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Autos, die man nicht vergisst (15)

Saab 96 - Alter Schwede

Foto: Klaus Westrup 5 Bilder

Es ist frühes Frühjahr 1997, als ein Saab 96 den Fuhrpark der Redaktion vor allem optisch bereichert. Eine dunkelblau lackierte Skurrilität auf vier Rädern steht da auf dem Parkplatz, unverkennbar ein Produkt des einstigen schwedischen Flugzeugbauers.

09.04.2008 Klaus Westrup Powered by

"Den Saab 96", lässt der einstige Pressesprecher Karl-Artur Rappe von Saab Deutschland in Frankfurt die Redaktion wissen, "brauchen wir nicht zu verkaufen. Der wird uns einfach abgenommen."

Oft passiert das freilich nicht. Pro Monat greifen in Deutschland zehn Automobilisten mit einem ganz besonderen Geschmack zu dem eiförmigen Gebilde mit den minimalen Fensterflächen und der hohen Gürtellinie, das - entworfen von dem schwedischen Stylisten Sixten Sason - in dieser markanten Grundform bereits seit 1949 existiert. Nur Autos mit Aura und Charakter halten so lange durch.


Zunächst im Zweitakt und mit Drehstab-Federung

Der Sonderling erlebt seine Blütezeit zunächst mit einem Zweizylinder-Zweitaktmotor, 1955 erhält er einen Dreizylinder und Schrauben- statt Drehstabfederung. 1967 kommt das endgültige Aus für den quengelnden und durstigen Zweitakter. Ein Vierzylinder-Viertakter findet nun Platz unter der stummeligen Haube. Es ist jener Ford-V4, der schon eine fünfjährige Bewährungsprobe in den 12 M-Modellen hinter sich hat.

Es ist nicht nur ein praktikabler, sondern auch ein weiser Entschluss, den die Saab-Techniker mit diesem Triebwerk gefasst haben. Ein normaler Brot-und- Butter-Vierzylinder mit obenliegender Nockenwelle, wie er in den siebziger Jahren Standard geworden ist, hätte vom Wesen her nicht zu diesem eigenwilligen Automobil gepasst. Ganz anders hingegen das V-Aggregat von Ford, denn es ist fast so schrullig wie das ganze Auto. Wenn man so will, wirkt der V4 so, als sei er extra für den Saab konstruiert worden.

Extrem überquadratisch - und doch durchzugsstark

Er ist ein rauer, kerniger Geselle mit einer eigentümlich pochenden, unregelmäßig klingenden Intonation - ein extremer Kurzhuber, der bei 90 Millimeter Bohrung nur 59 Millimeter Hub aufweist und alle jene Lügen straft, die sagen, nur Langhuber hätten ein gutes Durchzugsvermögen. Denn genau dieses bietet das mit zentraler Nockenwelle und Stoßstangen-Ventilsteuerung ausgerüstete Triebwerk, das bei 1,5 Liter Hubraum auf 65 PS kommt. Sein maximales Drehmoment von 115 Newtonmeter korrespondiert gut mit dem subjektiven Gefühl. Es ist "unten herum" zu finden, bei wenig mehr als 2.000 Touren.

Nicht nur der Motor dokumentiert pure Nostalgie, sondern auch das Getriebe beziehungsweise dessen Betätigung. Es gibt noch Lenkradschaltung, ein wunderbarer Kontrast zur Normalität des uniformen Schaltknüppels in der Mitte. Die Schaltwege sind lang - aber man durchwandert sie mit Genuss, lauscht in die Stille der Schaltpause und dann wieder dem heller oder dumpfer klingenden Stakkato aus dem Maschinenraum.

Sitzheizung serienmäßig

Behagen kommt auf in der Enge des eng geschnittenen Cockpits, nicht unbedingt der Drang zur Raserei auf Wald- und Schotterwegen, wo der Saab noch mit den giftigen Zweitaktmotoren unter den unerschrockenen Händen eines Erik Carlsson serienweise Rallyes gewinnt, unter anderem den Gesamtsieg in Monte Carlo 1962 und 1963. Die Besatzung wünscht sich eine rasch fallende Barometernadel, ein schweres Tiefdruckgebiet, gern mit Sturm. Im Saab 96 wird ihr nichts geschehen.

Der Fahrersitz ist bereits serienmäßig beheizbar, die restliche Ausstattung klingt, zumal aus heutiger Sicht, bescheiden: Scheinwerfer-Wisch-Waschanlage, H4-Licht, Verbundglas-Frontscheibe, Automatikgurte vorn, umlegbare Rücksitzbank. Der zuschaltbare Freilauf wäre noch als markantes technisches Extra zu nennen. Er stammt aus jener Epoche, als die schieberuckelnden Zweitakter eine solche Notlösung heraufbeschworen. Der Ford-V4 braucht solche Krücken nicht, und so hat der Freilauf meistens frei.

Nur 930 Kilogramm wiegt das schwedische Ei mit vollem 38-Liter-Tank, die 65 Pferdestärken haben eigentlich nicht allzu viel zu schleppen. Die Beschleunigungszeiten zeugen dennoch von einer gewissen Müdigkeit mit immerhin 19 Sekunden vom Stand auf 100 km/h. Subjektiv wirkt der alte Schwede weit lebhafter - reine Motor-Psychologie, basierend auf dem spontanen Antritt und der brozzelnden Akustik.

Erfolgreicher Rallyewagen

Ein guter Geradeausläufer ist der Saab 96 ebenfalls. Er läuft maximal 160 km/h, und die Kurven sollen ruhig kommen - wie sonst wären seine formidablen Rallye-Erfolge möglich gewesen? Doch man muss mit ihm umzugehen verstehen. In Biegungen will er geradeaus, er untersteuert kräftig und erfordert mit der schwergängigen, nicht servounterstützten Lenkung hohe Haltekräfte.

Könner wie Erik Carlsson nutzen die ausgeprägten Lastwechselreaktionen beim Gaswegnehmen im Sinne kontrollierter Heckschwenks, von denen nicht nur das Kurventempo, sondern mehr noch der dynamische optische Auftritt profitieren. Immer ist das auch einem Carlsson nicht geglückt. Aber selbst auf dem Dach rutschend nach mehreren Überschlägen zeigt die steife Karosse des Saab 96, dass sie die anvertrauten Insassen vor mehr als Tiefdruckgebieten zu schützen vermag.

Der Korrosion hat sie über die kommenden Jahrzehnte weniger entgegenzusetzen. Die eigenwillige Limousine aus Schwedenstahl, die auf eine Gesamtproduktionszahl von rund 700.000 Einheiten kommt, ist bei Oldtimer-Meetings selten zu sehen und spielt auch bei Auktionen kaum eine Rolle. Die Notierungen sind selbst für gut erhaltene Exemplare niedrig – 5.000 Euro, mehr nicht. Wer hätte das gedacht?

Auch Herbert Völker, Herausgeber der Österreichischen "Auto Revue", denkt nicht an Wertentwicklung, als er sich 1984 in Schweden einen wenig gebrauchten Saab 96 zur persönlichen Erbauung zulegt. Zwei Jahrzehnte hält die Beziehung, länger als die meisten Ehen.

Ihn begeistern der Freilauf, "die unmenschlich schwergängige Lenkung, die Urform und die Gurte ohne doofe Metallzunge". Aber dann wird ihm klar, dass er ihn nicht genug gepflegt hat. Und dass es in ganz Wien keine Werkstatt mehr gibt, die das tun würde. Er verkauft ihn. Am "Schaltstangerl" fingern nun andere Hände - gute, wie Völker ausdrücklich betont.

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