Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Barcelona

Steil Zeit

15 Bilder

Katalonien hat für den historisch interessierten Motorsport-Enthusiasten mehr zu bieten als nur die heutige Grand-Prix-Strecke: Einstige Pisten wie die Steilwand-Arena von Sitges machen den Trip nach Barcelona und Umgebung zu einem kurzweiligen Erlebnis.

08.06.2007 Gregor Messer

Wenn es jemals eine Kathedrale der Hochgeschwindigkeit gab, dann ist es das Autódromo Nacional in Sitges-Terramar, rund eine halbe Stunde Fahrtzeit südlich des Flughafens von Barcelona. Im Hinterland des lauten Badeortes Sitges an der Costa Dorada liegt die Ovalpiste, versteckt in den groben Hügeln des südlichen Kataloniens. Archäologen des Rennsports, die auf der Suche nach einer anderen, längst vergangenen Ära sind, müssen sich alle Mühe geben, um den Pfad von der dort durch Massentourismus geprägten Zivilisation in die Ruhe der Vergessenheit freizulegen.

Wer den holprigen Weg hinter der letzten Siedlung des Örtchens Terramar gefunden hat, betritt einen wilden Gral wuchernder Natur und bröckeligen Betons. Auf dem weitläufigen Terrain ist das liebliche Zwitschern der Singvögel zu hören – und das böse Gebell von vier Wachhunden, die ungebetene Fremde mit gehörigem Biss fernhalten. Von der einzigartigen, aber viel zu kurzen Historie dieser Ovalstrecke will hier niemand mehr etwas wissen.

Gut erhaltene Steilwände

Als das Autódromo Nacional nach einer Bauzeit von 300 Tagen im Oktober 1923 als Rennstrecke eröffnet wurde, hoffte Spanien, damit ein Symbol geschaffen zu haben, das den Anschluss an Industriestaaten wie Deutschland oder England dokumentieren sollte. Das Königreich stand vor der Verwirklichung großer Straßenbauprojekte, und Sitges-Terramar diente als Versuchslabor: Der Beton, aus dem das nierenförmige Zweikilometer-Oval entstand, war zu seiner Zeit hochqualitatives Baumaterial. Auch deswegen liegt die Bahn noch heute in ihrer ganzen morbiden Pracht im Dornröschenschlaf. Die gewaltigen Steilwände sind noch immer gut erhalten; nur die geraden Passagen haben in den vergangenen 80 Jahren gelitten.

Jeder, der sich diesem Walhall der schnell gefahrenen Kilometer nähert, bleibt ergriffen vor den enorm überhöhten grauen Kurven stehen. Und wer versucht, zu Fuß vom Inneren der Kurvenmitte die obere Kante zu erreichen, wird bereits auf halbem Weg scheitern: zu steil, viel zu steil. 60 Grad beträgt die Überhöhung in den unteren Bereichen; oben sind es sagenhafte 90 Grad. Zum Vergleich: Die Ovalpiste im amerikanischen Daytona weist maximal 31 Grad auf. Doch gerade diese immense Überhöhung in Kombination mit dem engen Radius von 100 Metern soll nach nur zwei Jahren das Ende des ehrgeizigen Bauprojekts eingeleitet haben. Obwohl Architekt Jaume Mestres i Fossas reklamierte, dass die Strecke auch für Durchschnittswerte jenseits von Tempo 200 gebaut sei, hieß es, sie sei fehlerhaft. Finanzielle Probleme beschleunigten den Untergang des Autódromo Nacional. Weil die Rechnungen der Baufirmen offen blieben, wurden die Preisgelder des Premierenrennens gepfändet und die Fahrer um ihr Startgeld gebracht. Man kehrte nicht zurück.

Spuren einstiger Rennsport-Granden

Wer sich von Sitges in Richtung des heutigen Motorsport- Domizils orientiert, des Circuit de Catalunya bei Montmelo nordwestlich von Barcelona, kann unterwegs noch auf den Spuren einstiger Rennsport-Granden wie Juan Manuel Fangio oder Jackie Stewart wandeln. Der Hausberg von Barcelona, der Montjuïc, ist nicht nur untrennbar mit Geschichte, Freizeit, Kultur und Sport der Stadt verbunden, hier wurde zwischen 1969 und 1975 auch vier Mal der Große Preis von Spanien ausgetragen. Stewart siegte 1969 und 1971, Emerson Fittipaldi gewann hier 1973, doch der schwere Unfall von Rolf Stommelen beim letzten Rennen 1975 mit fünf getöteten Zuschauern unterstrich, dass dieser Stadtkurs weder zeitgemäß noch sicher war.

Den Barcelonern ist der Montjuïc längst als Naherholungsgebiet ans Herz gewachsen. Doch auch Reisende bekommen etwas zu sehen. Neben dem Olympiastadion sind zahlreiche Paläste, Museen und Gärten zu entdecken, die 1929 anlässlich der Weltausstellung entstanden, wie auch der Deutsche Pavillon des Bauhaus-Architekten Mies van der Rohe.

Grand Prix auf den Straßen der Vorortgegend

Nur zwei Mal wurde der spanische Grand Prix auf den Straßen der Vorortgegend von Pedralbes ausgetragen. Wo heute die Universität von Barcelona angesiedelt ist, steuerte 1951 Fangio entlang der Avinguda Diagonal – heute eine pulsierende Verkehrsader – über die Ronda de Dalt, die Carretera d’Esplugues und die Avinguda de Pedralbes zum Sieg und zu seiner ersten Weltmeisterschaft. 1954 wurde der Argentinier zwar nur Dritter, sicherte sich damit jedoch seinen zweiten Titel. Doch nichts, nicht einmal eine Gedenktafel, erinnert heute an die ersten Formel 1-Rennen in Spanien. Damals lebten rund eine Million Menschen in der Hauptstadt Kataloniens, heute zählt sie 1,6 Millionen Einwohner. Die Avinguda Diagonal zollt mit ihren zehn Fahrspuren dem unermesslichen Verkehrsaufkommen von heute Tribut.

Wer nun diese drei Strecken erforscht hat, sich ein Bild davon gemacht hat, wie hier die Haudegen alter Rennfahrerschule gekämpft haben, findet rund 50 Kilometer außerhalb und nördlich von Barcelona in den Selva-Bergen ein weiteres Kleinod des wettbewerbsmäßigen Autofahrens. Die 16,3 Kilometer lange Bergrennstrecke im Naturschutzpark Montseny war stets einer der Höhepunkte zur Berg-Europameisterschaft. Wenige Kilometer hinter der Ortschaft Sant Celoni, in der Siedlung Campins, lag der Start. Abgewinkt wurden die Piloten 1000 Meter höher an dem kleinen Kloster Santa Fe. Doch auch hier wird die automobilsportliche Historie nicht weiter gepflegt. Nur mit viel Aufmerksamkeit findet man die längst verwitterte Startlinie. Wo der Zielstrich aufgepinselt war, lässt sich nur erahnen.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Whatsapp
Immer auf dem neuesten Stand mit unserem WhatsApp-NewsletterJetzt kostenlos anmelden