Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Autos, die man nicht vergisst (20)

Rolls Royce Corniche Cabriolet

Foto: Archiv 4 Bilder

Seit 40 Jahren schreibt Klaus Westrup über Autos in auto motor und sport. Für Motor Klassik erinnert er sich, diesmal an den wahren Oben-ohne-Luxus, das Corniche Cabriolet von Rolls-Royce.

13.08.2008 Klaus Westrup Powered by

Der offene Rolls, benannt nach Küstenstraßen an der Côte d’Azur, kommt in Begleitung, sozusagen eskortiert. Das Porsche 911 Cabrio ist 1981 gerade präsentiert worden und steht dem königlichen Gefährt zur Seite, ebenso ein Morgan Plus 8, damals schon ein rundes Jahrzehnt im Programm und natürlich unverändert. Aber es ist ein exklusives Auto-Quartett, das sich nicht zu einem ernsten Vergleichstest versammelt hat, sondern zu einer luftigen Impression - der Vierte im Bunde heißt Mercedes 500 SL. Es ist noch der alte, schwülstige Hundertsiebener, hier mit der Spitzenmotorisierung, dem Fünf- Liter-V8. Auf seinem kastigen Heck prangt eine hässliche Gummilippe, die aussieht wie aus einem Zubehörladen.

Undenkbar, so etwas, beim Corniche Cabriolet. Sein Luftwiderstandsbeiwert ist so wie er ist, nämlich unbekannt und unbedeutend. Wie eine Skulptur steht das fast 5,2 Meter lange Auto auf seinen wuchtigen 235er-Pneus und lässt nur ahnen, dass es fast 2,3 Tonnen wiegt. Sein Debüt liegt schon viele Jahre zurück. 1967 steht es, basierend auf dem zweitürigen Shadow, auf dem Frankfurter Salon - noch kann niemand ahnen, dass es nur mit Modifikationen im Detail bis 1995 durchhalten wird. In 24 Jahren Bauzeit entstehen 5.146 Exemplare dieses Cabriolets der Superreichen, das Anfang der Achtziger nicht weniger als 346.910 Mark kostet. Der Morgan wirkt mit seinen 45.000 Mark dagegen wie ein Angebot aus dem Supermarkt. Wohin mit dem offenen Rolls?

Teuer, edel und exklusiv

Die Côte mit ihren klotzigen Grand Hotels und dem blauen Meer ist zu weit weg, die berühmte Kühlerfigur namens Spirit of Ecstasy muss sich mit der vergleichsweise ärmlichen Kulisse der Vogesen begnügen. Auch die motorisierte Eskorte fährt mit für die Fotoproduktion der "Motor Revue", in jenen Jahren eine Art journalistischer Rolls im umfangreichen Sortiment des Motor-Presse-Verlags - teuer, edel, auflagenschwach und sehr exklusiv.

Die Rolls-Royce-Techniker haben dem Corniche Cabriolet den stärksten Achtzylinder unter die voluminöse Motorhaube gepflanzt, auch um das beträchtliche Mehrgewicht gegenüber dem Corniche Coupé auszugleichen. Genau 6.750 Kubikzentimeter misst der leicht kurzhubig ausgelegte V8, er ist neun zu eins verdichtet, betätigt seine im Kopf hängenden Ventile per Stoßstangen von einer zentralen Nockenwelle. Doch wie stark er wirklich ist und wie viel Drehmoment der Riese abgibt, bleibt ein Geheimnis. Die Briten machen traditionell dazu keine Angaben, sagen einfach, es sei genug. Doch ist genug genug?

