebrochenem Deutsch die Vorzüge seines Mercedes. "Dann behalten Sieihn. Das ist mir zu teuer." Der Mann dreht sich auf dem Absatz um undgeht. Einen Moment lang herrscht Ruhe, betretenes Schweigen, bis Kemaldie Fassung zurückgewinnt. "Der kommt noch mal wieder", ist er sichsicher, während sein Gesicht eine normale Farbe annimmt.
So sicher ist das allerdings nicht, denn die Auswahl an Gebrauchtwagen istin Essen so groß wie nirgendwo sonst. Jeden Samstag werden bis zu 2.500Autos hierhergebracht - Autos aller Klassen, von der S-Klasse bis hinzum 2 CV. Begutachtet werden sie wöchentlich von zirka 4.000 Besuchernaus ganz Europa, die teilweise mehrere tausend Kilometer Anreise aufsich nehmen, nur um in Essen ein Auto zu kaufen. Wie Jorge, der über2.000 Kilometer aus Portugal zurückgelegt hat. Oder Alexeij ausKasachstan und Mehmet aus der Türkei. Vollständige Namen erfährt manhier allerdings nur selten, und das hat seinen Grund.

Große Menschenansammlungen mit Leuten aus den unterschiedlichsten Ländern bekommen leicht einen merkwürdigen Beigeschmack. Sie wirken schnell zwielichtig, erst recht, wenn es um gebrauchte Autos geht. Kann es dabei mit rechten Dingen zugehen? Es kann, obwohl das nicht immer der Fall war.

Polizei brachte wieder Ordnung

Anfang der neunziger Jahre erlebte der Gebrauchtwagenmarkt in Essen schwere Zeiten. Als der Eiserne Vorhang fiel, kamen immer mehr Osteuropäer. Die Kapazität war schnell erschöpft:

Autos verstopften die umliegenden Straßen, Menschen campierten in den Vorgärten der Anwohner, und der illegale Handel mit geklauten Autos und Zubehörteilen boomte. Erst eine Ordnungspartnerschaft, gebildet aus dem Veranstalter - der Autoprivat GmbH aus Starnberg -, der Stadt Essen und der Polizei, brachte wieder Ordnung nach Bergeborbeck. Und noch heute sind verdeckte Ermittler der Einsatzgruppe "Autokino" regelmäßig auf dem Markt unterwegs.

Doch nicht bei allen Besuchern löst das ein beruhigendes Gefühl aus. "Das ist nicht meine Welt hier. Da zahle ich lieber mehr und gehe zum Händler", gesteht ein Besucher aus Bergkamen. Für Kemal, der dieses Gespräch zufällig mitbekommt, ist das unverständlich. Er mag das Feilschen um jeden Cent und die vielen verschiedenen Menschen und Kulturen, die in Essen zusammentreffen. Dass er gegen Mittag den Preis seines Mercedes um 500 Euro heruntersetzt, gehört zum Kalkül. "Ihr werdet sehen, den verkaufe ich noch", gibt er sich weiterhin optimistisch.

Begründet ist seine Zuversicht nicht so ganz, wenn man bedenkt, dass die Situation auf dem generellen Gebrauchtwagenmarkt durchwachsen ist. Nach Angaben der Marktbeobachter von DAT ist die Zahl der Umschreibungen bis Ende September dieses Jahres um fünf Prozent rückläufig.

Für Essen gelten aber eigene Regeln. Laut Veranstalter liegt die Verkaufsquote bei etwa 40 Prozent. Wer seinen Gebrauchten über das Internet nicht los wird, kommt hierher. So auch Hans- Werner und Silke aus Bochum. Das junge Paar hat sich mit seinem Alfa in der Nähe eines türkischen Imbisses aufgestellt. Kein schlechter Platz, denn Dönerfleisch lockt hier mehr Leute an als deutsche Bratwürstchen am Stand gegenüber. Laufkundschaft ist damit garantiert. Einzig der Preis könnte abschrecken. Für den roten 147 mit Autogas-Umrüstung wollen die beiden 14 500 Euro haben. "Unsere Schmerzgrenze liegt bei 13.000 Euro", sagt Silke und stellt sich auf harte Verhandlungen ein. Erfahrung im Autoverkauf haben beide nicht.

Wir haben so gut wie alles im Angebot

Weil das vielen so geht, stehen auf dem Gelände einige Büro-Container als Anlaufstelle für Verkäufer. Mitarbeiter des Marktes füllen hier auf Wunsch den Kaufvertrag bei Vorlage aller Papiere unterschriftsreif aus. Und wenn der Verkauf vollzogen ist, kann das Auto selbst samstags an Ort und Stelle abgemeldet werden.

Dabei hilft die Firma Leckebusch, die sich als Schnittstelle zwischen Käufern und städtischer Zulassungsstelle sieht. "Erklären Sie mal einem Georgier unsere Bürokratie", sagt Carsten Kunick. Leckebusch beschäftigt 30 Dolmetscher, die viele Sprachen beherrschen. "Wir haben so gut wie alles im Angebot. Auch Russisch, Türkisch, Portugiesisch." So sind Abmeldungen und Kurzzulassungen schnell erledigt oder internationale Kennzeichen beantragt. Dabei kontrollieren die Mitarbeiter die Fahrgestellnummern und arbeiten eng mit der Polizei zusammen.

Auch Kemal nimmt die Leistungen von Leckebusch in Anspruch. Es ist 17 Uhr, kurz vor Toresschluss, und er hat seinen Mercedes endlich verkauft. "8.500 Euro hat mir ein Pole geboten", der ihn gerade abmeldet, um sich dann mit einem Autotransporter auf den Weg in die Heimat zu machen. Damit sind beide zufrieden. "Nächsten Samstag schaue ich mich hier nach einem neuen Auto um", strahlt Kemal. Er freut sich schon aufs Feilschen.

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