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Autos, die man nie vergisst (9)

Aston Martin DB 6 Vantage

Foto: Archiv 4 Bilder

Die Siebziger Jahre sind schon fast zu Ende, Oldtimer haben noch nicht die Bedeutung, die sie heute besitzen. Bis zum Erscheinen der Nummer eins von Motor Klassik werden noch sechs Jahre vergehen. Wir sind dienstlich beim Stuttgarter Rolls-Royce- und Morgan-Händler Merz und Pabst - der Anlass ist nicht mehr erinnerlich.

04.02.2008 Klaus Westrup Powered by

Da schimmert es plötzlich in einem rötlichen Metallicton zwischen den tristen grauen Betonsäulen der Hochgarage. Einem Aston Martin gehört die gewöhnungsbedürftige Farbe, einem von genau 1.327 DB6-Exemplaren, die zwischen Oktober 1965 und Juli 1969 produziert worden sind. Es ist ein Gebrauchtwagen, zehn Jahre alt, mindestens 100.000 Kilometer gelaufen. Und es ist ein Vantage!

Unternehmen "Äschtn" startet

Vantage bedeutet ausgewiesene 325 PS bei vier Liter Hubraum und den sechs Zylindern mit den optisch so eindrucksvollen beiden Nockenwellen-Gehäusen. "In Deutschland laufen nur noch sechs bis acht Stück", kommentiert Firmenchef Harald Merz unser erwachendes Interesse und betont die Besonderheit gerade dieses "Äschtn" (Aston auf schwäbisch).

Sollte man nicht vielleicht? Man sollte. 23.800 Mark möchte Merz für den Vantage haben, diesen englischen Super-Sportwagen im Zustand drei plus. Er will noch einen Satz neue Weber-Vergaser spendieren. Am 10. März wird der Merz-Wagen nach TÜV-Abnahme auf die Vereinigten Motor-Verlage zugelassen. Das Abenteuer, zu erleben, was mit einem gebrauchten Aston passieren würde, kann beginnen.

Es beginnt harmlos. Das Auto ist eine Augenweide - nicht nur in der Linienführung, sondern auch innen. Kein nachträglich montiertes Sportlenkrad aus dem Zubehörladen stört die Cockpit-Harmonie. Das schlichte dreispeichige Original mit Holzkranz prangt bedeutungsschwer vor einer Unzahl von Instrumenten. Acht sind es an der Zahl, die Sitze des 2+2-Coupés tragen schweres Leder mit schöner Patina.

Dem Initiator des Unternehmens "Äschtn" gebührt die Jungfernfahrt. Sie führt mich von Stuttgart nach Bad Wimpfen und wieder zurück. Große Begeisterung ist dabei nicht aufgekommen, zugegeben, aber das Auto fährt sich ordentlich, der langhubige Reihensechszylinder entwickelt einen betörenden Ton und zeigt sich hoch elastisch.

Das Fünfgang-Getriebe schaltet sich sperrig, niemand hat etwas anderes erwartet. Es gibt keine Servolenkung. Schwer wuchtet man die anderthalb Tonnen des britischen Rasse-GT um enge Kurven - nichts davon zu spüren, dass der aufklärende Karosserie-Schriftzug "Superleggera" unmissverständlich auf den Einsatz von Leichtmetall hindeutet.

Frühe Pannen: Getriebeschaden und Kohlenmonoxid-Vergiftung

Heavy Metal wäre angebrachter gewesen. Der Umgang mit dem Vantage ist anstrengend, auch mental. Unruhig, durchaus in Erwartung eines größeren Defekts, flackert das Augenlicht über die vielen Instrumente. Öldruck ok? Wassertemperatur? Die Drehzahlen sind meist weit vom roten Bereich entfernt, denn der Vierliter entwickelt schon im mittleren Bereich fast 400 Newtonmeter. Aber war da nicht ein Geräusch?

