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Drei Zeitzeugen des 600

Foto: 18 Bilder

Die Zahl steht für einen Mythos. Diese Männer haben ihn mitgestaltet. Mechaniker, Chauffeur und Reise-Ingenieur erinnern sich an ihre schöne Zeit mit dem besten Automobil der Welt.

01.09.2003 Alf Cremers Powered by

Der Stolz der Nation


Sie haben den Mercedes-Benz 600 weder erdacht noch konstruiert. Keiner von ihnen hat das Lastenheft des W 100 festgelegt oder das Design auch nur um eine Nuance beeinflusst. Die drei Männer, die sich an einem Vormittag im Juli aufmachen, um im Mercedes-Benz Classic Center auf ihr Lieblingskind zu treffen, gehören zur Exekutive. Sie waren ausführende Organe – dennoch wichtige Zahnräder im komplexen Getriebe, das den Kraftfluss von der genialen Idee zum populären Mythos 600 steuert. Ein Antrieb, der bis heute funktioniert und durch das 40-jährige Jubiläum des kompliziertesten Nachkriegs-Mercedes noch mehr Drehmoment entwickelt.

Gleich zwei majestätische 600 warten als Demonstrationsobjekte und Erinnerungsträger auf die drei Ruheständler. Eine Limousine, Baujahr 1969, in Dunkelblau mit cognacfarbenem Leder aus Privatbesitz und ein mit grauem Velours ausstaffierter schwarzer Pullman, Baujahr 1980, der einst zur Beförderung von Staatsgästen diente.

Zwanglos beginnt das Gespräch – alle sind der Meinung, dass die Limousine besser proportioniert und harmonischer sei, die staatstragende Autorität des 600 jedoch ohne den 6,24 Meter langen Pullman nicht denkbar wäre. Die Daimler-Benz-Konstrukteure Fritz Nallinger, Rudolf Uhlenhaut und Karl Wilfert haben sich mit dem W 100 ein Denkmal gesetzt. Alles wurde von Grund auf neu gemacht, ohne Rücksicht auf die Kosten.


Der Hydraulikspezialist

Peter Straub (70) arbeitete im Versuchsstadium des 600 als Mechaniker in der Aggregate-Entwicklung beim Daimler-Benz-Werk in Stuttgart-Untertürkheim. Zunächst baute er die Leitungen und Ventile für die Luftfederung in die Versuchsfahrzeuge ein und legte ihre definitiven Befestigungspunkte fest. Später kümmerte er sich um den genauen Verlauf des verzweigten Hydraulikkreislaufs innerhalb der Karosseriestruktur.

Mit einem Arbeitsdruck von 150 bar ist die Komfort-Hydraulik das lautlose und kraftvolle Wunder im 600. Sie öffnet und schließt Fenster und Schiebedach, bewegt zügig die Vordersitze in die passende Position, lässt den Kofferaumdeckel nach oben schnellen oder ins Schloss gleiten, steuert die Belüftungsklappen der Klimaanlage und zieht die Türen zu, wenn sie angelehnt sind. Die Komforthydraulik gibt es nur im 600.

"Elektrisch konnten das die Amis damals auch", gibt Peter Straub zu. " Aber unsere Lösung ist vielseitiger und ausgefeilter, vor allem aber schneller und leiser", sagt er nicht ohne Stolz. "Leider war das System zu teuer in der Herstellung und im Alter nicht ohne Tücken, deshalb haben wir es für die S-Klasse nicht übernommen", bedauert der waschechte Schwabe, der 47 Jahre beim Daimler geschafft hat und heute eine lange A-Klasse vom Typ 160 fährt.


Der Chauffeur

Wolfgang Wöstendieck (67) nimmt nach zehn Jahren Abstinenz hinter dem schwarzen Lenkrad des Pullman Platz. Ein bisschen versonnen gleitet sein Blick über das Palisanderfurnier und die großen Rundinstrumente. Seine rechte Hand berührt gefühlvoll den Automatikwählhebel. "Das war einmal mein Zuhause", sinniert er. "Unzählige Stunden habe ich meist wartend und weniger fahrend in diesem Auto verbracht."

