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Autos, die man nicht vergisst (18)

Erbe des Übervaters Käfer: Der Golf kommt

Foto: Archiv 4 Bilder

Die Siebziger Jahre sind schon ein wenig ins Land gegangen, die Männer tragen Schlaghosen und Koteletten, die aus buschigen Mähnen herauswuchern. Rudolf Leiding ist VW-Chef, Nachfolger von Kurt Lotz, unter dem der erste ernsthafte Versuch eines Käfer-Nachfolgers mit Hilfe von Porsche Gestalt angenommen hatte - ein technisch aufwendiges Mittelmotorauto, das über den Status eines Prototypen nicht hinauskommt.

20.06.2008 Klaus Westrup Powered by

Das Projekt wird gekippt - der kühle Rechner Leiding hat als ersten neuen Schritt in Richtung Zukunft den Passat ins Rennen geschickt, einen mit Schrägheck versehenen Audi 80. Es folgt das Sportcoupé namens Scirocco. Erst dann kommt das Auto, das in die Rolle des Käfers schlüpfen soll.

Nichts wirklich Neues und doch ein Bruch mit den VW-Traditionen

Golf heißt das kompakte Ding, genau so wie der exklusive Rasensport. Man muss sich erst an den neuen Namen gewöhnen. Schwer vorstellbar damals, dass gerade dieser Begriff im Automobilgeschäft eine Popularität ähnlich der von Coca-Cola oder Elvis Presley erreichen wird, dass man irgendwann von Golf-Klasse spricht, ja: von Generation Golf.

Die Sensation hat einen eigentümlichen Hintergrund, denn nichts am Golf ist sensationell. Die Aufmerksamkeit rührt allein daher, dass er mit fast allem bricht, was den einstigen Verkaufsschlager (und immer noch produzierten) Käfer so einzigartig macht. Der Golf hat keinen Heckmotor und schon gar keinen luftgekühlten Boxer. Er hat Vorderradantrieb und eine Federbein-Vorderachse, er besitzt eine übersichtliche, kompakte Karosse und eine Heckklappe, die Renault mit dem R 16 schon in den Sechzigern populär macht. Nichts am Golf ist außergewöhnlich, nicht einmal der vorn quer eingebaute, wassergekühlte Vierzylinder. Konstruktiv zeichnete das den Austin Mini schon in den Fünfzigern aus, der Simca 1100 fährt ebenfalls schon lange so herum.

Die Wahrnehmung des Publikums scheint gestört zu sein, die Normalität des neuen VW wird in einzigartiger Überhöhung erlebt. Ein anderer Hersteller hätte womöglich einen außenliegenden Sternmotor, Vierradantrieb und Blechklappdach vorweisen müssen, um ähnliche Aufmerksamkeit zu erlangen.

Verwandtschaft mit dem Ghibli

Der Golf sieht gut aus, zugegeben. Volkswagen hat bis dahin keine formalen Glanzlichter geschaffen, und auch dieses neue Produkt wäre wohl nicht zu jenem optischen Glanz gekommen, hätte es nicht Unterstützung durch einen renommierten italienischen Designer gegeben. Giorgio Giugiaro heißt der begabte Künstler - er hat schon den Maserati Ghibli eingekleidet und wird die kantige Linie des Ur-Golf in ähnlicher Form neun Jahre später auf den ersten Fiat Uno übertragen.

Die Giugiaro-Linie ist einfach und schnörkellos. Mit einer Länge von knapp über 3,70 Meter ist der Golf schön kurz geraten und unterbietet den Käfer in der Länge um nahezu einen halben Meter. Die Übersichtlichkeit der Karosse ist hervorragend - so gesehen wirkt sie im Kreise heutiger Kompaktautos wie ein Mahnmal.

Er ist leicht. 820 Kilogramm voll getankt zeigt die Waage, vier bis fünf Personen finden in dem kantigen Aufbau Platz, hinten ein wenig beengt - wie heute nicht anders. Nach Öffnen der Heckklappe wird ein 200 Liter fassender Kofferraum zugänglich, nach Umklappen der Rücksitzbank erhöht sich das Volumen auf mehr als das Doppelte. Käfer-Fahrer können kaum glauben, was in dieses Auto alles reingeht. Doch die Moderne in der Linie mit dem steilen Heck hat auch Nachteile, gerade aus Käfer-Sicht. Bei Regen wird die Heckscheibe nach wenigen Minuten Fahrt undurchsichtig. Volkswagen offeriert zwar in der Preisliste ein sogenanntes Schlechtwetter-Paket, doch ausgerechnet ein Heckscheibenwischer ist nicht dabei.

