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Mercedes-Benz Future Bus

So fährt der autonome Mercedes-Bus

Mercedes Benz Future Bus autonomes Fahren Foto: Torsten Seibt 33 Bilder

Weltpremiere für den Stadtbus der Zukunft: Mercedes zeigt einen Technologieträger, der selbstständig im Linienverkehr läuft. Wir sind schon mal eingestiegen.

19.07.2016 Torsten Seibt 4 Kommentare

Bus fahren, ganz besonders mit einem Linienbus, hat üblicherweise den Coolness-Faktor eines Costa-Cordalis-Konzerts. Man übersteht es zwar, ist aber nicht wirklich auf eine Wiederholung erpicht. Mit dem neuen Mercedes-Benz Future Bus sieht das allerdings ein bisschen anders aus. Der Technologieträger, mit dem Mercedes in Amsterdam Weltpremiere feierte, soll die gar nicht mehr so ferne Zukunft im Personennahverkehr darstellen.

Mercedes Future Bus
Autonomer Linienbus vorgestellt 2:50 Min.

Autonomes Fahren im Bus

Der Mercedes-Benz Future Bus basiert auf der aktuellen Generation des Citaro (bis zu 394 PS), diese Baureihe hat Mercedes seit 1997 am Start, die zweite Generation kam 2011/12. Der Mercedes-Benz Future Bus benutzt die 12-Meter-Variante des Citaro, ist designtechnisch allerdings gewaltig aufgepeppt. Eine riesige Frontscheibe mit blechgewordener Elvis-Tolle, Dachstufen vorne und hinten, die von den Seitenfenstern mitverfolgt werden.

Im Inneren: Lounge-Charakter mit lässigen Kunststoff-Sofas, Lichtspiele und große Monitore – das könnte auch ein Apple-Store sein.

Der eigentliche Clou des Mercedes-Benz Future Bus ist allerdings seine Fähigkeit, autonom zu fahren. Und zwar im regulären Fahrgastbetrieb, also auch mit Anfahrt einzelner Haltestellen, Zu- und Ausstieg. Diese Fähigkeit hat der Mercedes-Benz Future Bus jetzt erstmals in Amsterdam vorgeführt. Dort befindet sich die längste sogenannte Bus Rapid Transit (BRT)-Strecke Westeuropas, die auf 38 Kilometer Länge den internationalen Flughafen Schiphol mit der Stadt Amsterdam verbindet.

Mercedes-Benz Future Bus

Solche BRT-Strecken werden von Verkehrsexperten als eine mögliche Lösung für den Metropolverkehr der Zukunft gesehen, sie vereinen mit ihren separaten Fahrspuren die Geschwindigkeitsvorteile des Schienenverkehrs mit den geringeren Kosten der Busse. Für den Mercedes-Benz Future Bus ist seine Fähigkeit, bis zu 20 Kilometer vollkommen autonom zu fahren, dennoch eine Herausforderung. Zehn Kamerasysteme scannen den Verkehr rund um das Fahrzeug, dazu ist ein Fernbereichsradar mit 200 Meter Reichweite an Bord.

Vier Nahbereichsradarsensoren, Spurkameras, Rückspiegelkameras haben jeden Winkel rund um den Bus im Auge. Beschleunigt, gebremst und gelenkt wird komplett automatisch. Der Mercedes-Benz Future Bus fährt dabei zentimetergenau an Haltestellen vor und kommuniziert mit Ampelanlagen auf der Strecke.

Mehr Fahrkomfort und Sicherheit

Mercedes sieht im autonomen Antrieb auch einen Komfortvorteil, der Bus fährt durch seine intelligente Steuerung „vorausschauender“ und ruckfreier, als es ein menschlicher Pilot ermöglichte. Mit bis zu 70 km/h kann der Mercedes-Benz Future Bus dabei unterwegs sein. Der Fahrer dient dabei als Aufpasser: Bei Gegenverkehr muss er das Lenkrad übernehmen, ansonsten stets eingriffsbereit sein.

Zur zentimetergenauen Positionsbestimmung dienen neben dem GPS und den Spurkameras vier weitere Kameras, die seitlich montiert die Umgebung abscannen und mit gespeicherten Bildern vergleichen. So kann der Bus auf acht Zentimeter genau gesteuert werden und das auch in Tunneln, wo keine GPS-Verbindung möglich ist. Laut Mercedes lässt sich der Future Bus damit exakter manövrieren als von Hand.

So fährt der Future Bus

Um das unter Beweis zu stellen, ließ man uns schon einmal einsteigen und mitfahren. Rund 20 Kilometer aus der Stadt heraus in Richtung Flughafen. An die BRT-Haltestelle zum Einstieg fährt der Mercedes Future Bus noch manuell gesteuert und macht schon mal deutlich, was der Computer besser kann: Rund 30 Zentimeter steht der Bus vom Einsteigebereich entfernt.

