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Autos, die man nicht vergisst (5)

NSU TTS - Sturm und Drang

NSU TTS Foto: Archiv

Seit 40 Jahren schreibt Klaus Westrup über Autos in auto motor und sport. Für Motor Klassik erinnert er sich nun. Der NSU TTS ist der GTI der sechziger Jahre - ein Prinz auf der Überholspur.

18.05.2007 Klaus Westrup Powered by

Der TTS lässt die Corvette stehen

Obermeister Richard Horch, in der glorreichen Motorradvergangenheit auch für die Erfolge der berühmten Rennmax verantwortlich, betreut die beiden angelieferten Raketen- Prinzen. Der eine zeigt sich ganz serienmäßig mit 70 PS, der andere schon im Renntrimm - mit offenen Lufttrichtern der beiden Solex- Doppelvergaser und Rennauspuff. Die NSU-Leute sagen Flammrohr zu der auf der Auslassseite hängenden Metallschlangenbrut - schon akustisch ein Zeichen, dass es heiß hergehen wird mit angeblichen 85 PS.

Wir fahren auf einer abgekürzten Version des kleinen Kurses. Und da zufälligerweise eine Corvette Stingray gerade mit von der Test-Partie ist, darf sie im Kurvenlabyrinth partizipieren. Sie hat 5,4 Liter Hubraum und acht Zylinder, der kleine Straßnschreck von NSU nur 1.000 Kubikzentimeter und vier Zylinder. Die Corvette ist chancenlos, kommt kaum nach.

Nicht überraschend deshalb, dass bei einer ebenso zufälligen späteren Begegnung des TTS mit dem Triumph GT6, einem 90 PS starken Zweiliter-Sechszylinder- Coupé wieder der kleine Viersitzer führt. NSU hat ganze Arbeit geleistet, die grundsätzlichen Voraussetzungen der Basis namens Prinz 1000 waren offensichtlich gut.

Aufwendige Ölkühlung

Um die Leistung von 43 auf 70 PS zu steigern, bedarf es allerdings tiefer greifender Maßnahmen. Mit Schmiedekolben wird ein Verdichtungsverhältnis von 10,5:1 erreicht, die beiden Horizontal-Doppelvergaser von Solex, die gleichen wie im BMW 2000 TI, sorgen für gute Füllung. Größere Einlassventile und eine Nockenwelle mit weiteren Öffnungswinkeln helfen dem ohnehin drehfreudigen NSU-Vierzylinder bis 7.500/min auf die Sprünge.

Thermisch ist der gebläsegekühlte Motor im Wagenheck hoch belastet, und ohne eine aufwendige Ölkühlung sind die 70 PS nicht standfest zu bekommen. Ein kleines Kästchen mit Gitterstreben unterhalb der vorderen Stoßtange ziert deshalb jeden TTS. Es ist ein Ölkühler mitten im Fahrwind, in dicken Panzerschläuchen zirkuliert der lebensnotwendige Saft, stattliche fünf Liter sind es insgesamt. Unter der Hand empfiehlt NSU für diesen rasanten Tausender mit seinen damals sensationellen 70 PS Literleistung ein Einbereichsöl für Dieselmotoren, nämlich Shell Rotella.

Der kleine Ölkühler hat nicht nur sachliche Bedeutung, sondern auch eine emotionale. Er wird zu einem optischen Rangabzeichen. Nicht nur Normal-Prinz-Fahrer weichen kennerhaft zur Seite, wenn das Gitterwerk im Rückspiegel auftaucht, sondern manchmal sogar Mercedes-Besitzer.

Beschleunigt so gut wie ein 356er Porsche

Der Respekt ist angebracht. Der Heckmotor-Zwerg kommt bei einem Eigengewicht von nur 687 Kilogramm auf ein Leistungsgewicht von rund 10 kg pro PS. Und das wiederum verspricht Beschleunigungswerte, wie sie Ende der sechziger Jahre nicht allzu verbreitet sind, in der Einliter-Klasse schon gar nicht. Null auf 100 in nur 11,7 Sekunden - das konnte ja nicht mal ein 356er-Porsche in der letzten SC-Ausführung viel besser. Auf der Autobahn muss man sie dann wieder ziehen lassen, die man in Hockenheim überholte.

