Bentley S1 von Künstler Joseph Beuys

Wie Künstler Beuys zu seinem Bentley kam

Bentley S1

Wie Joseph Beuys, einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, zu seinem Bentley S1 kam, dem er bis zu seinem Tod 1986 treu blieb.

Helmut Becker predigt seinen Mitarbeitern stets, Kunden nicht nach dem Aussehen zu beurteilen. Also schickt die Empfangsdame den ärmlich aussehenden Mann mit abgetragenem Hut und Regenmantel an diesem Tag zum Junior-Chef. Der potenzielle Käufer stellt sich vor: "Guten Tag, ich bin Joseph Beuys und möchte einen Cadillac oder Rolls-Royce kaufen." Getreu seinem Motto nimmt sich Becker - völlig ahnungslos, mit wem er es zu tun hat - des nicht gerade vielversprechenden Kunden an.

Beuys erhält den Bentley S1 im Jahr 1966

"Was sind Sie denn von Beruf?", tastet sich der Verkäufer heran. "Ich bin Künstler", sagt Beuys. Becker galant: "Künstler schaffen Dinge, in denen sie über ihren Tod hinaus weiter existieren." Er, Beuys, brauche ein Auto, das diesen Anspruch erfülle. Mit geschickter Verkäuferrhetorik überzeugt er Beuys von den Qualitäten eines gebrauchten Bentley S1, Baujahr 1959, den der Privatbankier von Oppenheim zuvor gefahren habe. Was Becker nicht erwartet: Beuys zieht ein Kuvert aus dem Regenmantel und bezahlt bar - 25.000 Mark. Das war 1966. Fortan brachte der Bentley den Düsseldorfer Kunstprofessor täglich von seinem linksrheinischen Domizil über die Oberkasseler Brücke zur Kunstakademie. Sein Fahrstil wird als Mischung aus weltfremd, majestätisch und schnell beschrieben.

Beuys blieb dem Bentley S1 bis zu seinem Tod 1986 treu

Da Beuys gerne offen fuhr, ließ er ein Faltdach einbauen - für Oldtimer-Fans ein unverzeihlicher Faupax. Beuys blieb dem Auto bis zu seinem Tod 1986 treu. Drei Jahre später, an einem regnerischen Samstag im April, verschlägt es Kunstberater und Beuys-Sammler Helge Achenbach in das noble Düsseldorfer Autohaus Becker. Vom miesen Wetter gefrustet, sucht er Aufheiterung. Und da steht plötzlich der Bentley von Beuys vor ihm. Der junge Gebrauchtwagenverkäufer verlangt nur 65.000 Mark. Ein Schnäppchen, findet Achenbach und schlägt sofort zu. Vergeblich versucht Helmut Becker persönlich, am darauf folgenden Montag das Geschäft rückgängig zu machen. Verständlich: Das höchste Gebot, das Achenbach je von einem Beuys-Sammler bekommen hat, lag bei 250.000 Mark.

Ein Stück rollende Bentley-Geschichte

Allen lukrativen Angeboten zum Trotz will Achenbach den Bentley behalten. Zu lange hatte er nach einem passenden Gefährt für seine Museumstouren gesucht. Gefahr drohte nur im Herbst 1989, als der Düsseldorfer nachts am Telefon hing, um bei einer Auktion für einen Rolls-Royce Silver Shadow von Andy Warhol zu bieten. "Bei 95.000 Dollar bin ich aber ausgestiegen." Der Bentley ist allerdings ein mehr als würdiger Ersatz und eine stete Verbindung zu dem verehrten Beuys. Und so gleitet das britische Schiff immer noch regelmäßig durch den Düsseldorfer Stadtverkehr. Die Tücken der Straßenbahnschienen und Schlaglöcher verschwinden irgendwo in der Federung - ein Fahrgefühl wie in einer Sänfte. Zwei Jahrzehnte lang war der schmächtige Körper des berühmten Künstlers in die weichen Ledersitze eingetaucht. Ein Stück rollende Geschichte.

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Jens Katemann

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