Die Amsterdamer BRT-Strecke macht dabei schon auf den ersten Metern klar, wo der Vorteil des Konzepts liegt. Es funktioniert so einfach wie eine U-Bahn, ähnlich schnell getaktet (in Peak-Zeiten kommt alle fünf Minuten ein Bus), aber an der frischen Luft und nicht im miefigen Tiefparterre. Wie Bahnsteige sind die Einsteigebereiche erhöht, um die Fahrbahn abzugrenzen und das Einsteigen zu erleichtern.

Schicker Innenraum

Der Innenraum erinnert in keiner Weise an die üblichen Linienbusse mit vandalismussicheren Plastikstühlen und einem Geruchsmix aus nassem Hund und alter Zeitung. Der Einstieg läuft über zwei Doppeltüren in der Busmitte sehr bequem, direkt dahinter steht das Terminal zum Fahrscheine lösen – auch wenn wir diesmal ganz legal schwarzfahren. Gegenüber die beiden großen Info-Bildschirme, aktuell mit Bildern und Videos zum Bus bestückt, hier könnten auch News und Kurzfilme laufen.

Kurz nach der Abfahrt drückt der Fahrer den Schalter, damit der Computer übernimmt. Die Innenraum-Ambientebeleuchtung schaltet von einem cremigen weiß auf blau um, signalisiert so den Autonom-Modus. Und man merkt: nichts. Sieht man von dem im ersten Moment etwas beunruhigend wirkenden Bild des Fahrers ab, der seine Arme entpannt auf die Lehnen gelegt hat, ist zu einer normalen Busfahrt kein Unterschied bemerkbar. Allenfalls, dass es wie bei einem guten und ausgeruhten Fahrer sehr flüssig und ohne hastige Brems- oder Beschleunigungsmanöver läuft.

Daimler-Mitarbeiter als freiwilliger Crashtest-Dummy

An einer Haltestelle läuft ein Daimler-Mitarbeiter kurz nach der Abfahrt unmittelbar vor den Bus, der bremst augenblicklich zum Stillstand. Die Entwickler sind sich ihrer Sache sicher: „Das funktioniert schon, der Kollege hat das schon öfter gemacht und wir haben nur den einen, der sich freiwillig gemeldet hat“.

Leichte Zweifel gab es zuvor an der Kapazität des Future Bus, die luftig verteilten Designermöbel bieten insgesamt nur rund 15 Sitzplätze. Doch letztendlich passen gut 30 Passagiere hinein, diejenigen mit Stehplätzen freuen sich über die sanfte Fahrweise des Computers.

Dass sich die Fahrt mit der Zukunftsvision so „normal“ anfühlt liegt auch daran, dass Mercedes absichtlich einen konventionellen Diesel-Citaro als Basis verwendet hat. Denkbar ist natürlich auch ein Bus mit batterieelektrischem Antrieb, in den kommenden zwei Jahren soll ein entsprechendes serienreifes Modell vorgestellt werden.

Verblüffend problemlose Fahrt

Die erste Testfahrt ist durchaus verblüffend. Ohne jede Auffälligkeit legt der Future Bus die Fahrstrecke zurück, hält an den Haltestellen, öffnet und schließt die Türen, funkt den Ampeln seinen Durchfahrtswunsch. Beeindruckend und absolut Vertrauen erweckend, kein einziges Mal muss der Fahrer eingreifen. Dabei führt die Fahrstrecke durch enge Kurven, Tunnel, Unterführungen und etliche Ampelkreuzungen, also keineswegs trivial.

Allerdings muss ganz klar eingeschränkt werden: Die abgetrennten BRT-Spuren, auf denen sich der Bus mit seinen zahllosen Sensoren und Kameras sogar anhand der Muster auf dem Straßenbelag orientiert, sind für diesen Einsatz ideal und vergleichsweise einfach zu beherrschen. Bis sich ein solcher Bus auch im normalen fließenden Großstadtverkehr inmitten chaotischer Rad- und Rollerfahrer, spurwechselnder Autos im Stau, unvermittelten Baustellen und wild parkender Paketfahrer behaupten kann, ist noch ein weiter Weg.

Nach der Weltpremiere im Realbetrieb in den Niederlanden wird Mercedes den Future Bus auf der Nutzfahrzeug-IAA im September der Öffentlichkeit präsentieren.

Neuester Kommentar

Wenn diese Generation auch so gut ist wie dazuaml der Citaro, dann behüte mich. Von wegen sicher. Retarder und Fussbremse arbeiteten nicht zusammen und dadurch waren beim anfahren der Haltestellen extreme ruckartige Bremsungen das Resultat. Ich werde inden ersten 2 Jahren jedenfalls nicht in so einen Bus einsteigen. Ich weiss, wovonich rede, denn ich fahre solche Fahrzeuge. Hilfe, das wird gefährlich.

tonic1990 18. Juli 2016, 19:08 Uhr
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