Käfer-Fahrer sind geschockt: die unheimliche Leistung von 70 PS treibt 800 Kilogramm voran

Der Testwagen ist in einem ansehnlichen Blau lackiert und besitzt den stärkeren der beiden angebotenen Motoren. Es ist genau jener anderthalb Liter große Vierzylinder, der schon vom Audi 80 und dem praktisch baugleichen VW Passat her bekannt ist. Im Golf ist das leicht langhubig ausgelegte Aggregat quer und um 15 Grad nach hinten geneigt eingebaut, es leistet 70 PS bei 5.800 Umdrehungen. Ein- und Auslass sind auf einer Seite - ganz im Gegensatz zum wahlweise angebotenen Elfhunderter mit 50 PS, der einen Querstrom-Zylinderkopf besitzt und seine Ventile über kleine Schlepphebelchen von der ebenfalls obenliegenden Nockenwelle betätigt.

Der größere Vierzylinder, VW-intern auf die Nummer 827 hörend, kann alles besser. Er wird sich über die nächsten Jahre und Jahrzehnte als enorm entwicklungsfähig zeigen - nicht nur in Gestalt des 1976 debütierenden GTI oder Diesels.

70 PS und nur knapp über 800 Kilogramm schwer - mit einem solchen Temperament haben die braven Käfer-Kunden nicht gerechnet. In nur 12,8 Sekunden ist der neue Golf auf Tempo 100, die zweite Stufe des Vierganggetriebes reicht bereits bis 94 km/h, und die Höchstgeschwindigkeit beträgt 160 km/h. Der Käfer ist nicht nur von den Stückzahlen her bald weit abgehängt.

Denn das neue Kompaktauto fährt sich auch viel besser, selbst wenn der einstige Testbericht moniert, dass die Lenkeigenschaften fast zu sportlich ausgefallen sind. Die natürlich ohne Servounterstützung auskommende Lenkung zeigt nur geringe Rückstellkräfte, der Geradeauslauf könnte besser sein, Lastwechselreaktionen treten dagegen nur dezent auf.

Härtetest bei auto motor und sport mit dem "Gammel-Golf"

Das Abenteuer Käfer-Nachfolger scheint insgesamt gelungen zu sein, formal sowieso. Die Käfer-Fahrer beginnen bis auf die Unentwegten umzusteigen - zu groß ist der Kontrast im positiven Sinn. Was sie vielleicht noch zurückhält, dieses knapp über 9.000 Mark teure Stück VW-Zukunft anzuschaffen, ist die bange Frage nach der Zuverlässigkeit. Schließlich ist gerade sie über die Jahre zu einem Käfer-Gütesiegel geworden.

Die Redaktion will es genau wissen und startet fünf Jahre nach dem Debüt des Golf einen Dauertest der besonderen Art. Ein 70 PS starker Typ läuft im regulären Alltagsbetrieb über 50.000 Kilometer, aber er bekommt während dieser Distanz weder Inspektion noch Ölwechsel.

Der "Gammel-Golf", wie er redaktionsintern genannt wird, kommt nach einer Grundwartung bei Kilometerstand 1.000 mit neuen Zündkerzen, einem neuen Keilriemen, neuen Bremsbelägen vorn und einem erneuerten Anlasser über die Runden - das Kundendienst-Scheckheft bleibt jungfräulich unberührt. Nicht einmal das überstrapazierte Mehrbereichsöl der Viskosität 15 W 50 zeigt nach einer Überprüfung durch das Labor in Wolfsburg bedenkliche Qualitätseinbußen.

Der Motor ist in Bestform, in den Fahrleistungen hat der Golf gegen Ende der Distanz sogar zugelegt. Er läuft und läuft und läuft, heißt denn auch folgerichtig die Überschrift. Es ist der alte Käfer-Slogan - er scheint erneut zu stimmen.

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