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Autonomes Fahren

Die Hersteller beziehen Position

Thomas Weber, Porträt Foto: Mercedes 4 Bilder

Wir befragen vier Vorstände über ihre Vision zum autonomen Fahren. Frage und Antwort stehen uns die Vorstände von Daimler, Conti, Audi und BMW.

27.12.2014 Birgit Priemer

Thomas Weber, Daimler-Vorstand, Mercedes-Entwicklungschef

1. Wie wichtig ist Ihnen das Thema autonomes Fahren?

Das ist mir sehr wichtig. Dadurch können wir den Fahrer in eintönigen Situationen oder bei schwierigen, komplexen Manövern entlasten. Wir können damit sowohl die Sicherheit als auch den Komfort auf ein neues Level bringen.

2. Welche Philosophie verfolgen Sie dabei, wie grenzen Sie sich von der Konkurrenz ab?

Ein Mercedes-Kunde kann immer selbst entscheiden, ob er die angebotenen autonomen Fahrfunktionen nutzen möchte. Oder auch nicht. Wir wollen unseren Kunden ein faszinierendes, komfortables und sicheres Fahrerlebnis bieten, egal ob sie auf der Autobahn, im Überlandverkehr oder in der Stadt unterwegs sind. Im zähen Berufsverkehr, auf eintönigen Strecken oder in engen Parksituationen kann der Fahrer auf Wunsch an das Auto übergeben. Und in allen anderen Situationen, in denen er gerne hinter dem Lenkrad eines Mercedes sitzt, darf er weiterhin Fahrspaß pur erleben.

3. Wie sieht Ihr Zeithorizont aus?

Dies wird Schritt für Schritt gehen und schneller, als mancher heute glaubt. Davon bin ich überzeugt. Hardware und Software müssen dafür schneller, intelligenter und preiswerter werden. Wir erwarten, dass erste hoch automatisierte Fahrsysteme zum Beispiel auf Autobahnen und bei geeigneten Wetterbedingungen bald realisiert werden können. Voll automatisiertes Fahren auf beliebigen Streckenabschnitten – das wird schon noch etwas länger dauern. Neben der Technik muss aber auch die Gesetzgebung und Gesellschaft für die neue Form des Autofahrens bereit sein.

4. Welche Fahraufgaben stehen für Sie besonders im Vordergrund?

Dort, wo Fahren für unsere Kunden mehr Last als Lust bedeutet, z. B. im Stau und bei eintönigen Fahrstrecken. Mit unserer Distronic Plus inklusive Lenkassistent und dem Stop&Go-Piloten haben wir bereits die ersten teilautomatisierten Funktionen im Markt. Automatisches Einparken und Autobahnfahrten werden die nächsten Schritte sein, die bald folgen.

5. Sehen Sie Google auf diesem Gebiet als ernst zu nehmenden Konkurrenten?

Was die technologische Machbarkeit des autonomen Fahrens betrifft, hat Google einen bemerkenswerten technischen Beitrag geleistet und das Thema auch in die öffentliche Wahrnehmung gebracht. Im Gegensatz zu Google arbeiten wir ausschließlich mit seriennaher Technologie und Sensorik, die bereits heute für den Serieneinsatz im Auto geeignet ist.

Elmar Degenhart, Conti-Vorstandsvorsitzender

1. Wie wichtig ist Ihnen das Thema autonomes Fahren?

Automatisiertes Fahren kann einen grundlegenden Beitrag leisten zu mehr Sicherheit auf unseren Straßen, weniger Treibstoffverbrauch und geringeren Emissionen sowie deutlich mehr Komfort der Fahrzeuge. Fahrerassistenzsysteme und Digitalisierung sind dafür die entscheidenden Wegbereiter.

2. Welche Philosophie verfolgen Sie dabei, wie grenzen Sie sich von der Konkurrenz ab?

Insbesondere die Digitalisierung des Fahrens erfordert die enge Zusammenarbeit zwischen Automobil- und IT-Industrie. Für das perfekte Zusammenspiel bedarf es der hohen Systemkompetenz von Technologieunternehmen wie Continental.