Hinter der Trennscheibe war früher sein Arbeitsplatz, denn Wöstendieck fuhr als Daimler-Benz-Angestellter für den Staat. Von 1971 bis 1993 chauffierte der frühere Bundeswehr-Fahrlehrer Staatsgäste und hochrangige Politiker als Cheffahrer streng nach Protokoll, meist im gepanzerten Pullman, Kennzeichen S-VC 600, oder später S-EL 6000, der ein höheres Dach besaß und auf die vorderen Ausstellfenster verzichtet. Eingeschliffene Rituale: Warten, Putzen, Vorfahren und den Wagenschlag öffnen.

Zuvorkommend hatte man zu sein, auch wenn man von vielen der hohen Damen und Herren kaum beachtet wurde. "Ein Cheffahrer muss unauffällig und diskret sein", meint der gebürtige Bremer. Trotzdem blieb oft Zeit für einen Schnappschuss samt Autogramm. Zwei dicke Bände liegen neben ihm auf dem Beifahrersitz.

Wöstendieck hat sie alle – von Jimmy Carter über Franz-Josef Strauß bis Kaiser Mobuto mit der Leopardenmütze. Ob Demokrat, Potentat oder Despot: 116 Staatsbesuche in Leinen gebunden, ein Stück Zeitgeschichte, erlebt im Mercedes 600. Die Zeiten von Mütze, Handschuhen und Livree waren kurz nach Wöstendiecks Chauffeurdebut jedoch vorbei. "Wir fuhren nicht in Uniform, ein dunkelblauer Anzug genügte."


Der Verkäufer

Die Mächtigen der Welt traf auch unser dritter Mann, Horst Schellhammer (65). Er war so etwas wie ein Missionar des 600, musste die neue Religion von der hochtechnisierten Staatskarosse in der Welt verbreiten. Als wäre er noch im Dienst, öffnet er spontan die Motorhaube der blauen Limousine und beginnt auf sehr unterhaltsame Weise über die faszinierende Technik zu dozieren.

"Dort hinter dem Vorratsbehälter für die Komforthydraulik sitzt das Bremsgerät. Der 600er hat ein druckluftunterstütztes Bremssystem, das ohne den üblichen Unterdruck im Saugrohr auskommt. Stattdessen stellt der Luftpresser der Federung den Überdruck zur Bremsbetätigung her. Deshalb leuchtet nach dem Start kurz eine Warnlampe im Kombiinstrument auf, bis die Anlage genügend Druck aufgebaut hat."

Einst wurde Schellhammer als junger Techniker bei Daimler-Benz umfassend in die Geheimnisse des 600 eingewiesen, vergessen hat er nichts. Seine Aufgabe war es, sie weiterzugeben – nicht an die Konkurrenz, sondern an die Kunden und Vertragswerksstätten in aller Welt.

Die ganze Welt bereist

125 Länder hat er bereist, es verschlug ihn bis nach Tonga in den Südpazifik. Er traf Schah Reza Pahlevi in Teheran, Kaiser Haile Selassie in Addis Abeba, Anwar El Sadat in Kairo und Prinz Sihanouk in Kuala-Lumpur. Schellhammer, gerade wegen seiner Reisetätigkeit jung und agil geblieben, besitzt keine Autogrammsammlung, aber er schwelgt auch so lebhaft in Erinnerungen. Spricht vom geradezu freundschaftlichen Verhältnis zu König Hussein von Jordanien und kritisiert die Arroganz, die der Schah ihm gegenüber an den Tag legte.

Besonders oft war er in den arabischen Emiraten, etwa beim Sultan von Bahrein zu Gast: Hier lebten die Stammkunden für den 600, manche Scheichs besaßen gleich mehrere. Und nicht alle behandelten das wertvolle Auto so, wie Schellhammer es ihnen ans Herz gelegt hat.