Helmut Eicker, Leiter der Testabteilung und viel mit dem DB6 unterwegs, registriert, dass er plötzlich besser hören kann. Grund ist die penible akustische Überwachung während jeder Fahrt. Uwe Brodbeck, Magazin-Redakteur und schönster Mann der Redaktion, hat im Aston Martin endlich eine optisch adäquate Umhüllung gefunden. Er absolviert mit diesem Monument von einem Sportwagen weite Dienstreisen und zeigt sich unerschrockener als andere Äschtn-Nutzer. Auf der Autobahn entpuppen sich Geschwindigkeiten zwischen 150 und 170 km/h als angenehmes Reisetempo. Doch dann kommt er, der erste größere Defekt. Getriebeschaden - nach Einlegen des fünften Ganges lässt sich dieser auf Grund einer zerstörten Schaltgabel nicht wieder entfernen.

Es wird eine harte Prüfung für Mann und Motor, denn während der folgenden 200 Kilometer muss auch ein paar Mal angefahren werden. Der drehmomentstarke Sechszylinder nimmt auch diese Hürde, die Kupplung hält ebenfalls und stinkt nicht einmal. Dann erwischt es Brodbeck erneut. Nach einer Dienstreise von Nürnberg nach Stuttgart muss er ins Krankenhaus. Diagnose: Kohlenmonoxid-Vergiftung.

Der Motor entwickelt einen gesunden Ölappetit. Obwohl das Kompressionsdiagramm ordentliche Werte ausweist und eine Druckverlustmessung keine alarmierenden Resultate liefert, lässt sich der Sechszylinder alle tausend Kilometer fünf Liter teures Mehrbereichsöl schmecken. Auch der Benzindurst ist gewaltig - 22,5 Liter/100 Kilometer im Testdurchschnitt.

Bilanz: Knapp 10.000 Mark für 7.000 Kilometer

Die drei Weber-Doppelvergaser lassen sich nie optimal einstellen und überfetten leicht. Die Kerzen neigen vor allem im Stadtverkehr zum Verrußen, aus dem imposanten Doppel-Endrohr steigen drohend pechschwarze Wolken. Besserung bringen Zündkerzen mit dem niedrigeren und bekömmlicheren Wärmewert 175.

Mit sauberen Kerzen absolviert der Vantage auch die Messfahrten im Hockenheimer Motodrom. Als Höchstgeschwindigkeit werden 228 km/h ermittelt, die Beschleunigung von null auf 100 km/h erfolgt in knapp neun Sekunden, auf Tempo 160 ist der Äschtn in 22,7 Sekunden. In Anbetracht dieser Zahlen darf man an der Wahrhaftigkeit der nominellen 325 Pferdestärken durchaus zweifeln.

Doch der Sechszylinder hält durch, wenigstens die 7.000 Kilometer, die dem Oldtimer abverlangt werden. Eine Motorüberholung wäre damals mit rund 14.000 Mark zu veranschlagen gewesen, und teuer wird es auch so. Der Hauptbremszylinder muss erneuert werden, die Stoßdämpfer vorn und hinten sind schlapp geworden, die Lenkung geht kaputt (Lieferzeit vier Wochen), und auch die Überholung der Lichtmaschine ist nicht billig.

Für Wartung und Reparaturen wendet die Redaktion unter dem berühmten Strich fast 8.000 Mark für die absolvierten 7.000 Kilometer auf, dazu kommen Benzin und Öl in Höhe von 1.600 Mark.

"Der Alte war aufregend schön", resümiert die Aston Martin-Story in Ausgabe 21/1978, "aber auch ganz schön aufregend." Dem ist jetzt, nachdem fast drei Jahrzehnte vergangen sind, nicht viel hinzuzufügen, außer der Wertentwicklung, die ausgerechnet die Vantage-Version des DB6 erlebt. Für Spitzen-Exemplare werden über 100.000 Euro verlangt. Man hätte es wissen müssen. Äschtn, du Goldstück.

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