3. Wie sieht Ihr Zeithorizont aus?

Aus technologischer Sicht erwarten wir die Serienreife für hoch automatisierte Fahrfunktionen im Autobahnumfeld etwa im Jahr 2020. Voll automatisiertes Fahren erwarten wir ungefähr 2025. Die Automation beginnt auf der Autobahn, denn die dortige Komplexität werden wir als Erstes beherrschen. In Städten ist das Umfeld weitaus komplexer, und daher sind dort die Anforderungen nochmals höher. Daher wird es dort das automatisierte Fahren erst später geben.

4. Welche Fahraufgaben stehen für Sie besonders im Vordergrund?

Das automatisierte Fahren soll genau dort beginnen, wo der Fahrspaß aufhört. Immer dann also, wenn der Fahrer Entlastung am Steuer wünscht – wie im Stau –, soll er sie zukünftig auch bekommen. Wichtig ist, es wird immer die Wahl geben: selber fahren oder an den elektronischen Chauffeur delegieren.

5. Sehen Sie Google auf diesem Gebiet als ernst zu nehmenden Konkurrenten?

Das Fahrzeug wird Teil des Internets werden. Daran führt kein Weg vorbei. Wir rechnen nicht damit, dass Internet- oder IT-Unternehmen in den Automobilbau selbst einsteigen werden. Dafür sind die hierbei erzielbaren Margen viel geringer, als es bei ihnen heute der Fall ist.

Ulrich Hackenberg, Audi-Entwicklungsvorstand

1. Wie wichtig ist Ihnen das Thema autonomes Fahren?

Das pilotierte Fahren, wie wir es nennen, ist eines unserer wichtigsten Technikfelder, wir treiben hier die Entwicklung seit Jahren unter Hochdruck voran. Unsere künftigen Systeme werden schrittweise das Fahren in bestimmten Situationen übernehmen können und es sicherer, komfortabler und effizienter machen. Im Gegensatz zum Fahrer ermüden unsere pilotierten Systeme nicht und lassen sich auch nicht vom Verkehrsgeschehen ablenken. Der Sicherheitsgewinn wird signifikant sein.

2. Welche Philosophie verfolgen Sie dabei, wie grenzen Sie sich von der Konkurrenz ab?

Im Vordergrund steht natürlich immer die Fahrsicherheit. Dabei sind die Erkenntnisse aus der Erprobung am physikalischen Limit für uns sehr wichtig, zum Beispiel für die Entwicklung von automatischen Ausweichfunktionen in kritischen Situationen. Wie gut wir das pilotierte Fahren im physikalischen Grenzbereich bereits beherrschen, haben wir auf dem Hockenheimring gezeigt – mit dem Technikträger RS7 piloted driving concept, dem sportlichsten pilotiert fahrenden Auto der Welt.

3. Wie sieht Ihr Zeithorizont aus?

Wir haben eine Matrix definiert, die aus vielen Einzelschritten beim pilotierten Fahren besteht. Im Jahr 2020 werden wir Modelle auf dem Markt haben, die bedarfsorientiert zahlreiche Verkehrssituationen pilotiert beherrschen werden. Wir werden damit beginnen, den Fahrer im Stop-and-go-Verkehr bis 60 km/h von der Fahraufgabe zu entlasten. Sukzessive werden wir dann das Pilotieren auf weitere Fahrsituationen erweitern.

4. Welche Fahraufgaben stehen für Sie besonders im Vordergrund?

Unsere Systeme zum pilotierten Fahren werden den Fahrer vor allem dann unterstützen, wenn er in komplexen Situationen überfordert oder in monotonen Situationen unterfordert ist. Dadurch können sie die Verkehrssicherheit deutlich erhöhen und den Fahrkomfort weiter steigern. Im ersten Schritt planen wir das pilotierte Fahren mit einer Geschwindigkeit bis 60 km/h. Dazu gehört natürlich auch das automatisierte Parken.