"Dabei braucht der 600 liebevolle und fachkundige Behandlung – mehr als jedes andere Automobil", stellt der Fahrer eines CLK 270 CDI mahnend fest. Dann nimmt er sich die offensichtlichen Schwachstellen der blauen Limousine vor. "Sehen Sie, die Feststellbremse bleibt drin, wenn ich den Wählhebel aus der Parkstellung bewege. Dabei müsste sie sich automatisch lösen." Eifrig wie ein TÜV-Ingenieur eilt er zum nächsten Prüfpunkt. Die Lüftungsklappe mit dem Gitter vor der Windschutzscheibe fährt wie in Zeitlupe aus. "Die Hydraulik ist müde", konstatiert der versierte Techniker lapidar und startet den Motor.



Regelmäßige Wartung ist das A und O

Unter dem Instrumentenbrett liegt versteckt ein Zughebel zwecks Erhöhung der Bodenfreiheit. "Langsam, knarrend wie eine morsche Eiche erhebt sich der schwere Wagen aus den Luftfederbälgen. Auch das funktioniert ihm zu langsam und zu wenig diskret. "Der 600 hat eben seine Tücken, regelmäßige Wartung ist das A und O."

Der Staatskarossen-Fahrer Wöstendieck brauchte sich um die Wartung des 600 nicht zu kümmern. Putzen musste er ihn. Und wissen, wie man den Reifen wechselt. Beim 600 ist das trotz schwerem Pneu eine eher leichte Übung. "Einmal ist mir auf der Autobahn Köln-Bonn ein Reifen geplatzt, Breschnew saß im Wagen. Die Stimmung im Fond war eisig, man witterte einen Anschlag. Doch schnell brachte ich die Situation unter Kontrolle. Breschnew stieg in den ungepanzerten Ersatz-600 um, und in knapp zehn Minuten hatte ich den Reifen gewechselt. Bundespräsident Scheel wartete schon ungeduldig in der Villa Hammerschmidt."


Der Chauffeur fährt auch privat Mercedes

Heute fährt Wolfgang Wöstendieck einen weißen Mercedes 250 D, Baureihe W 124. Den 600 vermisst er nicht. 1993 ist er in Rente gegangen. Gedankt hat ihm die Regierung seine treuen unfallfreien Fahrdienste nicht, was ihn ein bisschen traurig macht.


Honecker wurde im Pullman abgeschoben

So muss sich Honecker gefühlt haben, als er ihn bei seinem Staatsbesuch 1987 von Saarbrücken nach Trier fuhr. "Ganz allein saß er hinten im Pullman, ohne Begleitzeremoniell haben sie ihn abgeschoben. Das war nicht fair, immerhin war er Staatsgast, und da gibt es Regeln." Gab es auch einen glamourösen Augenblick im Leben des Mechanikers Peter Straub? "Anfangs habe ich den 600 auf Autosalons begleitet. Ich war mit ihm in London, Paris und New York, und auf Presse-Präsentationen. Wir mussten die Autos verladen und für die Ausstellungen korrekt drapieren. Da sah man natürlich auch viel erlesenes Publikum, feine Herrschaften – eben die potenzielle Käuferschicht für solch einen wunderbaren Wagen."

Auch heute ein Blickfang

Es gibt noch ein Abschiedsessen für die drei Zeitzeugen des 600. Der Pullman fährt voraus und die Limousine hinterher – beide schlängeln sich leise und sehr bedeutend durch die engen Nebenstraßen der Weinstadt Fellbach. Fast wie im Protokoll. Passanten verdrehen wie auf Kommando ihre Köpfe. Vor der Gartenwirtschaft steigen wir aus und sind uns einig: Würdevoller kann man nicht Auto fahren. Auch nicht in einem Maybach 62.

Kommentar

Klaus Kienle, Inhaber der Kienle Automobiltechnik in Ditzingen-Heimerdingen, über den 600: "Die Nachfrage nach guten Mercedes 600 steigt seit einiger Zeit konstant. Sie ist höher als das Angebot gepflegter Exemplare. Inzwischen haben Kenner begriffen, dass hinter der vermeintlich biederen Karosserie des Großen Mercedes das aufwendigste Automobil der Nachkriegszeit steckt. Handwerkliche Verarbeitung auf höchsten Niveau, konstruktive Brillanz und extravagante technische Lösungen ohne Rücksicht auf die Kosten zeichnen den Wagen aus. Ein 600 ist einfach faszinierend."

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