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Autos, die man nicht vergisst (26)

Opel Kapitän - Nimm mich mit, Kapitän

Foto: Archiv

Seit 40 Jahren schreibt Klaus Westrup über Autos in auto motor und sport. Für Motor Klassik erinnert er sich. Ein Klassiker der fünfziger Jahre ist dran - der Opel Kapitän.

29.04.2009 Powered by

Neunzehnhundervierundachtzig. Warum sich die Redaktion ausgerechnet im berühmten Orwell-Jahr der legendären fünfziger Jahre erinnert, ist ohne Zusammenhang. Wahrscheinlich war es reiner Zufall. Gert Hack schreibt in Heft 8/1984 ein Editorial, Thema: die Autowelt von damals. Man habe noch Freude gehabt am "originären Erlebnis der Fortbewegung", brauchte keine "rollenden Diskotheken". Das Becker Mexiko Radio ist der Gipfel automobiler Rundfunkerlebnisse.

Man ist wer im Kapitän

1955 gibt es 1,7 Millionen Personenwagen, die Autobahnen sind leer, Staus existieren nicht. Aber es gibt auch fast 11.000 Unfalltote. Benzin hat mit 90 Oktan Super-Qualität, der Liter kostet 70 Pfennige, Diesel 50, die Promillegrenze liegt bei 1,5. Prost. Ein Käfer kostet 4.600 Mark, ein Opel Kapitän fast 10.000. Man ist wer im Kapitän, nicht weniger als im 220er-Mercedes. Die Arrivierten fahren den einst größten Opel - Chefärzte, Anwälte, Direktoren von Werkzeugmaschinen-Fabriken.

Heinz Rühmann zeigt sich in ihm als total unkomischer Kriminal-Kommissar in einem Film für Nervenstarke. Titel: "Es geschah am hellichten Tag". Den Bösewicht spielt Gert Fröbe. Wir beschließen, Kapitän zu fahren, selbst zu erleben, was die ganz alten Autotester zu Papier brachten. Werner Oswald empfiehlt den teuren Opel in Heft 11/1951 als "ein schnelles, temperamentvolles, zuverlässiges und wirtschaftliches Reisegefährt". Helmut-Werner Bönsch verfällt in der "ADAC Motorwelt" vom Februar 1953 anlässlich einer Winterprüfung in lyrisches Schwärmen: "Die schwer behangenen Tannen scheinen den letzten Laut des an sich schon sehr leisen Wagens zu schlucken, die Scheinwerfer zaubern immer neue Märchenbilder hervor."

Auch Kurt Oesterreicher outet sich als Opel-Fan. Unter der Überschrift "Zur Hirschbrunft mit dem Kapitän" in der Zeitschrift "Die Pirsch" lesen wir: "Ich hielt in einer Hand die Morgenzigarette, denn ich konnte mit der Linken allein spielend den schweren Opel durch die Windungen steuern. Die Lenkung folgt der leichtesten Handbewegung." Auf der Suche nach solchem Fahrgenuss werden wir in Rüsselsheim fündig.

Der 53er zeigt noch die Urform der Vorkriegszeit

Es gibt ja in den Achtzigern noch keine richtige Oldtimer-Kultur in Deutschland, aber Opel hat einen 53er Kapitän unter Dampf - weinrot und in gutem Originalzustand, wenn man einmal davon absieht, dass Ventildeckel und Luftfiltergehäuse unpassend in Silberbronze erstrahlen. Der 53er zeigt noch die Urform der Vorkriegszeit. Der spitz zulaufende Kühlergrill trägt massiven Chromschmuck, die Motorleistung des 2,5 Liter großen Sechszylinders liegt mit 58 PS bei nur 3.600 Umdrehungen um ganze drei Pferdestärken über den ursprünglichen 55 PS.

Das mit Stoßstangen-Ventilsteuerung versehene Reihenaggregat befindet sich schon auf dem Weg zur motorischen Legende. Es ist vor allem die ungewöhnlich hohe Elastizität, die dieses Triebwerk auszeichnet, dargestellt durch ein maximales Drehmoment von 15 Meterkilogramm bei nur 1.600 Umdrehungen. Kein Wunder, dass man mit einem Dreiganggetriebe auskommt. Noch aus 20 km/h kann der Kapitän im großen Gang ruckfrei beschleunigt werden, zwölf Prozent Steigung sind ebenfalls drin und maximal 130 km/h. Wir nehmen auf einer Fahrersitzbank Platz, die mühelos drei Personen schluckt und von der Polsterung her Kanapee-Charakter hat.