5. Sehen Sie Google auf diesem Gebiet als ernst zu nehmenden Konkurrenten?

Wir verfolgen die Aktivitäten von Google im Automotive-Bereich mit großem Interesse, beim Infotainment arbeiten wir ja bereits seit Langem zusammen. Beim pilotierten Fahren liegt die Kompetenz von Google offenbar vor allem in der Aufbereitung der Sensor- und Navigationsdaten. Auf diesem Technikfeld sind wir aber selbst sehr erfolgreich unterwegs, und bei der Umsetzung der autonomen Regelung in der Fahrzeugführung kommt uns unsere Kernkompetenz als Automobilentwickler zugute.

Herbert Diess, BMW-Entwicklungsvorstand

1. Wie wichtig ist Ihnen das Thema autonomes Fahren?

Sehr wichtig. Wir arbeiten seit vielen Jahren am hoch automatisierten Fahren im kundenrelevanten Bereich. Mit dem BMW TrackTrainer haben wir bereits 2006 erstmalig ein System vorgestellt, das auf der Nürburgring-Nordschleife autonom und im Renntempo auf der Ideallinie gefahren ist. Im Jahr 2009 haben wir den BMW-Nothalteassistenten präsentiert, welcher bei einem gesundheitlich bedingten Notfall in einen automatisierten Fahrmodus wechselt. Seit Mitte 2011 fahren wir mit unseren Forschungsprototypen nun schon hoch automatisiert auf der Autobahn, und zwar mit 130 km/h. In unseren Serienmodellen fahren wir mit dem Stauassistenten bis 60 km/h mit Längs- und Querführung.

2. Welche Philosophie verfolgen Sie dabei, wie grenzen Sie sich von der Konkurrenz ab?

Wir wollen Kunden in anstrengenden oder unangenehmen Fahrsituationen unterstützen – beim Stop-and-go, im Stau, bei monotonen Autobahnfahrten mit Geschwindigkeitsbegrenzung, beim Einparken in Parkhäusern. Gleichzeitig bleibt die "Freude am Fahren" Kern all unserer Überlegungen. Die Entscheidung über den Fahrmodus liegt allein in Kundenhand. Unser Ziel ist es, Unfälle, Verbrauch und Stress zu reduzieren.

3. Wie sieht Ihr Zeithorizont aus?

Technisch könnten hoch automatisiert fahrende Fahrzeuge nach 2020 zum Einsatz kommen. Das ist aber nicht unser Kernziel. Jahr für Jahr werden sich die Fähigkeiten des Fahrzeugs zur Unterstützung des Fahrers weiter verbessern. Immer mehr sicherheitskritische, schwierige oder ermüdende – und damit gefährliche – Situationen werden vom Fahrzeug gemeistert oder unterstützt. Die rechtliche Seite ist jedoch deutlich schwieriger zu beurteilen. Neben verkehrsrechtlichen Punkten gibt es auch noch zulassungs- und haftungsrechtliche Fragen, die es zu klären gilt.

4. Welche Fahraufgaben stehen für Sie besonders im Vordergrund?

Wir sind der Meinung, dass der Fahrer in wenig herausfordernden oder unangenehmen Fahrsituationen (Stau, Parken) durch hoch bzw. voll automatisierte Fahrfunktionen einen Mehrwert erhält. Das hoch automatisierte Fahren auf Autobahnen und autobahnähnlichen Straßen verspricht für uns den höchsten Nutzen. Der innerstädtische Bereich inklusive Fußgängern und Fahrradfahrern ist für uns ein Szenario, welches wir nachgelagert betrachten. Wir werden unsere Systeme zur Fußgängererkennung aber parallel ständig weiterentwickeln und verbessern.

5. Sehen Sie Google auf diesem Gebiet als ernst zu nehmenden Konkurrenten?

Als eines der größten IT-Unternehmen weltweit hat Google eine enorme Reichweite und schafft es so, das hoch automatisierte Fahren in der externen Wahrnehmung voranzutreiben. Dies kommt allen Beteiligten zugute, denn so wird die Bekanntheit und die Akzeptanz für das Thema weiter gesteigert. Die BMW Group hat eine andere Vision zum autonomen Fahren, die mehr auf die Bedürfnisse unserer Kunden abzielt. Die "Freude am Fahren" steht dabei bei unseren Kunden und damit natürlich auch für uns immer an der ersten Stelle.

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