Achtzylinder mit ausreichend Kraft

Die Testabteilung will es, wie immer, genau wissen. Sie ermittelt nicht die Motorleistung, sondern das Temperament dieses weltweit teuersten Cabriolets. Es ist gar nicht so schlecht. Null auf 100 km/h in 11,3 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 193 km/h. Kraft hat der Achtzylinder also, die Dreigangautomatik schaltet ruckfrei, das Einlegen der üblicherweise alle Situationen abdeckenden Fahrstufe D erfolgt per kleinem Schalthebel in Lenkradnähe - servounterstützt. Anstrengen soll sich in einem Corniche Cabriolet höchstens der Motor, nicht die Herrschaft hinter dem betont schlichten schwarzen Zweispeichen-Lenkrad mit dem kleinen Pralltopf in der Mitte.

Wir haben das Verdeck geöffnet, manuell mit zwei Schnappverschlüssen am Windschutzscheibenrahmen, den Rest besorgt ein Elektromotor. Die Vogesenberge können kommen, sanft zieht der dicke Rolls seiner Bahn. Die Luft ist das billigste an diesem exklusiven Vergnügen. Nicht einmal im Corniche kostet sie etwas, obwohl sie sich im Gegensatz zu den anderen Cabrios besonders gesittet benimmt. Sie umweht das duftende, mit Leder, edlem Walnussholz und flauschigen Bodenteppichen versehene Interieur ganz dezent, zupft ein bisschen an den Haaren von Madame und zeigt sich nur auf der Rücksitzbank ruppig.

Rolls für Selbstfahrer

Ein Windschott gibt es gottlob nicht, auch aus stilistischen Gründen. Und hinten sitzt ganz einfach keiner. Das Corniche Cabriolet ist der klassische Rolls für Selbstfahrer, chauffieren lässt man sich eher in den Limousinen. Es ist ein sinnliches Vergnügen, den schweren Dampfer selbst zu bewegen, das zierliche kleine Gaspedal zu drücken und zu beobachten, wie sich die silbern glänzende Kühlerfigur, auch Emily genannt, wegen fehlender Anti-Dive-Einrichtungen bei jedem Start ein wenig in die Sonne reckt.

Man muss nicht aus dem Morgan kommen, um den Komfort- Eindruck zu einem himmlischen Vergnügen zu erklären. Der Corniche rollt wie auf Samtpfoten, der V8 murmelt dezent, wenn auch hörbarer als die in diesem Zusammenhang gern zitierte Uhr, die dicken Reifen summen. Eile ist unpassend, trotz der objektiv hohen Motorleistung. Auch akustisch gibt es Warnungen. Bei hohen Querbeschleunigungen quietschen die dicken Pneus nicht ordinär, sondern kieksen entrüstet.

Auffälliger Brite

Auf dem Gipfel des Grand Ballon hat der 911-Pilot der Corniche-Besatzung wertvolle Zeit abgenommen, es reicht zu einer Zigarettenpause. Was soll man dazu sagen? Am besten: Schnellsein und Rauchen lassen die Haut altern. Das Quartett löst sich auf, Fotograf Wolfgang Drehsen hat alle Bilder im Kasten, auch das wie ein Gemälde wirkende Motiv mit dem Rolls vor einem einsamen Schäferwagen in der Abendsonne. Die Corniche-Besatzung sucht noch ein Ziel, einen Flecken, der diesem Monument von Auto einen passenden Rahmen liefert. Beverly Hills ist zu weit weg, das Negresco in Nizza nur umständlich zu erreichen.

Also Kaffeestunde im Hotel Adler in Hinterzarten, nicht weit entfernt von der Stelle, wo der Verleger der "Motor Revue" wohnt. Paul Pietsch hat schon viele schöne und teure Autos besessen, aber niemals einen Rolls-Royce. Zu auffällig. Man kommt an wie ein Filmstar, die zufälligen Besucher am Hotelparkplatz drehen die Köpfe, halten die Corniche-Passagiere für beneidenswert. Auch in einem Rolls-Royce werde manchmal geweint, schrieb einst die französische Autorin Françoise Sagan, die ihre eigenen Luxusautos manchmal mit bloßen Füßen zu fahren pflegte.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Gebrauchtwagen Angebote
Autokredit berechnen
Anzeige