Der alte Kapitän bietet Automatik Fahren mit Schaltgetriebe

Das elfenbeinfarbene Lenkrad türmt sich riesenhaft auf und liegt weich in der Hand. Dahinter gülden schimmernde Instrumente und ein dürrer Schalthebel mit kleinem Knauf. Die Schaltwege sind lang, fast könnte man sagen, man mache sich auf den Schaltweg. Von der Zwei in die Drei ist auf halber Höhe eine kleine Pause angezeigt, ausreichend für einen Blick aus dem Seitenfenster, an dem die Landschaft schleppend vorbeizieht. Alles im Dritten also, und siehe, es macht Spaß. Der alte Kapitän bietet Automatik Fahren mit Schaltgetriebe. Auch die Kupplung hat wenig zu arbeiten, die Energien des Fahrers fließen zuallerst ins Lenkgeschäft. Hier ist immer etwas zu tun. Der alte Opel neigt mit schlechtem Geradeauslauf zum "Schwimmen", und so ist man immerzu beschäftigt, ihn auf Kurs zu halten.

Erinnerungen an die Auto fahrenden Filmstars aus den alten Hollywood-Schinken werden wach. Auch hier sieht man den Helden im Chevy oder Cadillac ständig am Lenkrad korrigieren - kein Zeitvertreib, auch keine Regieanweisung. Wer es unterlässt, landet im Graben. Hinten hat der Kapitän eine an Halbeliptikfedern aufgehängte Starrachse, damals eine auch bei Luxuswagen weit verbreitete, Kosten sparende Konstruktion. Schwer plumpst die Achse in alle Untiefen des Rüsselsheimer Raums, bei Unebenheiten in Kurven neigt sie zum Versetzen, in ernsteren Fällen zum Trampeln. Gefahr ist dennoch nicht im Verzug, denn wir sind nicht schnell, außerdem haben wir schon „Öldruck-Bremsen“. 80 km/h entpuppen sich auf der Landstraße als behagliches Marschtempo, auf der Autobahn dürfen es 110 sein.

Gern würde man sich auch chauffieren lassen

Gern würde man sich auch chauffieren lassen, am liebsten in der rechten Ecke hinten, von der Fahrers Kampf mit dem Geradeauslauf am besten beobachtet werden kann. Die Vordersitzlehnen türmen sich mächtig vor den Beinen, die sich mühelos übereinanderschlagen lassen. Hineingekommen ist man mit unerreichter Leichtigkeit. Die hinteren Türen sind hinten angeschlagen, ihr Öffnungswinkel beträgt glatte 90 Grad. Leise summt der Sechszylinder. Opel hat ausdrücklich keine Einfahrvorschriften erlassen, aber man soll ihn auch nicht in den unteren Gängen "hochjagen". Er hat noch in der Fabrik unter einem Druck von acht bar 80 Grad heißes Schmieröl durch seine Kanäle gejagt bekommen, bei einer Art Jungfern-Lauf, um auch den letzten Schmutz aus dem Gehäuse zu spülen.

Unter der vierfach gelagerten Kurbelwelle zirkulieren vier Liter Schmierstoff, die stattliche Menge von elf Litern Wasser bemüht sich um Kühlung. Nicht immer mit Erfolg. 30 Kilometer hinter Rüsselsheim kocht der Kapitän - ein paar Wassertropfen auf dem feudalen Grill zeigen nach kurzem Halt den motorischen Brechreiz. Dann springt der Sechszylinder wieder an und tut so, als sei nichts gewesen. In seinem Leerlaufflüstern scheint die von einem Kapitän nicht unerwartete Frage zu liegen, wohin die Reise denn gehen soll? Nicht nur nach Babenhausen, lieber in die Ferne, nach Hamburg oder Paris. Man war wer im Kapitän, und jetzt ist man es wieder.

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