Die strenge Chevrolet-Corvair-Linie, an der sich auch der TTS stilistisch orientiert, verhindert High-Speed-Exzesse. Bei 163 km/h ist Schluss - Testverbrauch damals stolze 12,7 Liter auf 100 Kilometer. Mit zwei Haubenaufstellern hinten lässt sich auch der Heckbereich optisch anschärfen. Einen großen Einfluss auf die Öltemperatur hat diese Prozedur nach Messungen der NSU-Versuchsabteilung allerdings nicht.

Der größte Nutzen liegt wohl in der stilistischen Wildheit und auch im Schüren von Voyeurismus. Der geparkte TTS gibt so dem Betrachter ein Stück Innenleben preis. Und was er gerade an dieser Stelle zeigt, ist ungewöhnlich appetitlich.

"Zweitverwertung" in der Münch Mammut

Der Zylinderkopf mit dem Nockenwellengehäuse und den dachgiebelförmigen Ventildeckelchen ist auch formal etwas Besonderes. Dass der Motor optisch an ein Motorrad-Triebwerk erinnert, ist bei der Vergangenheit der Neckarsulmer nicht weiter erstaunlich.

Tatsächlich gelangt der Vierzylinder ja noch in ein Zweirad - die legendäre Münch Mammut, die sich sogar Gunter Sachs zulegt. Auf einen TTS hat er zeitlebens verzichtet. Was sollte man auch mit ihm in St. Moritz oder Saint Tropez? Seine Heimat ist eher Erlenbach oder Binswangen, wo die alten NSUler sitzen und abends Trollinger vom nahe gelegenen Neckarsulmer Scheuerberg trinken.

Doch die Biederkeit der normalen Prinzen-Klientel verflüchtigt sich mehr und mehr. Die kleine Rakete, die sich im Tourenwagensport ebenso behauptet wie bei Bergrennen oder Slalom-Wettbewerben, wird neben dem Ro 80 das erste NSU-Auto mit Strahlkraft.

Heute höchstdotierter NSU der Nachkriegszeit

Und was man damals noch nicht ahnen konnte, ist inzwischen harte Wirklichkeit. Ein gut erhaltener TTS ist der höchstdotierte NSU der Nachkriegszeit. 20.000 Euro muss man für ein ordentliches Exemplar im Originalzustand hinlegen - den legendären Ro 80 mit seinem 115 PS starken Zweischeiben-Wankelmotor gibt es in vergleichbarem Zustand schon für die Hälfte.

So gesehen wäre es nicht unklug gewesen, den eigenen TTS, einst 7.500 DM teuer, zu behalten. Er hat ein bisschen mehr Hubraum und dürfte in der Leistung bei etwas über 80 PS gelegen haben. Mit seiner silbergrauen Lackierung ist er im Apo-Jahr 1968 ein Silberpfeil der besonderen Art.

Die außerparlamentarische Opposition findet nun auf der Straße statt, mit der längsten von insgesamt drei lieferbaren Achsantriebs-Übersetzungen. In den unteren drei Gängen sind 7.500 Umdrehungen nach wie vor das Maximum, im Vierten besteht auch bei Autobahngefällen keine Gefahr mehr für den Motor. Doch nun ist eher der Fahrer in Gefahr.

Das Aggressionspotenzial des potenten Zwergs sorgt nicht nur für gute Laune, sondern manchmal auch für Kummer. Wir beenden unsere kurze, aber innige Beziehung einvernehmlich. Der neue Besitzer wohnt am Rhein und heißt Querbach. Treffender kann man als TTS-Besitzer wirklich nicht heißen.

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